Ein kalter Winterabend in Berlin. Draußen fährt die S-Bahn vorbei, hell erleuchtete Fenster und die schwarzen Silhouetten der Insassen. Drinnen fährt Sven seinen Laptop hoch, er gibt ein paar Passwörter ein, dann klickt er auf die "Enter-Taste" und: "Die Welt hat mich wieder!" Sven Wagner öffnet im Netz einen Stadtplan von Berlin. Straßennamen fehlen, es sind lediglich ein paar Kreise und Verbindungslinien zu sehen - es gibt auf dem Stadtplan kein Zentrum, auch kann man kein klares Muster erkennen. "So sieht BerlinBackBone aus", erklärt Sven, "es gibt bislang 15 Knotenpunkte. Die längste Verbindung zwischen zwei Antennen beträgt knapp zwei Kilometer." Drei bis vier sind machbar. Bald. Vielleicht schon morgen.
BerlinBackBone "BBB" verschmelzt drei Freie Netze zu einem drahtlosen lokalen Netz - Anschluss zum "echten" Internet inklusive. BBB ist das Rückgrat, das verschiedene Empfangs- und Sendestationen miteinander verbindet. Die Hauptknotenpunkte bilden Berliner Kulturstätten, von denen aus die Abzweigungen in die Nachbarschaft hinein wachsen sollen: Cafés, Ateliers und Privatwohnungen sind die Endpunkte. Solche Freien Netze kommen ohne Kabel aus.
Technische Vernetzung = soziale Vernetzung
Die Freinetzler/innen besitzen Rechner oder Laptops mit Funknetzkarte und auf dem Dach ihres Hauses steht eine Antenne - meist selbst zusammen gebastelt. Aber "wireless" heißt nicht nur drahtlos in der Wohnung oder im Park surfen zu können, sondern Teil eines gemeinschaftlichen und freien Netzes zu sein. Damit knüpfen die Freinetzler/innen an die ersten Ideen vom Internet an: Jede und jeder soll mit der ganzen Welt kommunizieren können: Informationen und Wissen sollen frei zugänglich sein. BBB will wieder ein solches Experimentierfeld zum Mitmachen sein.
Sven ist gelernter Funkelektroniker, 38 Jahre alt, er hat eine schulterlange, braune Lockenmähne. Typ: technikverliebter Macher. Er gehört zur c-base, einer der BBB-Kulturstätten. Hier treffen sich jeden Mittwoch die Freinetzler/innen. In einem Kellerraum sitzen an den Bildschirmen rund 14 Leute zusammen - zwischen 16 und 50 Jahren alt. An den Laptops kleben Antennen, Befehle rasen über die Bildschirme, Software wird ausgetauscht. Heute ist eher Profi-Abend. Doch jeder erste Mittwoch im Monat ist Neueinsteiger/innen und Grundsätzlichem gewidmet: Wie baue ich mir eine Antenne?
Hier hilft "Offline-Horst", Ingenieur für Nachrichtentechnik, gerne weiter. Die erste Antenne kann bloß aus einer Milchtüte mit Antennenkabel bestehen, erklärt Horst. "Ebenso eignen sich Konserven- und Bierdosen." Wichtig ist es vor allem, die passenden Dächer zu suchen, denn die Antennen müssen Sichtkontakt haben. "Wir haben schließlich bei Freiwilligen einfach die ersten Antennen auf dem Dach installiert und so ein Netz geschaffen", erzählt Sven.
Einfach an den Start gehen
Aktiv mitmachen heißt bei BBB zum Knotenpunkt werden. Die Kosten dafür bewegen sich zwischen 80 und 500 Euro: Funknetzkarten sind für 30 bis 60 Euro zu haben, die selbst gebastelten Antennen kosten 50 bis 150. Danach aber ist BBB "gratis". Doch BBB verlangt Engagement. Die Freinetzler/innen bestimmen über die Inhalte, sie sind es, die das Netz füttern und sich davon ernähren. Die User sind nicht mehr nur Konsument/innen - es reicht nicht nur ein wenig zu e-mailen oder zu chatten - sondern man soll auch selbst Texte schreiben oder Radio machen. BBB bietet den Raum für eigene Magazine oder für einen eigenen kleine Radiosender. Auch eigene Filme kann man ins Netz stellen.
Anders als auf britischen, spanischen oder auch dänischen Dächern findet man auf deutschen noch selten selbst gebastelte Antennen. Einmal gibt es relativ günstige ISDN-Anschlüssen der Telekom. Außerdem fragen sich viele Leute, ob man das überhaupt darf. Die Antwort: man darf. Der Aufbau Freier Netze ist legal, solange die Inhalte nicht gegen Gesetze verstoßen: Links- und rechtsradikale Inhalte sind natürlich genauso verboten wie menschenverachtende Pornographie. Schließlich gelten auch drinnen die gleichen Regeln wie draußen.
Sonja Ernst ist derzeit Volontärin der bpb.
http://wlanfhain.databang.org
So sieht BerlinBackBone aus
www.c-base.org
c-base - Internetinitiative, Partylounge, Kunstprojekt
www.freifunk.net
freifunk.net ist eine Initiative zur Verbreitung freier (Funk-)Netzwerke
www.bpb.de
Informationen zur Mediengesellschaft
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