Frederic Vester ist seit 1970 Leiter der von ihm gegründeten "Studiengruppe für Biologie und Umwelt Frederic Vester GmbH" für interdisziplinäre Forschung, Publizistik und Beratung. Von 1981 bis 1989 war Vester Ordinarius für Interdependenz von technischem und sozialem Wandel an der Universität der Bundeswehr München. Von 1989 bis 1991 ständiger Gastprofessor für Betriebswirtschaft an der Hochschule St.Gallen. Vester ist Mitglied des Club of Rome. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen auf dem Gebiet der Molekularbiologie, Biophysik und Forschungsplanung veröffentlicht und ist Autor von insgesamt 17 Sachbüchern.
Tanja Lay sprach mit Frederic Vester über wachsende Informationsfluten und sture Politiker, den notwendigen Atomausstieg und die vernetzte Zukunft.
Herr Vester, Ihr neues Buch heißt "Die Kunst vernetzt zu denken - Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität". Können Sie uns kurz erklären, was vernetztes Denken bedeutet?
Vernetzt bedeutet in Zusammenhängen denken, also nicht nur in einzelnen Ursache-Wirkungsbeziehungen, ja nicht nur in Verzweigungen und Wirkungsketten, sondern vor allem in Rückwirkungen, Kreisprozessen und Selbstregulationen. Und da diese meist auch andere Lebensbereiche als den Ausgangspunkt betreffen, von der Technik über die Lebensweise zur Wirtschaft, Umwelt, Infrastruktur, Regeln und Gesetze und wieder zurück zum Menschen laufen, ist vernetztes Denken immer interdisziplinär.
Warum ist es eine Kunst?
Eine Kunst ist es deshalb, weil mit logischen Schlüssen alleine das Muster solcher Vorgänge nicht erfasst werden kann. Man muss es bildhaft darstellen, Analogien erkennen, und da viele Prozesse in einem vernetzten System parallel ablaufen, womit unser Gehirn überfordert ist, brauchen wir die Hilfe dafür entwickelter Computerprogramme. Deshalb ist auch im Untertitel des Buches von "Werkzeugen" die Rede.
In welchen Bereichen ist es sinnvoll, vernetzt zu denken?
Ausnahmslos in allen Bereichen. Es geht ja nicht um irgendein Fachgebiet, vielmehr um eine grundsätzlich andere Sicht der Wirklichkeit. Und die ist in unserer zunehmend komplexeren Welt immer wichtiger, um Fehlentscheidungen oder falsche Weichenstellungen zu vermeiden.
Wo und wie kann man vernetztes Denken fördern?
Indem wir zur Faktenpaukerei in unseren Schulen ein Gegengewicht bilden, wie ich es in meinem Buch "Denken, Lernen, Vergessen" erläutert habe. Bleiben die Zusammenhänge eines Stoffes unbekannt, sinkt die Lust am Lernen, die Motivation, sich damit zu befassen. Lernen wird als Ballast empfunden, da man mit der Informationsfülle im Grunde nichts anzufangen weiß. Das Erkennen von Zusammenhängen und Rückwirkungen kann man auch üben. Zu diesem Zweck habe ich das Simulationsspiel "ecopolicy" geschaffen - ein Spiel zum Einstieg in das vernetzte Denken.
Sie setzen sich seit 30 Jahren besonders für Umweltpoliltik ein. Spielt vernetztes Denken heute eine Rolle in der Politik?
Leider noch viel zu wenig. Gerade Politiker sind immer noch verfangen in ihren eingleisigen Denkstrukturen, holen sich "linear denkende" Experten in ihre Kommissionen und scheinen sich davon, aus was für Gründen auch immer, nicht lösen zu können. Fixiert auf Details statt auf Zusammenhänge haben sie Angst, sich mit Komplexität zu befassen, fürchten, in Daten zu ertrinken, und meiden daher alles, was über einfache Ursache-Wirkungbeziehungen hinausgeht.
Welche akuten politischen Probleme könnten durch den Ansatz des vernetzten Denkens gelöst werden und wie? Insbesondere komplexe Probleme, also solche, die gleichzeitig mehrere Lebensbereiche betreffen. Gerade die Aufgaben der Agenda 21-Gruppen, aber auch Bestrebungen zur Nachhaltigkeit eines jeden Unternehmensbereichs, der Arbeitslosigkeit, der Verkehrsplanung und selbst der Sicherheitspolitik würden davon profitieren. Solange man diese Probleme mit linearem Denken und den üblichen Hochrechnungen angeht, führt das oft ins Desaster. Als Denkhilfe haben wir ein neuartiges computerisiertes Instrumentarium entwickelt, das Sensitivitätsmodell, das komplexe Abläufe und ihr Muster erkennen hilft. Der Computer stellt Vernetzungen dar, damit unser Gerhirn sie besser verarbeiten kann.
Sie schreiben an einer Stelle Ihres Buches, dass das World Wide Web eher einer krebsartigen Wucherung gleicht. Welche Gefahren liegen Ihrer Meinung nach in einer solchen unstrukturierten Vernetzung? 
Die größte Gefahr besteht darin, dass uns in vielen Fällen die unbegrenzte Informationsmenge erschlägt. Mehr Information heißt noch lange nicht besser informiert sein. Der Nutzen von Information liegt immer in der Auswahl, nicht in der Fülle, liegt in ihrer Wichtigkeit, nicht im Übertragungstempo. Deshalb ist das zentrale Nervensystem aller Lebewesen so strukturiert, dass es aus der Fülle der einströmenden Sinneswahrnehmungen nur eine winzige Auswahl durch Assoziationen trifft und zum Handeln in Beziehung setzt. Anders würde kein Mensch überleben.
Welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie für die vernetzte elektronische Kommunikation?
Wenn wir systemverträgliche Strategien im Bereich der Umwelt, der Arbeitswelt, der Sicherheitspolitik erarbeiten wollen, muss sich nicht nur unsere Sichtweise ändern, sondern auch bei den computerisierten Hilfen müssen die Weichen anders gestellt werden. Computerprogramme sollten so strukturiert werden, dass sie uns helfen, Muster zu erfassen, nicht möglichst viele Punkte. Sie sollten nicht nur klassifizieren und einordnen, sondern uns helfen, Analogien und fachübergreifende Beziehungen zu erfassen.
Der Begriff "fuzzy logic" ist sehr zentral in Ihrem Buch. Was bedeutet "fuzzy logic"?
Der Begriff selbst betrifft die Logik der Unschärfe und stammt aus der neueren Mathematik und Prozesstechnik, wo man erkannt hat, dass es auch hier mehr auf die Beziehungen zwischen den Dingen ankommt als auf die genaue Position der Dinge selbst.
Also führen unscharfe Messwerte eher zu richtigen Konzepten der Wirklichkeit als exakte Datenerhebung. Warum ist das so?
Die Natur hat keine mathematischen Konstrukte entwickelt, sondern flexible Organismen, die mal größer, mal kleiner sind, die Spielraum lassen und gerade dadurch entwicklungsfähig sind. Aber diese Flexibilität gilt eben auch für andere vernetzte Systeme. Verblüffend ist, dass die Anwendung der "fuzzy logic" ausgerechnet in der Technik zu überwältigenden Verbesserungen führte, von der Autofocus-Programmierung moderner Kameras bis zur Prozesssteuerung in der Papierherstellung.
Ein Blick in die Zukunft: Wo sehen Sie die größten Risiken?
Große Risiken sehe ich darin, unsere Biosphäre weiterhin als Spielfeld für unvernetzt vorgehende 'Expeditionen' zu betrachten. Sei es in einer unsere Umwelt rücksichtslos ausbeutenden Wirtschaftsweise, die, wie die letzten Überflutungen wieder zeigen, unweigerlich auf uns zurückschlagen, sei es in einem schon verbrecherischen Weiterbetreiben der Kernenergie mit ihren immensen Folgelasten oder in einer selbstmörderischen Entwicklung der Gentechnik. Alles Auswüchse unvernetzten Denkens. Mit einem kleinen Blick über den Tellerrand und in die Vernetzung all unseres Tuns wäre es keinem Politiker und keinem Wirtschaftsboss möglich, solche undurchdachten Entwicklungen zu unterstützen oder voranzutreiben.
Und die Chancen?
Unsere große Chance liegt darin, vernetztes Denken in immer mehr Bereichen konsequent anzuwenden, dadurch das Spiel komplexer Beziehungen zu erfassen und daran dann unser Planen und Handeln auszurichten. Das wird zeigen, dass wir auf ganz andere, viel elegantere Weise mit einem Minimum an Energieaufwand und Kosten leben können und dass wir durch die Nutzung statt Zerstörung der uns tragenden Ökosysteme weit besser über die Runden kommen, als fachblinde Experten dies zur Zeit sehen.
Tanja Lay ist Fluter-Redakteurin.
www.frederic-vester.de Die Homepage von Frederic Vester
www.ecopolicy.net/ecopolic.htm Das Spiel Ecopolicy im Netz
Lieferbare Bücher des Autors: "Die Kunst vernetzt zu denken" (Der neue Bericht an den Club of Rome) dtv 2002
"Denken, Lernen, Vergessen" dtv, 29. Aufl. 2002
"Neuland des Denkens" dtv, 12. Aufl. 2002
"Crashtest Mobilität" dtv, aktualisierte Neuausgabe 1999
"Phänomen Stress" dtv, 17. Aufl. 2000
"Unsere Welt - ein vernetztes System" dtv, 10. Aufl. 1999
"Ein Baum ist mehr als ein Baum" Kösel Verlag, 2. Aufl. 1986
"ecopolicy" - Das kybernetische Strategiespiel von Frederic Vester, Westermann 2000
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