So schrieb Kafka 1919 an einen imaginären Empfänger: "Gerade hat dir der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet". Nun ist es das Schicksal dieses Empfängers aus der Kurzgeschichte "Eine kaiserliche Botschaft", ewig auf diese Botschaft warten zu müssen. Sie geht in den Gängen des Schlosses und der Stadt verloren. Schade eigentlich: So sehr hatte es dem Kaiser daran gelegen, mit seiner Botschaft noch eine letzte Verbindung aufzubauen, dass er seine letzten Atemzüge dafür opferte. Nur hatte er nicht mit seinem Schloss gerechnet, und vermutlich auch nicht mit Kafka.
1966 kommt sie dann doch an. Bei Oedipa Maas, der Protagonistin des Thomas-Pynchon-Buches "Die Versteigerung von No. 49". Als Erbin und Verwalterin der Hinterlassenschaft ihres ehemaligen Liebhabers, Pierce Invariarity, kommt sie einem institutionellen Netzwerk auf die Spur, das über die CIA, die Familie Thurn und Taxis und den Verband der Nationalen Autohändler zu einer geheimen Terrororganisation führt. W.A.S.T.E. ("Abfall") ist gleichzeitig Akronym und Omen dieser Institution, die sich mit der Unterwanderung des in Amerika so wichtigen Postwesens beschäftigt.
Pynchon ging aber einen Schritt weiter als Kafka, der dem Schloss eine Bedeutung eingestehen konnte: Postmoderner Pabst, der er war, sprach er sämtlichen Institutionen jegliche Bedeutung ab. Wie in einem Spinnennetz verfängt sich Maas in den Verflechtungen des institutionellen und gewissermaßen institutionalisierten Wahnsinns. Letztendlich verweigert Pynchon aber ihr und dem Leser den Durchblick. Während er den letzten von einer Einrichtung zur nächsten leitet, erlaubt er uns die Einsicht, dass allerhöchstens die Bezeichnungen diese Institutionen unterscheiden. Sie verbindet, dass sie alle als Vereinigungen auftreten und dass ihre Funktionen als solche allesamt in die Leere gehen.
Dabei sein ist alles
Dass alles in die Leere abrutscht, damit hat sich Victor Ward auch schon längst abgefunden. Er ist der Anti-Held im erfolgreichen Bret Easton Ellis Roman "Glamorama" von 1998. Die Nähe und Beziehungen zu Menschen ist ein Selbstläufer in seinem Leben. Für ihn ist die Gästeliste seines Clubs, die Luftbussis von Supermodels, die Latte-Macchiato-Termine, die er sofort wieder vergisst - schlichtweg die Vernetzung ohne Inhalt und Verstand - eine Religion. Wäre Victor bloß dabei geblieben: Als sich sein Leben und die Kontakte, die er macht, mit Sinn füllen, wird deutlich, dass Ward anfällig ist für die dunkle Seite der Religion, dem Fanatismus. Ward gerät in eine Spiegelwelt und endet als Terrorist.
Ellis Roman kann man als eine Allegorie der vernetzten Welt, wie sie sich Ende des Jahrtausends in New York und Silicon Valley abgespielt haben mag, sehen. Dass aber diese Vernetzungseuphorie mit ihren eigenen Mitteln am Virus des verstreuten Terrorismus, wie ihn Al-Qaida praktiziert, untergehen würde, war 1998 bei weitem nicht denkbar. Dementsprechend erschüttert war der Autor Ellis nach dem 11. September 2001. Übel kann man ihm seine Terrorismusfabel aber nicht nehmen: Er wollte uns nur warnen.
Oliver Köhler ist 30 und lebt in Heidelberg.
Franz Kafka: Das Urteil und andere Erzählungen (dtv, 6. 50 €)
Thomas Pynchon: Die Versteigerung von No. 49 (Rowohlt, 7. 50 €)
Bret Easton Ellis: Glamorama (Heyne, 12 €)
Kommentare
Dein Kommentar