Untersuchung eines Babys
Alles begann vor etwa einem Jahr. Die Abiturvorbereitungen hatten noch nicht angefangen, so dass ich Zeit hatte, mir Gedanken über die Zeit danach bis zum Studienbeginn zu machen. Für mich stand schon lange fest, dass ich Medizin studieren will. Sollte ich also die Zeit mit einem Praktikum im Krankenhaus überbrücken? Oder doch lieber reisen – die Welt entdecken, neue Länder und fremde Kulturen kennen lernen?
Im Internet stieß ich auf die Seite von Projects Abroad, einer Organisation, die Praktika in zahlreichen Ländern anbietet, darunter auch Praktika für angehende Medizinstudenten. Mir wurde schnell klar, dass ich meine beiden anfänglichen Vorhaben, ein Krankenhauspraktikum zu machen und in ein fremdes Land zu reisen, so kombinieren konnte. Ich entschied mich für ein Praktikum auf den Fidschi-Inseln. Weiße Strände, Palmen und türkisblaues Meer – das hat mich schon gereizt. Aber es war nicht nur das; ich war auch neugierig darauf, ein ganz anderes Gesundheitssystem kennen zu lernen. Gibt es dort große Krankenhäuser? Oder nur kleinere Kliniken? Mithilfe von Projects Abroad konkretisierte sich dann langsam mein Plan, dort zu arbeiten, wo andere Leute Urlaub machen.
Anfang Mai saß ich im Flugzeug. Um fünf Uhr früh kam ich nach einer dreißigstündigen Reise in Nadi an, mehr als 16.000 Kilometer von meiner Heimatstadt München entfernt. Bei Sonnenaufgang stieg ich aus dem Flugzeug und fühlte mich wie in einem Gewächshaus. Am Morgen liegt die Luftfeuchtigkeit auf den Fidschi-Inseln nicht selten bei 95 Prozent.
Am Flughafen nahm mich Oripa in Empfang, Organisatorin bei Projects Abroad. Mit dem Bus fuhren wir an der Küste entlang nach Osten, nach Suva, der Hauptstadt der Fidschi-Inseln. Der Ausblick war traumhaft, kurz vergaß ich meine Müdigkeit. Kinder, die auf der Straße spielten, liefen barfuß dem Bus hinterher und riefen "Bula! Bula!" (Hallo!). So herzlich bin ich selten in einem fremden Land empfangen worden.
Die letzten Meter ging es steil bergauf. Der Bungalow der Familie Fong, die mich für zwei Monate aufnehmen wollte, saß auf einem kleinen Hügel. Meine Gastmutter Michele erwartete uns bereits auf der Veranda. Whisky, ihr Hund, sprang aufgeregt an dem Auto hoch. Meine Begrüßung fiel zurückhaltender aus – ich hatte seit über 30 Stunden nicht mehr geschlafen. Michele und ihr Mann Cyril umarmten mich und wir gingen zusammen ins Haus.
Die Gastfamilie
Kava-Kunde
Am nächsten Tag lernte ich die anderen Bewohner des Hauses kennen: Micheles Mutter Nana und Micheles Bruder Tui (das heißt "König" auf Fidschianisch). Cyril ließ es sich nicht nehmen, mir gleich Kava vorzustellen, das Nationalgetränk der Fidschianer. Die Grundlage ist ein bräunliches Pulver, das aus der zerstoßenen Wurzel des Pfefferstrauches gewonnen wird. Man vermischt es mit Wasser und trinkt auf abendlichen "Kava-Sessions" ganze Wannen davon. Ich konnte mich mit dem leicht bitteren Geschmack, der nach zu viel Genuss die Zunge taub macht, nicht anfreunden.
Auf Fidschi kochen die Männer oft und gern. Überhaupt nehmen die Mahlzeiten auf Fidschi zentrale Rollen ein – sei es das Frühstück am Morgen, für das ich mich immer am Papayabaum in unserem Garten bedienen konnte, das Mittagessen mit den Schwestern und Ärzten in meinem Health Center oder die Abendessen mit anschließender Kava-Session.
Am übernächsten Tag begann ich mein Praktikum im Raiwaqa Health Center. Meine erste Woche verbrachte ich mit Doktor Shalini. Wir empfingen Patienten im Behandlungszimmer und ich durfte Blutdruck und Puls messen. Wenn Dr. Shalini bei der Untersuchung das Stethoskop oder das Otoskop zu Hilfe nahm, durfte ich diese Instrumente auch benutzen, um ihre Diagnosen nachvollziehen zu können. Einmal sah ich mit dem Otoskop einen Käfer im Ohr eines Patienten.
Auch ein anderer Patient blieb mir im Gedächtnis: ein Mann, der barfuß und auf einem Bein hüpfend in unser Behandlungszimmer kam, einen seiner Füße hatte er notdürftig verbunden. Der Mann erzählte, dass er auf einer Baustelle in einen rostigen Nagel getreten sei. Er habe es nicht früher geschafft, das Health Center aufzusuchen. Eine Woche, nachdem sein Fuß von dem Nagel durchbohrt worden war!
Dieser Fall ist beispielhaft für zwei Phänomene auf Fidschi. Erstens laufen fast alle Bewohner barfuß herum, was natürlich die Verletzungsgefahr enorm erhöht. Und zweitens herrscht generell ein fehlendes Bewusstsein dafür, wann medizinische Versorgung in Anspruch genommen werden sollte. Sei es bei dieser laienhaft verbundenen Wunde oder dem Impfen von Neugeborenen.
Nach einer Woche wechselte ich in das Nebengebäude des Health Centers, das IMCI Department (Integrated Management of Childhood Illness). Das ist eine Station, die über einen Warteraum im Freien mit dem Hauptgebäude verbunden ist, eine Station für die kleinsten Patienten, die oftmals nur wenige Tage bis zu fünf Jahre alt sind. Bei jedem Besuch soll die Mutter eine Mappe mitbringen, auf der Gewichtszunahme, Krankheiten und Impftermine des Kindes notiert werden. Diese unscheinbare Mappe fehlte aber meist bei den Besuchen. So konnte ich dann weder den letzten Impftermin einsehen noch die Gewichtszunahme des Kindes überprüfen.
Im krassen Gegensatz zu der zu Übergewicht neigenden erwachsenen Bevölkerung – Adipositas, also die Fettsucht, ist eine der häufigsten Erkrankungen auf Fidschi – sind die Säuglinge oft unterernährt. Meine Aufgabe im IMCI Department bestand unter anderem darin, Säcke mit einer hochkalorischen Spezialmischung an die Mütter dieser Kinder zu verteilen. Ich durfte aber auch Kinder auf ihre motorischen Fähigkeiten und Reflexe hin untersuchen, sie wiegen und sogar impfen.
Die Mittagspause verbrachte ich mit den Ärzten und Schwestern gemeinsam an einem langen Holztisch im Keller des Health Centers. Wir tranken Tee und aßen eine Art Hefezopf mit Butter. Alle gingen sehr respektvoll miteinander um; das in Deutschland übliche Hierarchiegefälle zwischen Ärzten und Schwestern gab es im Health Center nicht. Das angenehme Arbeitsklima half mir, mich schnell im Team zurechtzufinden.
Jeden Donnerstag gab es ein Treffen aller Freiwilligen in Suva, das die Betreuer von Projects Abroad organisiert hatten. Auf diesen wöchentlichen "Socials" konnte man sich mit Gleichaltrigen austauschen und sich verabreden, an den freien Wochenenden an einen der zahlreichen Strände zu fahren. In der Hafenstadt Suva sucht man Badestrände nämlich vergeblich.
Besuch bei Claire in der Schule
Freizeit und neue Freunde
Nach zwei Wochen zog eine Freiwillige zu mir in mein Zimmer. Claire war 19 wie ich und kam aus England. Fidschi war die letzte Station ihrer sechsmonatigen Weltreise. Von Anfang an verstand ich mich mit Claire sehr gut. Sie machte ein Praktikum in einer Grundschule. Ich habe sie dort einmal besucht. 50 Erstklässler schrien durcheinander, zogen an mir, wollten auf den Arm genommen werden und kämpften um meine Aufmerksamkeit. Ich war froh, am nächsten Tag wieder meine kleinen Patienten zu untersuchen, die weniger aufgedreht und weniger anstrengend waren.
Jedem Freiwilligen, der zwei Monate ehrenamtlich auf Fidschi arbeitet, wird von Projects Abroad die letzte Woche freigestellt, um die Inseln zu erkunden. Zusammen mit Claire brach ich zu den kleinen Inseln im Westen auf, die so schöne Namen haben wie Blue Lagoon und Bounty Island. Dort sind die Strände wirklich wie auf den Postkarten: schneeweiß mit glasklarem Wasser und Palmen. Oft haben wir uns kostenlos Schnorchel-Ausrüstungen ausleihen können und so Tintenfische, Schwertfische und Seesterne gesehen.
Der krönende Abschluss meiner Reise war ein Fallschirmsprung aus 4.200 Metern Höhe. Von oben waren die kleinen Inseln inmitten des Pazifiks kaum mehr zu erkennen. Nach einer Minute im freien Fall und fünf Minuten in der Luft landete ich wieder auf dem Boden der Insel, die für zwei Monate meine Heimat gewesen war.
Inzwischen bin ich von München nach Berlin gezogen und habe eine Ausbildung zur Rettungsassistentin begonnen. Ich vermisse meine Arbeit im Health Center, bei der mich die Schwestern so selbstständig haben arbeiten lassen. Auch meine Gastfamilie – Michele, Cyril, Nana, Tui und den Hund Whisky – werde ich bestimmt nicht vergessen. Am allermeisten aber fehlen mir die Freiwilligen. Wir sind richtig gute Freunde geworden. Im September, drei Monate nach meiner Rückkehr aus Fidschi, habe ich Claire und auch Beth, die in Suva in einer Schule arbeitete, für ein Wochenende in London besucht. Wir wollen in Kontakt bleiben und uns wieder treffen.
Cornelia Glaser (19) ging auf das Maria-Ward-Gymnasium in München und lebt jetzt in Berlin.
Fotos: ©Cornelia Glaser
Projects Abroad
Mehr zu den Fidschi-Inseln auf Wikipedia
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