Eugen Larasser
Eugen Larasser (26) ist Wettkampfoffizieller des Weltverbandes ISU, der International Skating Union. Mit erst 24 Jahren reiste er zu den Olympischen Winterspielen 2010 nach Vancouver – als jüngster Wettkampfoffizieller. Immer öfter wird er jetzt als Juror eingesetzt. Gerade erst kam er von den Olympischen Winterspielen der Jugend aus Innsbruck zurück. Jetzt aber muss Eugen, der in Regensburg lebt, erst mal für die nächsten Klausuren büffeln. Er studiert Jura im 9. Semester, sein Schwerpunkt ist "Recht der Informationsgesellschaft". Die Sommerferien fallen wegen dieser Doppelbelastung regelmäßig aus.
Maria Herwig: Du bist jetzt 26 und startest als Juror durch. Wie kamst du dazu?
Eugen Larasser: Mit sieben Jahren habe ich mit dem Eiskunstlauf begonnen. Als ich 13 Jahre alt war, wurde mein Training sehr leistungsorientiert. Ein Jahr später musste ich dann immer von Landshut nach München oder Regensburg pendeln. Es gab Stimmen in meinem Verband, die mich ermutigten, auch die Schule zu wechseln, um nach München oder Oberstdorf zu gehen – aber das wollte ich nicht.
Das war vielleicht auch der Grund, warum ich zwar im Nachwuchs- und Juniorenbereich auf dem Eis ein paar Erfolge gefeiert habe, im Seniorenbereich aber nie international zu Wettkämpfen angetreten bin. Im Paarlaufen hätte ich eine deutlich bessere Perspektive gehabt. Deswegen wollte ich mich, nachdem ich während des Abiturs ein Jahr mit dem Sport pausiert hatte, auch ganz auf die Paarlaufkarriere konzentrieren. Allerdings habe ich keine passende Partnerin gefunden. Und habe mich schlussendlich dagegen entschieden.
Gab es mal eine Zeit, in der du deine Schlittschuhe häufiger als deine Sneakers getragen hast?
Mal überspitzt formuliert: ja. In den Trainingslagern während der Ferien haben wir immer sehr intensiv trainiert, bis zu fünf Stunden am Tag.
Du bist dann auf die andere Seite gewechselt. Wie kommt man so jung dazu, als Wettkampfoffizieller bei den Olympischen Spielen oder bei Weltmeisterschaften die besten Eiskunstläufer der Welt zu bewerten?
Der deutsche Verband hat 2005 bei mir angefragt – eigentlich zu einer Zeit, in der ich noch aktiv laufen wollte –, ob ich in Frankfurt an einem Seminar teilnehmen möchte, um dort als technischer Wettkampfoffizieller ausgebildet zu werden. Ich habe die Prüfung gut bestanden und wurde direkt in der folgenden Woche vom Weltverband auf eine "Offiziellenliste" gesetzt. Man wird dann nach und nach gefragt, ob man zu diversen Wettkämpfen mitfahren möchte.
Eigentlich fängt man recht klein an, aber schon mein erster Wettkampf war international ausgerichtet. Zum einen war es also Glück, zum anderen habe ich mich aber auch ganz gut angestellt.
Was ist der Unterschied zwischen deiner Funktion als Wettkampfoffizieller und der eines Preisrichters?
Ich bin im Technischen Panel tätig, in einer Gruppe von fünf Leuten. Drei von uns sind entscheidungsbefugt, zwei stellen den Ablauf sicher und führen das ganze technische Prozedere durch, zum Beispiel Videozeitlupen. Dieses Panel gibt es seit der Saison 2004/2005. Gerade auch, damit der Einfluss sich verteilt und nicht nur die Preisrichter allein über die Medaillenvergabe entscheiden – wie es vorher der Fall war.
Ich bin entweder technischer Spezialist und somit entscheidungsbefugt oder ich bin der mit der technischen Durchführung beauftragte so genannte Data/Replay Operator. Natürlich kann ich die Funktionen nicht simultan ausüben. Als Spezialist benenne ich parallel zur Kür jeden Sprung, jede Pirouette und jeden Schritt des Läufers mit Namen und Schwierigkeitsgrad, sage sie dem Data/Replay Operator an und dieser gibt die Elemente in ein Computerprogramm ein.
Wir haben dann am Ende eine Listung aller ausgeführten Elemente und können schauen, wo eine Drehung gefehlt hat oder wann der Läufer gestürzt ist. Die Abzüge kalkulieren wir am Ende. Es gibt noch einen zweiten Spezialisten und einen technischen Controller und bei Unstimmigkeiten wird per Zwei-zu-eins-Mehrheitsentscheid abgestimmt. Wir im technischen Panel evaluieren die Technik des Athleten und geben somit das Grundgerüst für die Bewertung der Preisrichter vor. Denn die können nur das bewerten, was wir auch als Element klassifizieren. Außerdem evaluieren die Preisrichter den Lauf noch einmal auf einer anderen Ebene und beziehen die Choreographie oder die Höhe der Sprünge mit ein, also die ehemalige B-Note.
Du studierst Jura. Für andere ist das eine Vollzeitbeschäftigung, neben der man weder Zeit noch Energie für einen Nebenjob hat. Wie verbindest du Arbeit und Studium?
Im Sommer muss ich eben mehr für das Studium tun, damit ich im Winter Zeit für Wettkämpfe habe. Meine Examensvorbereitung habe ich von einem auf anderthalb Jahre gestreckt. Aber beides lässt sich schon verbinden! Durch alle Prüfungen bin ich bisher gut durchgekommen, auch wenn ich jede Saison zu 14 oder 15 Wettkämpfen fahre.
Ich würde die Wettkampf-Tätigkeit aber eher als ehrenamtlich bezeichnen: Auf die Stunde heruntergerechnet verdienen wir relativ wenig. Aber andererseits bekommen wir die Flüge und Unterkunft bezahlt und somit bin ich auch viel am Reisen. Als Wettkampfoffizieller war ich schon in ziemlich jedem europäischen Land, in dem Eiskunstlauf betrieben wird. Außerdem in Taiwan. Und eben in Kanada zu Olympia.
Was ist das für ein Gefühl, über Olympisches Gold mitentscheiden zu können?
Bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver war ich 24 Jahre alt und damit der Jüngste dort. Im Durchschnitt waren die Juroren etwa zehn bis zwanzig Jahre älter. Ich war generell aufgeregt; vor allem auch, als ich hörte, wie viele Millionen Menschen vor dem Fernseher sitzen. Und gleich im ersten Wettbewerb lief ein deutsches Paar, das Chancen auf Gold hatte.
Hast du in solchen Fällen das Gefühl, parteiisch zu sein?
Ich habe nie das Gefühl, parteiisch zu sein. Im Gegenteil, so eine Situation erhöht eher den Druck – weil sonst die Gerüchteküche sofort brodelt. Ich habe dann das Gefühl, besonders korrekt sein zu müssen. Jedenfalls fungierte ich bei Olympia als Data/Replay Operator und hatte keinen direkten Einfluss auf die Medaillenvergabe. Aber mir ging die ganze Zeit im Kopf herum: "Wenn ich jetzt etwas falsch eingebe, kommt ein falsches Ergebnis raus." Nach dem ersten Wettkampf ließ die Nervosität dann nach.
Ich treffe aber alle meine Entscheidungen als Offizieller nach bestem Wissen und Gewissen, da ich als Läufer unter dem alten Wertungssystem selbst ab und an Bewertungen erhalten habe, die ich als recht fragwürdig empfand. Ich weiß noch genau, wie sich das anfühlte.
Wurdest du schon mal bestochen?
Nicht direkt. Verschiedene Leute oder Verbände versuchen, sich mit dir gut zu stellen und laden dich abends vielleicht zum Essen ein. Da ich das ehrenamtlich mache, ist das auch okay. Alles unter 200 Dollar dürfen wir annehmen, alles darüber sollte man melden. Es ist nun einmal so, dass es Probleme geben kann, wenn die menschliche Komponente in der Entscheidungsfindung im Vordergrund steht. Aber direkt bestochen wurde ich noch nicht.
Wo steht der Eiskunstlauf in Deutschland zurzeit? Mir scheint, dass sich nicht mehr so viele dafür interessieren.
Ja, in der Tat! Das mediale Interesse und das der Öffentlichkeit haben abgenommen. Kim Yu-Na, die Olympiasiegerin von 2010, ist in ihrem Heimatland Südkorea ein Wahnsinnsstar. Jeden Tag laufen zig Fernsehspots über sie. In Deutschland gibt es das sehr erfolgreiche Chemnitzer Paar Savchenko und Szolkowy, aber irgendwie hat man es nicht geschafft, anhand ihrer Erfolge den deutschen Eiskunstlauf stärker in den medialen Fokus zu rücken. Der Sport erscheint mir in Deutschland für jüngere Leute nicht mehr so interessant wie früher. Wir brauchen neue Eventformate, um bei den Menschen wieder mehr Aufmerksamkeit für unseren Sport zu bekommen.
Maria Herwig (23) lebt in Potsdam. Sie schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.
Fotos: Privat
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