Sie handeln mit den Klamotten, die für die westliche Welt zu alt geworden sind. Vornehmlich Lederjacken, aber auch andere Textilien, die ihren Wert verloren haben; "Zara, Mango, Pipi-Kaka und chinesisches Prada". Pawel und Wladek sind fliegende Händler. In einem klappernden Fiat Ducato sind sie auf Floh- und Schrottmärkten im ehemaligen Ostblock unterwegs, in Ländern, die zwischen der EU und dem "Land des Iwans" liegen.
Wladek, das philosophierende Hirn des Zweimannunternehmens, und Pawel, Fahrer, Beobachter und Erzähler, leben von den Resten der Zivilisation. Sie stemmen sich damit auch gegen das Plastikzeugs und die Piratenkopien, den "Müll", der das Geschäft der Provinzhändler aus Fernost her überschwemmt. Sie leben, desillusioniert und trotzdem optimistisch, in einem Teil der Welt, der ideologisch ausgemergelt ist und betrogen wurde wie kaum ein anderer. "Sie glauben an nichts und wollen die Wahrheit wissen", heißt es in dem Buch. "Vor allem wollen sie wissen, wer sie so verarscht hat."
Es passiert nicht viel in diesem dritten Roman des polnischen Autors Andrzej Stasiuk, der sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus aufmachte, die vergessenen Landschaften Ost- und Mitteleuropas in Essays, Reisereportagen und literarischen Texten wiederzuentdecken. Landschaften, die durch die Schwarz-Weiß-Sicht des Kalten Krieges in die Vergessenheit abgedrängt worden sind. Seit seiner Erstveröffentlichung "Die Mauern des Hebron", in der Stasiuk seine Hafterlebnisse verarbeitet (1992, deutsch 2003), gilt er als einer der wichtigsten polnischen Autoren der jüngeren Generation.
Auch "Hinter der Blechwand" weiß die Aufmerksamkeit der Leser/innen auf mehr als 300 Seiten eindrücklich zu bannen – in einem entschleunigten, aber intensiven Road Movie zu kaputten Orten und Menschen am Rande der europäischen Existenz. Kritiker haben bemängelt, dass die Dramaturgie in diesem Buch zu kurz komme. Eine entwicklungsreiche Handlung hat aber hat auch nichts verloren in diesem poetischen, bildgewaltigen Buch. Aktivität passt nicht zu einer Welt, die dabei ist, ihre Seele auszuhauchen.
Wenn es nicht gerade um den fast nebensächlich wirkenden Plot dreht, der sich um den mafiösen Menschenhandel dreht, dann einfach um die Reise der beiden Plunderkönige durch diese vergessenen, geisterhaften Zonen, die längst nicht mehr über ihr Schicksal bestimmen, sondern Spielbälle von mächtigen Kräften wie der Globalisierung sind. Diese Regionen in Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien – wie auch die Protagonisten dieses Buches – dämmern und siechen abseits der Weltgeschichte dahin. Das Einzige, was den Bewohnern bleibt, sind die Erinnerungen an eine Zeit, als die Menschen dort noch die Hoffnung hatten, irgendwann zu den Siegern zu gehören. Allerdings wirken diese Erinnerungen so rostig wie der altersschwache Lieferwagen, mit dem Pawel und Wladek unterwegs sind.
Stasiuk malt ein tief melancholisches, aber auch ironisches Bild des Abschieds von einer untergehenden Welt. Die Sprache, mit der er dieses Bild malt, ist kräftig, kantig, rau – sie passt zu dem Abfall, der Pawel und Wladek umgibt. Diese Sprache ist der kräftige Haken, an denen die verblassenden Bilder aus dem dunklen Meer der Erinnerung gefischt werden. Irgendwann werden auch Menschen wie Pawel und Wladek verschwunden sein, scheint Stasiuk sagen zu wollen. Dann werden sie tot sein, die Landschaften Ostmitteleuropas. "Sie schwitzten", heißt es an einer Stelle im Buch, "sie strengten sich an wie vor hundert, vor zweihundert Jahren, aber es war das Ende. Sie würden verschwinden, untergehen, an Altersschwäche sterben".
Andrzej Stasiuk: Hinter der Blechwand
(Suhrkamp 2011, 349 S., 22.90 €)
Ingo Petz ist freier Journalist und schreibt vor allem über Weißrussland.
Foto: ©chival / photocase.com
Kommentare
Dein Kommentar