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Charles Dickens: Große Erwartungen

Geheimnisvoller Wohltäter

3.2.2012 | Christoph Braun | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Man kann ihm nicht entkommen. Charles Dickens feiert dieses Jahr 200. Geburtstag. Zahlreiche Veranstaltungen und Neuauflagen zeugen in seiner Heimat England von dem nicht nur ungebrochenen, sondern auch neu angefachten Interesse an dem Mann aus einfachsten Verhältnissen, der 1870 als größter englischer Schriftsteller starb. In Deutschland ist gerade einer der berühmtesten Romane Dickens' neu aufgelegt worden: "Große Erwartungen" (1841), in der Neuübersetzung von Melanie Walz.

Hat dieses umfangreiche Werk heute noch etwas zu sagen? Die "großen Erwartungen", die Charles Dickens da seinem Helden Pip aufbürdet, haben immerhin mit Geld zu tun. Dass jemand auf "Great Expectations", wie es im Originaltitel heißt, hoffen kann, das bedeutet, dass eine dicke Erbschaft in Aussicht steht. Richtig viel Geld! Dahin aber muss Dickens Romanheld Pip, der in dem ärmlichen Haushalt eines Handwerkers aufwächst, erst mal kommen. Schon deswegen legt die Geschichte mit Geschwindigkeit und Turbulenz los.

Schlichte Verhältnisse

Die Verhältnisse in dem unbenannten grauen Küstenstädtchen schildert Dickens vor allem im ersten Teil des Buches. Pip wächst als Waise auf, bei seiner älteren Schwester und deren Mann, einem Grobschmied, der eine Menge Muskeln hat und ein großes Herz. "Mrs. Joe" aber schikaniert Pip und den Ehemann mit Tätlichkeiten, abfälligen Bemerkungen und schlechter Laune. Es ist eine Familie, in der die Erwachsenen ihre Forderungen oft "mit der Hand" durchsetzen. Pip, der nichts anderes kennt, ist zufrieden mit diesem selbstgenügsamen Leben. Bis er von Miss Havisham zum Spielen eingeladen wird.

Bei Miss Havisham macht Pip, inzwischen ein junger Erwachsener, die Bekanntschaft mit deren Ziehkind Estella. Er verliebt sich in diese höhere Tochter, obwohl die ihn rüde und boshaft behandelt. Von nun an sieht er sich selbst mit den Augen der Bewohner des feinen Hauses. Die Liebe spornt ihn an, Lesen und Schreiben zu lernen. Doch obwohl er sich sehr bemüht: Nichts scheint Estella beeindrucken zu können, diese Gleichaltrige, die besser erzogen und ihm immer um mehrere Schritte voraus ist. "Jetzt war alles grob und gewöhnlich, und ich hätte um alles nicht gewollt, dass Fräulein Havisham und Estella es sähen", so bekundet Pip die Scham um sein Zuhause.

Hier nimmt das Drama der "Großen Erwartungen" seinen Lauf. Und ab hier gewinnt der Text auch an Modernität. Bei aller Ernsthaftigkeit der Erzählung ist die Geschichte durchsetzt mit Ironie, Sarkasmus, mit den Mitteln des modernen Romans also. Die Verquickung von Geld, sozialer Flexibilität und der Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Liebe wirkt noch heute ganz vertraut. Gerade an dieser Stelle wirkt der Roman von Dickens, der ja deutlich im frühen 19. Jahrhundert verortet ist, zeitlos.

Eine auf den Kopf gestellte Ordnung der Dinge

Als Pip sich seinem vermeintlichen Schicksal längst gefügt und eine Lehre als Grobschmied bei Joe begonnen hat, da eröffnet ihm ein Londoner Anwalt, dass er eine geheimnisvolle Erbschaft machen wird. Mit Anfang zwanzig zieht Pip deshalb nach London und springt gleich mehrere Gesellschaftsschichten nach oben. Pip glaubt fest daran, dass es Miss Havisham ist, die ihm sein monatliches Geld zukommen lässt. Vielleicht also wird er doch dereinst Estella heiraten können? Pip nimmt Benimm-Unterricht und lässt sich Maßanzüge schneidern.

Eine handlungsreiche Erzählung, eine Sprache auf der Höhe ihrer Zeit, bis ins Detail gezeichnete Charaktere: Dickens "Große Erwartungen" protzen vor Erzähllust. Wenige Figuren der Literaturgeschichte sind derart klar gezeichnet, eindeutig und doch so vielschichtig wie Miss Havisham oder der brutale Anwalt Jaggers, der die Interessen von Pips Vermögensstifter vertritt.

Pip selbst wird ganz zu Beginn des Romans von einem ausgerissenen Sträfling, den er auf dem Friedhof trifft, buchstäblich auf den Kopf gestellt. Das nimmt die Geschichte vorweg, die gleich mehrmals Pips Sicht auf die Welt umdrehen wird. Und dieses Intermezzo verbirgt auch die nächste, noch größere Überraschung, die der Text bereit hält: die Identität der Person, der Pips schließlich das gute Leben verdankt.

Dickens Text, der sowohl als überaus fesselnder "Page Turner" funktioniert wie auch als minutiöse Gesellschaftsstudie, wird zu Recht als Klassiker bezeichnet. Es ist ein großes Buch, das sich auch heute noch mit großem Erkenntnisgewinn lesen lässt – ob in der Übersetzung von Paul Heichen für den Insel Verlag, die mit der Lust am Sound der Worte prunkt, oder in der neuesten, der schlank-eleganten Übertragung von Melanie Walz für den Hanser Verlag.

Charles Dickens: Große Erwartungen (Hanser Verlag 2012, Übersetzung: Melanie Walz, 832 S., 34,90 €)

 

 

 

Charles Dickens: Große Erwartungen (Insel Verlag 2012, Übersetzung: Paul Heichen, 740 S., 9.95 €)

 

 

 

Christoph Braun (41) lebt als Kulturjournalist in Niedersachsen. Im März 2012 erscheint sein literarisches Sachbuch "Hacken - Leben auf dem Land in der digitalen Gegenwart".

Foto: ©kallejipp/ photocase.com



Links

Umfangreiches Portal der Charles-Dickens-Gesellschaft Deutschland e.V.
Das Charles Dickens-Museum in London – wird demnächst renoviert und erweitert und im Dezember 2012 wiedereröffnet
"Große Erwartungen" in der South-Park-Version
"Great Expectations" online – im englischsprachigen Original





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