In den 1990ern drehten sich die Paradigmen nicht nur im Literaturbetrieb um 180 Grad. Der Höhenflug der Kulturindustrie, angespornt von dem Artikulationsdrang einer von allen Seiten bedienten Jugend, deren Altersgrenze sich immer mehr nach oben verschob, sorgte auch dafür, dass ein bis dahin eher anonym besetzter Job zum Traumberuf Nr. 1 avancierte: DJ. Das konnte jeder, der wirklich wollte. Für diejenigen, die mehr auf die Lehre vertrauten, erfand die Zigarettenindustrie, und nicht nur die, Workshops, die "DJ-Academy" hießen. Wer Theorie brauchte, hatte "DJ Culture" (1995) von Ulf Poschardt zu Hause und "Mix, Cuts and Scratches" (1997) aus dem Merve-Verlag, ein langes Rainald-Goetz-Interview mit DJ Westbam über die Praxis & Theorie des Auflegens und indirekt auch über Fans und Endkonsumenten.
Handwerk und Begeisterung
Allerdings ließ sich, das kam bald heraus, mit dem Auflegen nicht viel Geld verdienen. Für mehr als eine Hand voll Stars ist in der Szene kein Platz. Hans Nieswandt allerdings ist einer. Auch wenn sein Buch "plus minus acht" manchmal den Eindruck erweckt, solides Handwerk und Schüchternheit seien die Hauptkomponenten seiner Arbeit. Nieswandt war ein Star als Teil von "Whirlpool Productions", das vor allem, aber natürlich auch durch seine frühe und konstante Mitarbeit bei "Spex", vor allem aber, weil er ein sehr guter House-DJ ist.
Um alle diese Aspekte geht es in dem Buch, aber nicht, wie man es bei Nieswandt, der sich im Zentrum der oft intellektuell genannten Kölner Musikszene bewegt, um die Abstraktion des Auflegens. Nieswandt erlaubt sich, über nichts anderes zu schreiben als darüber, wie er seine Arbeit erlebt. Berichte aus der DJ-Box - wie es sich anfühlt, die Platten zu sortieren, zu mixen, und zu merken, wie der Funken überspringt - wechseln ab mit illustrierenden Anekdoten, in denen der DJ als Dienstleister, Kofferträger, Hanswurst und Popstar wider Willen auftritt.
Italo-Style
Das lustigste Kapitel ist nach wie vor "I am a Popstar in Your Country", im letzten Jahr bereits in "Sound Signatures" von Jochen Bonz abgedruckt. Hier wird die erfolgreichste Zeit von Whirlpool Productions - dem Band-Projekt von Nieswandt zusammen mit Justus Köhnke und Eric D. Clark - schnell und hart abgerissen. Wirklich "From: Disco to: Disco", im Italo-Style. Der Hit von Whirlpool war eigentlich nur als Bonbontrack ganz ans Ende von "Dense Music", ihrem zweiten Album (1996), gedacht, brachte es aber innerhalb weniger Wochen auf die Nr. 1 in Italien, wo sie als "immer betrunkene Spaßcombo aus Deutschland" vermarktet wurden. Eine prima Ausgangslage für eine Blitztour durch Italiens Landdiskos und Fernsehshows. Da muss man dann wirklich durch.
Schattenseiten
Irgendwie erwartet man aber auch mehr als nur einen unterhaltsamen Insider-Bericht. Die ausführlichen Masters-Choice-Listen am Ende des Buches - Platten und Accessoires - wirken eher wie ein Trostpflaster als wie ein Surplus. Kann man ja auch in jeder "Groove" nachlesen. Wenn es kritisch werden könnte und sollte - am DJ kann man schließlich auch beispielhaft die Marktmechanismen der leidigen Kulturindustrie nachexerzieren, Stichworte Love Parade und Konzern-Sponsoring, die Nieswandt ja tatsächlich bringt - wird es plötzlich brav und still. Dass eine so hochidealisierte Kunst wie das Auflegen auf die Gelder der Konzerne angewiesen ist und dies nicht gut reflektiert werden kann, ist leider wahr. "plus minus acht" ist trotzdem ein must.
Hans Nieswandt: plus minus acht - DJ Tage, DJ Nächte (Kiepenheuer & Witsch, 8.90 €)
Stephanie Wurster ist Fluter-Redakteurin.
Weiter lesen:
Ulf Poschardt: DJ Culture (Rowohlt Verlag, 12.50 €)
Westbam mit Rainald Goetz: Mix, Cuts and Scratches (Merve-Verlag, 10.50 €)
Ralf Niemczyk, Torsten Schmidt: From Skratch. Das DJ-Handbuch (Kiepenheuer & Witsch, 13.90 €)
Jochen Bonz: Sound Signatures. Pop-Splitter (Suhrkamp Verlag, 12.50 €)
DJ Bobo, Michaela Ansems: DJ Bobo - Gestatten, Rene Baumann (Zytglogge Verlag, 19.50 €)
Kurt B. Reighley: Looking for the Perfect Beat: The Art and Culture of the DJ (MTV Books, ca. 15 €)
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