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Die Summe aller Teile

Texte zur Vernetzung

29.8.2002 | Oliver Köhler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Ein komisches Tier, der Mensch. Mit ganz eigensinnigen Bedürfnissen: rein biologisch nach Luft, Nahrung und Flüssigkeit. Aber dann doch komplizierter, mit widersprüchlichen Wünschen: einerseits Unabhängigkeit, andererseits Verbindungen mit anderen Menschen. Die Vernetzung ist ein Aspekt unseres Lebens, der inzwischen so stark auf uns einwirkt, dass wir es oft gar nicht merken. Sie ist da, wenn wir telefonieren, jemandem einen guten Morgen wünschen, wenn wir zur Arbeit gehen, in die Schule, zu Behörden. Und sie ist auch dort, wo kein anderer physikalisch anzutreffen ist, im Telefonbuch, in unserem privaten Adressbuch, im Internet. Sie ist schlichtweg nicht mehr wegzudenken: Selbst die zurückgezogensten Menschen, Mönche, Eremiten oder Wissenschaftler, werden von einem Glauben an eine Verbindung zu einer höheren Ebene oder Berufung geleitet. Nur was passiert, wenn die drei Bausteine der Vernetzung - Kommunikation, Institutionen und persönliche Netzwerke - nicht mehr, zu einseitig oder sogar zu gut funktionieren? Wie immer hat das Labor der Fiktion ein paar Antworten zu bieten.

Botschaft nicht gesendet

So schrieb Kafka 1919 an einen imaginären Empfänger: "Gerade hat dir der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet". Nun ist es das Schicksal dieses Empfängers aus der Kurzgeschichte "Eine kaiserliche Botschaft", ewig auf diese Botschaft warten zu müssen. Sie geht in den Gängen des Schlosses und der Stadt verloren. Schade eigentlich: So sehr hatte es dem Kaiser daran gelegen, mit seiner Botschaft noch eine letzte Verbindung aufzubauen, dass er seine letzten Atemzüge dafür opferte. Nur hatte er nicht mit seinem Schloss gerechnet, und vermutlich auch nicht mit Kafka.

Der Autor war nämlich weder ein Freund der modernen Formen der Kommunikation noch der überbürokratisierten Institutionen des Kaisertums. Als damals die Schreibmaschinen und Diktiergeräte erfunden wurden, sah er sie als Bedrohung für seine Selbstdefinition des Aufzeichners und Verteilers von Ideen. Diese Furcht spiegelt sich vielleicht in der Kurzgeschichte wider, wo der Bote sich im Dickicht der Schlossräume, der vielen Gänge und der Treppen, im Wirrwarr der Schaltkreise der Macht verliert. So wird letztlich die Über-Verbindung im Schloss, die eher die kaiserliche Kommunikation fördern und nicht unterbrechen sollte, zur Anti-Verbindung: "Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten."

Verbindung ohne Sinn

1966 kommt sie dann doch an. Bei Oedipa Maas, der Protagonistin des Thomas-Pynchon-Buches "Die Versteigerung von No. 49". Als Erbin und Verwalterin der Hinterlassenschaft ihres ehemaligen Liebhabers, Pierce Invariarity, kommt sie einem institutionellen Netzwerk auf die Spur, das über die CIA, die Familie Thurn und Taxis und den Verband der Nationalen Autohändler zu einer geheimen Terrororganisation führt. W.A.S.T.E. ("Abfall") ist gleichzeitig Akronym und Omen dieser Institution, die sich mit der Unterwanderung des in Amerika so wichtigen Postwesens beschäftigt.

Pynchon ging aber einen Schritt weiter als Kafka, der dem Schloss eine Bedeutung eingestehen konnte: Postmoderner Pabst, der er war, sprach er sämtlichen Institutionen jegliche Bedeutung ab. Wie in einem Spinnennetz verfängt sich Maas in den Verflechtungen des institutionellen und gewissermaßen institutionalisierten Wahnsinns. Letztendlich verweigert Pynchon aber ihr und dem Leser den Durchblick. Während er den letzten von einer Einrichtung zur nächsten leitet, erlaubt er uns die Einsicht, dass allerhöchstens die Bezeichnungen diese Institutionen unterscheiden. Sie verbindet, dass sie alle als Vereinigungen auftreten und dass ihre Funktionen als solche allesamt in die Leere gehen.

Dabei sein ist alles

Dass alles in die Leere abrutscht, damit hat sich Victor Ward auch schon längst abgefunden. Er ist der Anti-Held im erfolgreichen Bret Easton Ellis Roman "Glamorama" von 1998. Die Nähe und Beziehungen zu Menschen ist ein Selbstläufer in seinem Leben. Für ihn ist die Gästeliste seines Clubs, die Luftbussis von Supermodels, die Latte-Macchiato-Termine, die er sofort wieder vergisst - schlichtweg die Vernetzung ohne Inhalt und Verstand - eine Religion. Wäre Victor bloß dabei geblieben: Als sich sein Leben und die Kontakte, die er macht, mit Sinn füllen, wird deutlich, dass Ward anfällig ist für die dunkle Seite der Religion, dem Fanatismus. Ward gerät in eine Spiegelwelt und endet als Terrorist.

Ellis Roman kann man als eine Allegorie der vernetzten Welt, wie sie sich Ende des Jahrtausends in New York und Silicon Valley abgespielt haben mag, sehen. Dass aber diese Vernetzungseuphorie mit ihren eigenen Mitteln am Virus des verstreuten Terrorismus, wie ihn Al-Qaida praktiziert, untergehen würde, war 1998 bei weitem nicht denkbar. Dementsprechend erschüttert war der Autor Ellis nach dem 11. September 2001. Übel kann man ihm seine Terrorismusfabel aber nicht nehmen: Er wollte uns nur warnen.

Oliver Köhler ist 30 und lebt in Heidelberg.

Franz Kafka: Das Urteil und andere Erzählungen (dtv, 6. 50 €)
Thomas Pynchon: Die Versteigerung von No. 49 (Rowohlt, 7. 50 €)
Bret Easton Ellis: Glamorama (Heyne, 12 €)







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