Die Reichen ticken anders. Anders zumindest als die Leute, mit denen der 15-jährige Finn Earl in seinem bisherigen Großstadtleben an der New Yorker Lower East Side zu tun hatte. Sein Leben ändert sich grundlegend, als seine Mutter Liz, ein drogensüchtiger, liebenswerter Hippie, einen undurchsichtigen Massagejob bei dem Millionär Ogden C. Osborne annimmt. Widerwillig muss Finn mit umziehen, in den kleinen Ort Vlyvalle in New Jersey, eine Hochburg der Superreichen.
Finns Erzeuger - den der Sohn ausschließlich über Fachartikel und Super-8-Filme kennt - ist ein legendärer Wissenschaftler, der mit den brasilianischen Yanomami-Indianern lebt, die man wegen ihrer kriegerischen Mentalität auch "Fierce People" nennt (so der Originaltitel des Buches). In Vlyvalle entdeckt Finn eine Menge Parallelen zu dem Amazonasstamm: "Unglaublich, aber wahr: In der Wildnis New Jerseys war ich auf einen Volksstamm gefunden, der genauso fremdartig, grausam und wenig liebenswert war wie die Yanomami. Ich war unheimlich fasziniert." Wie recht er mit seiner frühen Einschätzung hat, erfahren wir später.
Aufstieg und Fall
Alles entwickelt sich aber zum Guten: Innerhalb kürzester Zeit hat Finn eine tolle Freundin - Osbornes Enkelin Maya - und ein spannendes Leben, wie es sich für einen inzwischen 16-Jährigen gehört: Kiffen, Biertrinken und mit Maya in deren familieneigenen Wäldern herumtollen. Ein paar Außenseiter scheint die Geldaristokratie von Vlyvalle zu ertragen. Auch Liz nutzt ihre Chance: Sie bemüht sich, eine Kopie ihrer neuen Mitbürger zu werden, inklusive Golftraining und Kleideretiquette. Nach diesem traumhaften Aufstieg ist der Fall - ähnlich wie in den Romanen von Bret Easton Ellis - tief, plötzlich und böse psychopathisch.
Dirk Wittenborn: Unter Wilden (Dumont Verlag, ca. 23 €, amerikanische Ausgabe für ca. 11 €)
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