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Campaigner: Idealismus mit Durchschlagskraft

22.8.2002 | Sabine Schrader | Artikel drucken
Flauschiger Dress, sonnengelbe Entenschnuten: Wo sonst nur Dampfer schippern, haben die "Alster-Enten" gerade Position bezogen. Auf gecharterten Tretbooten halten sie ihr Transparent in die Höhe. Nicht weit entfernt, am Ufer des hanseatischen Binnengewässers, steht Thomas Pietsch, gibt Interviews, liefert Hintergrundinfos: "Enten sind Wasservögel. Damit sie ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können, brauchen sie Wasservorrichtungen, die mindestens das Eintauchen des Kopfes ermöglichen."

Thomas Pietsch ist Campaigner. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet er für "Vier Pfoten", eine Tierschutzorganisation, die inzwischen in mehreren europäischen Ländern vertreten ist. Sein Schwerpunkt sind Nutztiere. Weil ein Geflügelgroßmastbetrieb gegen die Grundregel artgerechter Entenhaltung verstößt, machen die Tierschützer mit dieser öffentlichen Aktion auf den Missstand aufmerksam. Wer Thomas Pietsch erlebt, ist sich sicher: Würde man diesen Mann aus dem Tiefschlaf wecken, wäre er sofort in der Lage, über Legehennenverordnung, die Bedeutung politischer Entscheidungsträger oder den Medikamenteneinsatz in der Schweinemast zu referieren.

NGO oder Wissenschaft

Eine Nichtregierungsorganisation oder in die Wissenschaft - für Pietsch kamen nach dem Studium nur diese beiden Alternativen in Betracht. Bis dato hatte sich der Biologe mit Wildtieren beschäftigt: Halbaffen auf Madagaskar waren nicht nur das Thema seiner Diplomarbeit - um die Tiere zu beobachten, hatte er sogar einige Monate vor Ort verbracht. Sein Wissen aus der Verhaltensbiologie half ihm dabei, schnell auch ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Art der Haltung für Nutztiere richtig ist.

Wie Thomas Pietsch arbeiten die meisten Campaigner im Non-Profit-Bereich - für Menschenrechtsorganisationen, im Tier- und Umweltschutz. Institutionen also, die keinen Profit erzielen wollen, sondern sich für gemeinnützige Ziele einsetzen und an der öffentlichen Willensbildung beteiligen. Für den Einstieg sind neben einem entsprechenden Studium Erfahrungen in solchen Organisationen eine gute Voraussetzung. "Die Strukturen von Vereinen und Organisationen zu kennen, kann sehr hilfreich sein", sagt Pietsch. Unabdingbar wie Fremdsprachenkenntnisse sind Durchsetzungs- und Überzeugungskraft. Was den Campaigner wie wohl fast alle seine Kollegen motiviert, ist eine gehörige Portion Idealismus. "Dass sich Menschen dafür einsetzen, damit die ethischen Grundhaltungen dieser Gesellschaft auch im Tierschutz gelten, halte ich für absolut notwendig", findet der 33-Jährige. Eine weitere wichtige Eigenschaft kommt noch hinzu: "Man darf nicht in Ohnmacht fallen, wenn die Kamera einen anschaut. Und man muss auch gegenüber gut geschulten Leuten seine Argumente überzeugend rüberbringen."

Gemeinsam Szenarien durchspielen

Nicht immer steht der Campaigner im Rampenlicht. Die Hauptarbeit der eigentlichen Kampagne machen ihre Vorbereitungen aus. Und die finden, ganz unspektakulär, im Büro statt - mit Hilfe von Telefon, Internet und Fachlektüre. Zunächst müssen "tierschutzrelevante Missstände" aufgespürt, ihr Ausmaß recherchiert werden. Ist das Problem schon der Öffentlichkeit bekannt? Gibt es Lösungsvorschläge? Wie sieht die Gesetzeslage aus?

Thomas Pietsch ist kein Einzelkämpfer. Mit seinen Assistenten, die einen Teil der Recherchen übernehmen, steht er im ständigen Austausch. Und bevor eine Strategie festgeklopft wird, werden gemeinsam verschiedene Aktionsszenarien durchgespielt. Seine ursprüngliche Passion, das wissenschaftliche Arbeiten, macht dem Diplom-Biologen noch immer viel Spaß: "Während des Studiums habe ich Fachartikel gelesen, und ich lese jetzt Fachartikel." Sein Job erlaubt ihm, weiterhin Kontakt zur Wissenschaft zu halten. Schließlich sind es immer Fachleute, die ihm neue Argumente liefern und bei denen er Gutachten in Auftrag gibt.

Komplexes Rollenspiel

Der oft mühsamen Informationsrecherche folgt ihr Transfer: Wichtige Fakten müssen an andere NGOs weitergeleitet, ehrenamtliche Mitstreiter eingebunden werden. Und dann entwickelt sich während der Kampagne ein komplexes Rollenspiel. Die Strategie muss den sich verändernden Situationen immer wieder neu angepasst werden. Gefordert sind Flexibilität und schnelle Reaktionen. Der Kampagnenleiter hält die Fäden in der Hand, zieht an den Maschen eines Netzes, bis sie enger werden und der Boden für eine Veränderung geschaffen ist. Lobbyarbeit gehört mit zu diesem Puzzle: Pietsch schreibt Ministerien und Abgeordnete an, macht sie auf die Anliegen seiner Organisation aufmerksam und versucht, sie für seine Ziele zu gewinnen. Wenn dann ein "Außentermin", sprich ein persönliches Gespräch mit einem Volksvertreter, zustande kommt, ist das ein kleines Highlight in seinem Berufsalltag.

Dass die Aktionen der Tierschützer nicht immer auf Gegenliebe stoßen, schon gar nicht bei denjenigen, deren Handeln sie kritisieren, liegt auf der Hand. So wie vor kurzem, als die Aktivisten die Zufahrt zu besagten Entenmastbetrieb mit einem Swimmingpool blockierten. Und wie reagiert Pietsch, wenn er verbalen Attacken ausgesetzt ist? "Da hilft nur eins: zur Kenntnis nehmen, sachlich bleiben und die eigenen Forderungen beharrlich wiederholen."

Für einen solchen Job braucht es einen langen Atem. Manchmal auch eine hohe Frustrationstoleranz. "Man will immer mehr", konstatiert der Tierschützer. Dennoch ist er Optimist. Ein Erfolg sind für ihn auch erreichte Teilziele. Und er kennt echte Sternstunden. Immer dann, wenn er die Früchte seiner Arbeit ernten kann. "Eines Tages schlägt man die Zeitung auf und denkt 'super!'. Da hat man so lange auf ein Ziel hingearbeitet und liest - jetzt wird eine Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht." In solchen Momenten lässt Thomas Pietsch schon mal die Sektkorken knallen und lehnt sich zufrieden zurück. Der Augenblick für eine Verschnaufpause ist gekommen. Zumindest für ein kleine: "Man kann sich freuen und darüber nachdenken, wie es weitergeht."

Sabine Schrader ist freie Journalistin und schreibt für Magazine und Zeitungen. Sie lebt in Hamburg.


www.berufenet.arbeitsamt.de
Kurzvorstellung des Berufs "Campaigner/-in"

www.vier-pfoten.de
Homepage der Tierschutzorganisation VIER PFOTEN

www.bundestag.de/aktuell/begriff
Was ist eine NGO? Hier die Antwort