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Der israelische Pathologe

Etgar Keret im Gespräch

1.2.2004 | Petra Tabeling | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Etgar Keret ist ein liebenswerter Zyniker. Seine skurrilen Beobachtungen aus dem Alltagsleben im bombengebeutelten Israel in "Der Busfahrer, der Gott sein wollte" (2001) oder "Gaza Blues" (1996) gefallen Israelis UND Palästinensern. Auch in Deutschland - wo er gerade an der FU Berlin einen Schreibkurs gegeben hat - ist er sehr beliebt. Jetzt hat er wieder Absurdes in Kurzgeschichten gepackt. In dem Band "Mond im Sonderangebot" schreibt der 36-Jährige über philosophierende Fische, nicht totzukriegende Hunde, den Preis des Mondes, über Versager und Gewinner. fluter.de-Autorin Petra Tabeling hat sich mit Etgar Keret unterhalten.

Wer liest deine Geschichten?

In Israel sind es meistens Teenager bis 30-Jährige; israelische, orthodoxe oder arabische Israelis. Ich kenne keine 40-Jährigen, die mich lesen. Ich bin der erste Schriftsteller, der vor einem Jahr ins Arabische übersetzt und in Palästina veröffentlicht wurde. Ich glaube, ich schreibe so, dass sich alle in meinen Geschichten wieder finden. Ich repräsentiere keine Gruppe, sondern individuelle Charaktere.

Du schreibst sehr zynisch und ironisch über den Alltag in Israel. Wie wichtig ist dir Humor?

Er ist sehr, sehr wichtig. Er ist eine Waffe für diejenigen, die schwach sind. Du kannst zwar nichts ändern, aber wenn du einen Witz machst, protestierst du zumindest. Juden sind immer schon sehr berühmt für ihren Humor gewesen. Aber der ging mit der Zeit verloren und wurde in Pathos umgesetzt. Humor ist ein Weg, Kritik zu leisten. Wenn ich es schaffe, meine Leser zu amüsieren, habe ich ihnen auch was gegeben. Es ist wie eine Verbindung mit ihnen.

Bekommst du auch etwas von deinen Leser/innen zurück?

Ich war am Anfang sehr unsicher. Ich fühlte mich ziemlich fucked up. Durch meine Leser/innen habe ich mehr Selbstvertrauen gewonnen.
Wir bekommen hier in Europa den Konflikt in Israel nur aus den Medien mit. Du lebst direkt in Tel Aviv. Wie erlebst du das dort?

Ich glaube, die Medien haben eine wichtige Aufgabe damit, die Realität abzubilden - aber sie erzeugen auch eine eigene Wirklichkeit. Ein Beispiel: In Israel gab es vor einem Jahr eine interessante Umfrage. Eine der Fragen lautete: Welche Ereignisse haben sie selbst gesehen und welche nur im Fernsehen? 40 Prozent der Befragten konnten keinen Unterschied machen, ob sie zum Beispiel die Ermordung des israelischen Präsidenten Rabin selbst gesehen haben oder nicht. Fernsehen ist nur ein anderes Fenster in einer Wand. Man sieht in diesem Fenster zum Beispiel das World Trade Center zusammenbrechen. Der Terrorismus wäre bedeutungslos ohne die Medien. Man kann ja nicht terrorisieren, wenn es keiner zeigt.

In Israel ist es extrem. Wir hatten einen nationalen Sender, der über terroristische Gewalt berichtete. Dann gab es einen Konkurrenzsender und sie überboten sich gegenseitig mit blutigen Bildern. Wer das Grausamste zeigte, hatte bessere Einschaltquoten: weil die Leute das einfach sehen wollten. Ich glaube nicht, dass die Medienmacher schlecht oder korrupt sind; sie reflektieren nur, was die Menschen sehen möchten. Einmal fand ein wichtiges Fußballspiel statt, gleichzeitig gab es auch viele Anschläge. Aber die Leute wollten beides im Fernsehen verfolgen. Schließlich wurde auch beides ausgestrahlt; das Fernsehbild wurde einfach aufgeteilt. So lebe ich mein Leben. Man möchte wissen, wie es beim Fußball steht, aber auch, was mit den Anschlägen ist. Das ist manchmal schon etwas zynisch.

Hast du dir schon ernsthaft überlegt, aus Israel wegzugehen?

Ich denke oft daran. Nicht so sehr wegen der Bombenanschläge, sondern weil ich mich irgendwie auch der Generation der Holocaust-Überlebenden zugehörig fühle. Ich bin doch privilegiert, dass ich den Ort, an dem ich lebe, aussuchen kann. Das hatten die Juden vorher nicht. Es ist meine Heimat - auch wenn sie politisch oft am Ende zu sein scheint. Ich liebe die Offenheit der Menschen, die unterschiedlichen Auffassungen, die hebräische Sprache - und ich kann im Meer schwimmen. Ich habe das Gefühl, dass man der Gewalt nicht immer entkommen kann. Ich glaube, dass es sogar noch schlimmer wird. In einigen Jahren wird es noch weniger sichere Plätze auf der Welt geben. Die Dinge, die ich nicht liebe, kann ich aber versuchen zu ändern. Aber man kann nicht einfach wegrennen, man muss sich dem stellen.

Petra Tabeling lebt als freie Autorin in Köln.

Etgar Kerets Bücher:


Mond im Sonderangebot. 33 Short Stories (Luchterhand Literaturverlag 2003, 17.50 €)



Der Busfahrer, der Gott sein wollte (Luchterhand Literaturverlag 2001, 17.50 €)



Pizzeria Kamikaze (Luchterhand Literaturverlag 2000, ca. 10 €)




Gaza Blues (Luchterhand Literaturverlag 1996, 8.50 €)





www.complit.fu-berlin.de
Keret gab im WS 2003/2004 ein Blockseminar in Berlin übers Drehbuchschreiben - er unterrichtet auch an der Filmakademie von Tel Aviv

http://buecher.judentum.de/
Seite zu jüdischen Büchern und Autor/innen (alle Themen)




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