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Jana Hensel: Zonenkinder
Ganz einfach?
Stephanie Wurster | 26.8.2002
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Jana Hensel, 26, ist bereits mitten im Literaturbetrieb angekommen. Gemeinsam mit Thomas Hettche hat sie die Internetanthologie "Null" herausgegeben, bei der Literaturzeitschrift "edit" war sie Chefredakteurin. Jetzt erscheint ihr Debüt "Zonenkinder": eine Aufarbeitung ihrer Kindheit in der DDR, ihres Aufwachsens in der Nachwendezeit und gleichzeitig der Versuch, ein Generationenporträt festzuschreiben. Der Leser erlebt "ihre" Generation - die zwischen 1972 und 1978 Geborenen - bei den Pionieren, im Ferienlager und nach dem Mauerfall beim Versuch, durch Anpassung und Ehrgeiz Erfolg nach westlichen Maßstäben zu haben. Das Verhältnis zu den Wendeverlierern der "Elterngeneration" spielt eine wichtige Rolle: "Wenn wir unseren Platz in der westlichen Gesellschaft finden, dann ist das Erziehungsprogramm unserer Eltern aufgegangen." Weil Jana Hensel als Erzählerin stets die jeweils beschriebene Perspektive annimmt, also nicht reflektiert, fällt es als Leser oft schwer, sich in dem als Sachbuch deklarierten Text zurechtzufinden. Immerhin: Gerade daher regt "Zonenkinder" zu Diskussionen an. Fluter sprach mit der Wahlberlinerin Jana Hensel in ihrer Heimatstadt Leipzig.
Du schreibst, dass deine Kindheit mit 13 Jahren plötzlich zu Ende war, als du auf einer der letzten Montagsdemonstrationen warst. In diesem Alter fängt für alle ja etwas Neues an: die Pubertät, das Erwachsenwerden. Kannst du wirklich unterscheiden, welche Veränderung deine private und welche gesellschaftlich war?
Der besondere Fall bei uns ist, dass das zusammenfällt. Dass so eine pubertäre Irritation zusammenfällt mit einem gesamtgesellschaftlichen Umbau. Und der verändert die Situation. Der schafft ganz besondere Bedingungen, unter denen man dann erwachsen wird.
War es ein Vorteil, zur Wende gerade noch Kind zu sein?
Natürlich. Wir hatten Starterleichterungen. Wir hatten keine nachkindlichen Prägungen von der DDR. Wir waren geschmeidiger für das neue System. Die Phase zwischen 14 und 25, wo man sich orientiert, wo man die Leute um sich herum imitiert, das fiel praktisch mit dem Nachwendealltag zusammen. Ich habe nach einem Begriff gesucht, der benennt, was mit der DDR nach 1989 passiert ist. Das ist noch nicht BRD, das ist aber auch nicht mehr DDR, das ist eine Zwischenform. Und das ist für mich die Zone. Deshalb sind wir Zonenkinder. Wir sind sozialisiert in der EX-DDR, in Ostdeutschland. Nicht in der DDR, sonst wären wir DDR-Kinder. Wir sind aufgewachsen in einer Zeit, wie ich das ja auch schreibe, "in der nichts mehr so war, wie es einmal war, und in der noch nichts so ist, wie es mal sein wird".
Manchmal wünscht man sich beim Lesen eine Anleitung, wie man den Text zu lesen hat. Warum hast du deine damalige Position in den Rückblicken nicht reflektiert?
Ich wollte meine eigene Perspektive nicht aufbrechen. Natürlich hätte ich die Kindheit aus der Perspektive der 13-Jährigen schreiben können und dann hätte ich was dazusetzen können von heute. Das wollte ich nicht. Deswegen gibts auch nirgendwo eine Stellungnahme, eine politische Einschätzung der Wende, der Prozesse, die danach kamen.
Einmal schreibst du: "Zu den Fidschis durfte ich nicht länger Fidschis sagen, sondern musste sie Ausländer oder Asylbewerber nennen." Und das nach dem PC-Skandal um den Berliner CDU-Bürgermeisterkandidaten Frank Steffel im letzten Jahr, bei dem genau das diskutiert wurde: die unreflektierte Verwendung ähnlicher Begriffe in der Jugend ... Wie ist das bei dir gemeint?
Als Kind nimmt man so ein Wort auf, wie man jedes andere Wort aufnimmt. Und irgendwann fallen diese Worte weg. Ich hab damals das Rassistische in dieser Formulierung nicht erkannt. Ich dachte, die seien von den Fidschi-Inseln. Ganz einfach.
Deine Generation, wie du sie beschreibst, will vor allem funktionieren und bloß nicht auffallen. Dabei gibt es doch sehr viele, die ihre DDR-Vergangenheit als Stärke sehen und nutzen?
Da muss man differenzieren. Die Assimilationsprozesse, die ich beschreibe, fanden in der ersten Hälfte der 90er-Jahre statt. Dieses wieder erstarkte Selbstbewusstsein, aus dem Osten zu kommen, setzt als Prozess später ein. Als ich das Buch geschrieben habe, dachte ich an die Leute in meiner Klasse. Sozusagen ein Querschnitt durch die Bevölkerung. Und da sind schon die Bemühungen sehr, sehr stark gewesen, sich anzupassen. Die größte Schmach für meine Generation war es, auf der Straße als Ostdeutscher erkannt zu werden.
Warum glaubst du, dass es für deine Generation so wichtig ist, Erfolg zu haben und Karriere zu machen?
Da sind schon sehr starke Bemühungen, selbstständig zu sein. Unsere Elterngeneration hat keine Rücklagen. Wir erben auch nichts, wir müssen unser Leben selber bestreiten. Da gibt's keinen Rückhalt. Weder ideell noch finanziell. Mit Karriere ist gar nicht gemeint: Wir wollen alle Popstars werden. Ich glaube einfach, dass meine Generation sehr viele Schritte unternimmt, um selbstständig zu sein. In einem ganz anderen Sinne, als man das im Westen sein muss. Wenn wir unseren Platz in der westlichen Gesellschaft finden, dann ist das Erziehungsprogramm unserer Eltern aufgegangen. Und es gibt ja wenig, was in dem Leben unserer Eltern aufgegangen ist!
Du benutzt Westdeutschland immer wieder zur Definierung der ostdeutschen Befindlichkeit. Viele Ost-Spezifika erklärst du aber nicht und die eingestreuten Illustrationen verstärken den hermetischen Eindruck. Ist es dir egal, wenn Westdeutsche dein Buch nicht verstehen?
Ganz am Anfang des Textes stand die Entscheidung: Will ich einen Text schreiben, der die Kindheit in der DDR und das, was danach kam, für Westdeutsche illustriert, der das erklärt? Oder schreibe ich für die Leute, die das erlebt haben? Sehr häufig erzählt sich die DDR in einem erklärenden Sinne und für mich war wichtig, ein Buch zu schreiben, in dem sich meine Generation wieder erkennt. Es funktioniert über identifikatorisches Lesen. Das ist ein Buch für die Leute, über die ich schreibe.
Das Gespräch führte Stephanie Wurster.
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Jana Hensel: Zonenkinder (Rowohlt 2002, 14.90 €)
www.dumontverlag.de/null/index2.htm
Hier findest du das Internetprojekt NULL (1999) - inzwischen auch längst als Buch erschienen.
www.editonline.de/
Die Literaturzeitschrift edit, bei der Hensel Chefredakteurin war.
Internetseiten über die DDR
www.ddr-im-www.de
www.zonentalk.de
www.ddr-alltagskultur.de
www.ddr-suche.de