Tschüss, Kapitalismus!

Interview mit Christian Felber zur "Gemeinwohl-Ökonomie"

6.1.2012 | Andi Weiland | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ist eine Welt, in der Geld keine große Rolle spielt, eine Welt ohne Kapitalismus vorstellbar? In einer Zeit, in der das Finanzsystem auf dem Prüfstand steht, werden auch neue Theorien gebildet, in denen Geld nicht mehr der wichtigste Faktor ist. Wie in der "Gemeinwohl-Ökonomie" (GWÖ), einer Theorie, die der Journalist Christian Felber (geboren 1972), Mitbegründer von Attac Österreich, aufgestellt hat. 2008 erarbeitete Felber in seinem Buch "Neue Werte für die Wirtschaft. Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus" erste Grundlagen für diese alternative Ökonomie. Danach arbeitete eine Attac-Unternehmer/innen-Gruppe fast zwei Jahre lang an der Verfeinerung der Theorie und ihrer Umsetzung.

Bei dieser tendenziell neuen Form der Marktwirtschaft soll nicht mehr das Gewinnstreben von Unternehmen im Mittelpunkt stehen, sondern die Kooperation und das Gemeinwohlstreben. Zwischenmenschliche Faktoren wie Vertrauensbildung, Verantwortung, Mitgefühl, gegenseitige Hilfe und Kooperation sollen in die Bilanzen von Unternehmen einfließen und dabei wichtiger werden als Gewinnerlöse.

2010 starteten Felber und die Attac-Unternehmer/innen eine Initiative, die von Organisationen, Politikern/innen, Privatpersonen und Unternehmen mitgetragen wird und über die Homepage gemeinwohl-oekonomie.org von jedem unterstützt werden kann. 2011 veröffentlichten erstmals über 100 Unternehmen freiwillig eine "Gemeinwohl-Bilanz".

Andi Weiland: Geld schafft eine Menge Probleme. Können wir es nicht einfach abschaffen?

Christian Felber: Möglich wäre es ja! In einer Demokratie sind alle politischen Entscheidungen änderbar. Aber einfach geht das sicher nicht. Ich fürchte: Wenn wir Geld handstreichartig abschaffen würden, würde die gesamte Weltwirtschaft zusammenbrechen, würden Chaos und Hunger ausbrechen. Es bräuchte erst ein alternatives Produktions-, Verteilungs- und Versorgungsmodell, bevor wir die Abschaffung des Geldes auch nur andenken könnten.

Was ist Arbeit wert?

In Ihrem Buch "Gemeinwohl Ökonomie" erklären Sie, dass Werte das Fundament unserer Gesellschaft seien. Wurde nicht das Geld erfunden, um zwischen den menschlichen und den wirtschaftlichen Werten zu vermitteln? Um beispielsweise Antworten auf Fragen wie "Was ist Arbeit wert?" zu finden?

Geld ist kein Wert an sich. Aber es dient dazu, den Tauschwert von "echten Werten", von Nutzwerten, abzubilden und zu transportieren. Es ist also ein Tauschwertträger oder -medium. In manchen Fällen funktioniert das gut, in manchen geht es katastrophal daneben. Zum Beispiel, wenn die wertvollsten Leistungen – zum Beispiel die Betreuung von Kindern, Kranken oder älteren Menschen – einen miserablen oder gar keinen Tauschwert erzielen und die schädlichsten Leistungen – wie die Betreuung eines Hedgefonds – den höchsten Tauschwert. Zweite große Gefahr: Der wirtschaftliche Erfolg darf niemals in Tauschwert-Indikatoren gemessen werden – BIP, Finanzgewinn –, er sollte immer "zurückkehren" zur Messung der Nutzwerte. Das leistet die von uns entwickelte Gemeinwohl-Bilanz – für Unternehmen – und das Gemeinwohl-Produkt für die Volkswirtschaft.

Was bedeutet das: Gemeinwohl?

Das steht nur im Groben fest: dass das Wohl aller Menschen und Lebewesen zählt. Im Feinen ist es offen und muss von jeder Generation aufs Neue demokratisch ausgehandelt werden. Wir haben das mit der Gemeinwohl-Bilanz für Unternehmen versucht, die sich aus – vermutlich mehrheitsfähigen – Indikatoren zusammensetzt: Ist das Produkt sinnvoll? Sind die Arbeitsbedingungen human? Wird ökologisch produziert? Wird gerecht verteilt? Werden Frauen gleichbehandelt? Dürfen die Beschäftigten mitbestimmen?

Der Philosoph Slavoj Žižek hat einmal gemeint, dass man sich das Ende des Kapitalismus nicht vorstellen kann. Wie kann man sich dann Ihre Idee einer Gemeinwohl-Ökonomie vorstellen?

Man braucht sich nur eine Wirtschaft vorstellen, in der erstens die Mehrung des Gemeinwohls und nicht des Kapitals das Ziel ist und in der zweitens wirtschaftlicher Erfolg nicht in Finanzindikatoren gemessen wird. Sondern in Gemeinwohl-Indikatoren. Wenn man es einmal verstanden hat, geht es ganz leicht.

Und sie bewegen sich doch!

In Ihrem Buch schreiben Sie pragmatisch, dass Personen oder Unternehmen bestimmte Punkte erfüllen müssten, damit eine Gemeinwohl-Ökonomie entstände. Sehen Sie schon Bereiche, die sich in die richtige Richtung entwickeln?

Die Gemeinwohl-Bilanz selbst wird 2012 von voraussichtlich 200 Unternehmen aus mindestens fünf Staaten erstellt. Das wäre also ein erster Schritt. Die anderen Eckpunkte, zum Beispiel die Begrenzung der Einkommensungleichheit, die Reduktion der Regelarbeitszeit oder die Schrumpfung des Finanzsystems, sind in der Bevölkerung zum Teil schon breit mehrheitsfähig, aber noch nicht bei den politischen Eliten, die derzeit noch die Entscheidungen treffen. Bei kleineren Attac-Forderungen wie der Finanztransaktionssteuer, Abschaffung des Bankgeheimnisses oder Schließung von Steueroasen beginnen sich auch die Eliten schon zu bewegen.

Ihre Theorie von einer Gemeinwohl-Ökonomie soll sich nicht nur auf das Buch beschränken, sondern Sie versuchen sie auch in die Praxis umzusetzen – indem Sie mit Ihren Mitstreitern/innen über die Gemeinwohl-Seite Personen, Unternehmen, Vereine und Politiker/innen zum Mitmachen animieren. Ihre Seite wurde 2010 gestartet – welche Bilanz ziehen Sie jetzt?

Wir sind überwältigt! Fast 500 Unternehmen aus 13 Staaten unterstützen die Initiative, 60 erstellten im ersten Jahr die Gemeinwohl-Bilanz. 26 Energiefelder sind in Deutschland, Österreich, Italien, Liechtenstein, der Schweiz und Spanien entstanden. Täglich beteiligen sich immer mehr Menschen, Organisationen und Gemeinden. Es ist ein wahrer Boom.

Sie beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit den Schwierigkeiten des Kapitalismus. Fühlen Sie sich nicht, seit der Geldmarkt vor ein paar Jahren ins Strudeln geraten ist, wie Kassandra, die Figur aus der griechischen Mythologie, die die Zukunft vorhersagte, aber nicht gehört wurde?

Am deutlichsten geht es mir so bei der Rentenprivatisierung. Da habe ich das Desaster, was jetzt langsam offenkundig wird, minutiös vorhergesagt. So gesehen war ich eine Rentenprivatisierungskassandra.

Christian Felber: Die Gemeinwohl-Ökonomie: Das Wirtschaftsmodell der Zukunft (Deuticke 2010, 160 S., 15.90 €)

 

 

Andi Weiland lebt in Berlin, arbeitet bei den SOZIALHELDEN und der Berliner Gazette – zwei Vereinen, über die er selbst einen kleinen Teil zum Gemeinwohl beitragen möchte.

Foto: ©Luca Faccio







Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Was bisher geschah...

John

Thanks for this article. I'd also like to express that it can often be hard if you are in school and simply starting out to initiate a long credit standing. There are many students who are just trying to endure and have an extended or favourable credit history are often a difficult matter to have.

Smithk318 | 25. August 2014   14:04

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)