Dass ausgerechnet Karl H. zugibt, mp3-Musikdateien aus einer der Tauschbörsen im Internet zu ziehen, ist schon eine kleine Überraschung: "Ja, ich lade mir auch mp3's aus dem Netz runter, meistens benutze ich die Stücke zum Auflegen," sagt der Vinyl-Patriot und lässt sich dabei keinerlei Boshaftigkeit in seiner Absicht anmerken. Von der Attitüde her mag der Mann vielleicht Punk sein; der Industrie will er mit dem illegalen "Bezug" von Musik trotzdem keine Ohrfeige verpassen - so wie es den meisten Downloadern vorgeworfen wird.
Karl H. kauft sich nach wie vor reichlich Platten. Als Nostalgiker bedeutet für ihn Musikbesitz das Gefühl, etwas in der Hand zu halten. Sparzwänge sind es auch nicht, weshalb Karl H. normale Vertriebstrukturen umgeht. Nein, was ihn dazu zwingt, Musik in Dateiform von Anwendungen wie Kazaa, Soulseek oder Morpheus zu "saugen", hängt vielmehr damit zusammen, dass die Industrie gerade eben nicht seinen Wünschen entgegenkommen mag. "In Netz findet man halt die Sachen, die es nirgendwo mehr gibt. Weder auf Platte noch auf CD!"
Maschinen unserer Vergangenheit
Somit bringt Karl H. den Reiz der Filesharing-Systeme auf einen ganz bestimmten Punkt: ihre Leistung als kulturelles Gedächtnis - ein Gedächtnis, das von allen Usern betrieben wird. Im Gegensatz zu Archiven, die zentral geführt werden, ist das Gedächtnis der Tauschbörsen das Gedächtnis einer ganzen Generation, wenn wir beispielsweise das Stück oder die TV-Serie aus unserer Jugend wieder finden. Die Programme funktionieren wie ein Filter: Was wir runterladen, an das erinnern wir uns - alles andere haben wir vergessen. Wie in einer Art Medienmuseum zum Anfassen steckt in diesen Maschinen unsere Vergangenheit, ja, ein Speicher unserer Kultur.
Was jedoch diesen Typ Gedächtnis von unserem menschlichen Gedächtnis unterscheidet, ist ganz einfach die Medialität beziehungsweise die Tatsache, dass das kulturelle Gedächtnis durch Medien aufbewahrt wird. So bleibt es - theoretisch - länger bestehen als unsere eigenen, flüchtigen Erinnerungen. Bislang waren sich Wissenschaftler einig, dass das kulturelle Gedächtnis alles beinhaltet, was eine Gemeinschaft als wichtig für ihre Identität betrachtet: Bauwerke, Bücher, Bilder oder Musik. Und prinzipiell spricht nichts dagegen, Filme und Codes (die DNS der Software) in das Erinnerungsvermögen aufzunehmen.
Erinnerungen virtuell aufleben lassen
Außerdem: Die Idee, das Internet sei eine Art Zusatzhirn, ist nicht erst gerade erfunden worden. Seit Beginn des WWW diskutieren Esoteriker und Akademiker über das Zustandekommen einer kollektiven Intelligenz, in die wir uns jederzeit einklinken können. Nur sind wir - egal wie sehr es sich manche wünschten - noch nicht mit den Maschinen so verbunden, dass man von einer unmittelbaren Übertragung unserer Gehirnwellen ins Cyberspace reden könnte. So bilden noch die kulturellen Leistungen, die von den Menschen geschaffen und ins Netz gestellt werden, die grauen Zellen des Internet.
Was nun Filesharing besonders einzigartig macht, ist gerade die Bereitschaft der Nutzer, ihre Informationsspeicher, die diese Kultur-Produktionen enthalten, miteinander zu vernetzen und zu teilen. Wenn also unsere Festplatten, vollgestopft mit allerlei Dateien, die grauen Zellen dieses Gedächtnisses bilden, sind dann die Kazaas und iMeshs die Synapsen, die unsere kulturellen Zellen miteinander verbinden? Nicht so schnell ...
Gedächtnisschwund im Cyberspace
... denn inzwischen kennen wir das folgende Gefühl ziemlich gut: Gerade hat die Suchergebnisliste exakt die Folge von - sagen wir einmal - Seinfeld angezeigt, nach der man schon seit Monaten sucht, man drückt auf Download - und was passiert? Nachdem die Datei zu 57% runtergeladen wurde: Abbruch. Danach ist der User wieder Wochen auf der vergeblichen Suche nach der Datei. Mal kleckern hier und da ein paar Megabytes auf den Computer, die Datei aber bleibt unvollständig und somit unbrauchbar. Stößt das Netz-Gedächtnis also an seine Grenzen? Schon heute wissen wir, dass der Verlust von Informationen exponentiell mit dem Zuwachs von Informationen zusammenhängt. Filesharing als ein lebendiges Archiv hält immer nur das Kulturprodukt bereit, was der Anbieter gerade für besonders "bewahrenswert" hält und für das er Platz auf der Festplatte frei macht.
Diese "cyberpsychische" Grenze ist irgendwie symptomatisch für das Leben, das die meisten User führen. Je vielfältiger das Angebot ist, desto kürzer sind die Aufmerksamkeistspannen für bestimmte Kultur-Produktionen. Das Netz funktioniert wie ein Kurzzeitgedächtnis, das spezifische Erinnerungen nur zu bestimmten Zeiten aktualisiert. Das aber liegt weniger an den Speicherkapazitäten der Maschine Internet als an der begrenzten Aufnahmefähigkeit der Maschine Mensch.
Oliver Köhler arbeitet als freier Journalist und Übersetzer. Er lebt in Heidelberg.
Neuer Markt: Internet und Copyright
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