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Die Arbeit der Pioniere

Erfolgsgeschichte Internet

22.8.2002 | Thomas Hasel | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Am Anfang des Internet stand der Gedanke, dass der Informationsfluss in einem System, in dem alle Einzelteile miteinander gleichberechtigt vernetzt sind, weniger leicht unterbrochen werden kann als in einem zentralisierten oder hierarchischen System. Aus dieser Idee entstand ein weltweites Datennetzwerk, an das heute auf der ganzen Welt weit mehr als 100 Millionen Computer angeschlossen sind und zu dem etwa ein Zehntel der Weltbevölkerung Zugang hat. In den Urzeiten des Internet Anfang der sechziger Jahre hat man diese Entwicklung jedoch nicht vorausgesehen.

Ein Netzwerk gegen die Bombe

Wie viele technologische Neuerungen auf dieser Welt hat auch das Internet einen militärischen Ursprung. Als im Kalten Krieg der atomare Rüstungswettlauf zwischen den USA und der UdSSR bedrohliche Dimensionen annahm, machte man sich in den USA Gedanken darüber, wie im Falle eines Angriffs mit Nuklearwaffen die Kommunikation zwischen US-amerikanischen Behörden und Militärs aufrechterhalten werden konnte. Heraus kam Anfang der sechziger Jahre die Idee eines dezentralen Computernetzwerkes. Die wichtigsten Prinzipien dieses Netzwerkes sollten die Abwesenheit einer zentralen Steuerung oder Autorität und die prinzipielle Gleichberechtigung der Einzelteile des Netzwerkes, also die Computer, sein. Auf diese Weise sollte das Netzwerk weiter funktionieren, auch wenn Teile davon durch Angriffe oder technische Fehler ausfielen.

In die Realität umgesetzt wurde diese Idee 1969. Die Computer an vier US-amerikanischen Universitäten wurden an so genannte Knotenrechner angeschlossen, die über, für damalige Zeiten, schnelle Datenleitungen miteinander verbunden waren. Das Netzwerk nannte man ARPA-Net, nach der Advanced Research Projects Agency, einer Unterbehörde des US-Verteidigungsministeriums, die federführend beim Aufbau des Netzes beteiligt war. Über das ARPA-Net waren Wissenschaftler in der Lage, Computerprogramme- und daten auf fremden Rechnern über weite Entfernungen zu nutzen. Drei Entwicklungen sorgten dafür, dass das von Wissenschaftlern genutzte und von Militärs forcierte ARPA-Net zu einem massentauglichen Medium wurde, das schneller wuchs als alle Medien zuvor.

Die Arbeit der Internetpioniere

Im Jahr 1972 entwickelte der Programmierer Ray Tomlinson eine Software zum Versenden und Empfangen von elektronischer Post. Damit war die E-Mail erfunden, die auch heute noch am meisten genutzte Anwendung des Internet. 1974 erfanden Vint Cerf und Bob Kahn das "Transmission Control Protocol/ Internet Protocol", die Computersprache, die ermöglichte, das alle an das Internet angeschlossenen Computer problemlos miteinander kommunizieren können. Und bis Anfang der neunziger Jahre entwickelte Tim Berners-Lee die "Hyper Text Markup Language" und das Hyperlink-System, mit deren Hilfe Dokumente auf allen Computern grafisch einheitlich dargestellt und miteinander durch sogenannte "Hyperlinks" verbunden werden konnten. Das World Wide Web entstand. Mit der Entwicklung der Browsersoftware Netscape im Jahr 1993 konnten auch technische Laien das Internet nutzen. Längst war es nicht mehr dem Militär oder der Wissenschaft vorbehalten. Im Laufe der siebziger und der achtziger Jahre wurde das Computernetzwerk immer weiter geöffnet, so dass jeder mit einem internetfähigen Computer Zugang zum Internet haben konnte.
Es entstand ein chaotisches Netzwerk, in dem jeder Nutzer via Computer mit jedem anderen Nutzer kommunizieren konnte und in dem jeder Nutzer der ganzen Welt über das Internet zur Verfügung stellen konnte, was technisch machbar war: zu Anfang vor allem Textdokumente, dann Bilder, schließlich Musik oder gar Filme.

Das Geschäft mit dem Netz

Die grundlegend dezentrale, anarchische Struktur des Internet, die von den Erfindern explizit gewollt war, faszinierte in den neunziger Jahren mehr und mehr Menschen, die von einem weltweiten parallelen Raum absoluter Freiheit träumten. Nicht mehr wenige Autoritäten wie Regierungen oder audiovisuelle Medien (Zeitungen, Radio, Fernsehsender) hatten das Recht zu bestimmen, was gesagt oder gezeigt wird. Sondern plötzlich konnte jeder seine Gedanken und Ideen auf einfache und schnelle Weise einem weltweiten Publikum zugänglich machen. Das Computernetzwerk Internet schien frei von Kontrolle durch Staaten oder mächtige Unternehmen. Es ist kaum verwunderlich, dass dieses neu entstandene Massenmedium sich auch Unternehmen zunutze machen wollten, die hier einen weiteren Weg fanden, an Kunden heranzukommen oder Güter zu verkaufen. Mittlerweile haben mit rund 580 Millionen Internetnutzern so viele Menschen wie noch nie zuvor Zugang zum weltweiten Datennetz (auch wenn die große Mehrheit der Internetnutzer in den USA und in Europa wohnt).

Je mehr Nutzer aber ins Internet drangen, desto härter wurden Interessenskonflikte um das Computernetzwerk ausgefochten. Denn was für die einen ein Segen des Mediums Internet war, seine Freiheit, das empfanden andere als Fluch, als gefährliche Anarchie. Sowohl Regierungen als auch Unternehmen versuchen, das zügellose Treiben im Internet zu begrenzen. Regierungen bemühen sich, das, was als illegal gilt, durch Gesetze auch im Internet zu unterbinden (etwa rechtsextremistische Propaganda, kinderpornographische Bilder oder urheberrechtlich geschützte Musik oder Filme). Und Unternehmen, insbesondere der Unterhaltungsindustrie, gehen gegen das Kopieren von Musik, Fotos oder Filmen und ihre Verteilung über das Internet vor, indem sie härtere Gesetze fordern, vermeintliche Gesetzesbrecher verklagen oder Technologien entwickeln, die solch ein Kopieren unmöglich machen sollen.

Viele Internetnutzer beklagen diese Entwicklung als Einschränkung der Freiräume des Internet. Andere sehen darin einfach eine Anpassung des wilden Mediums an die Regeln der Welt außerhalb der Computernetze. Doch noch ist dieser Kampf nicht zu Ende. Denn es ist schwierig, das weltweite Datennetz, das es in vielen Ländern mit völlig unterschiedlichen Rechtssystemen gibt und zu dem so viele Menschen Zugang haben, einfach zu regulieren und zu beschränken. Die grundsätzlich offene Netzwerkstruktur stellt sich jedem Beschränkungsversuch entgegen.

Zwar hat das Internet glücklicherweise niemals den Beweis liefern müssen, dass es einem atomaren Angriff gewachsen ist, jedoch beweist es Tag für Tag erneut, wie schwierig es ist, den freien Informationsfluss in einem dezentralen Netzwerk zu unterbrechen.

Thomas Hasel arbeitet als Journalist für verschiedene Fernsehanstalten. Er lebt in Berlin.


www.psychologie.uni-bonn.de/sozial/staff/history
Eine umfangreiche Textsammlung der Uni Bonn zur Geschichte des Internet. Plus: Interessante Literaturtipps.

www.michaelkaul.de/Geschichte/zakon/
Die Zeitleiste der deutschen Sektion der Internet Society verspricht die definitive Geschichte des Internet zu erzählen.

Dazu aus dem Angebot der bpb:

Jörg Becker
Neue Medien und Internet
"In der immer schneller und intensiver werdenden technologischen Dynamik von Industrialisierung und später Computerisierung entstehen permanent neue Medien. Diese gebären wiederum dauernd neue Medien - und neue Medien werden immer schneller zu alten Medien. Wann immer es erneut neue Medien gibt, tauchen stets sehr ähnliche Begründungsmuster auf, warum sie entweder gut oder warum sie schlecht für die Menschen seien." (Jörg Becker)

Online lesen: www.das-parlament.de/2001/50/Beilage/2001





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