Dirk Wittenborn: Unter Wilden

Faules Geld

23.2.2004 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben
Porträt einer geschlossenen Gesellschaft
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Die Reichen ticken anders. Anders zumindest als die Leute, mit denen der 15-jährige Finn Earl in seinem bisherigen Großstadtleben an der New Yorker Lower East Side zu tun hatte. Sein Leben ändert sich grundlegend, als seine Mutter Liz, ein drogensüchtiger, liebenswerter Hippie, einen undurchsichtigen Massagejob bei dem Millionär Ogden C. Osborne annimmt. Widerwillig muss Finn mit umziehen, in den kleinen Ort Vlyvalle in New Jersey, eine Hochburg der Superreichen.

Finns Erzeuger - den der Sohn ausschließlich über Fachartikel und Super-8-Filme kennt - ist ein legendärer Wissenschaftler, der mit den brasilianischen Yanomami-Indianern lebt, die man wegen ihrer kriegerischen Mentalität auch "Fierce People" nennt (so der Originaltitel des Buches). In Vlyvalle entdeckt Finn eine Menge Parallelen zu dem Amazonasstamm: "Unglaublich, aber wahr: In der Wildnis New Jerseys war ich auf einen Volksstamm gefunden, der genauso fremdartig, grausam und wenig liebenswert war wie die Yanomami. Ich war unheimlich fasziniert." Wie recht er mit seiner frühen Einschätzung hat, erfahren wir später.

Aufstieg und Fall

Alles entwickelt sich aber zum Guten: Innerhalb kürzester Zeit hat Finn eine tolle Freundin - Osbornes Enkelin Maya - und ein spannendes Leben, wie es sich für einen inzwischen 16-Jährigen gehört: Kiffen, Biertrinken und mit Maya in deren familieneigenen Wäldern herumtollen. Ein paar Außenseiter scheint die Geldaristokratie von Vlyvalle zu ertragen. Auch Liz nutzt ihre Chance: Sie bemüht sich, eine Kopie ihrer neuen Mitbürger zu werden, inklusive Golftraining und Kleideretiquette. Nach diesem traumhaften Aufstieg ist der Fall - ähnlich wie in den Romanen von Bret Easton Ellis - tief, plötzlich und böse psychopathisch.

Der Autor Dirk Wittenborn weiß, worüber er schreibt. Vor kurzem hat er den Dokumentarfilm "Born Rich" seines Neffen Jamie Johnson (aus der Pharma-Dynastie Johnson & Johnson) produziert - in den Hauptrollen: Ivanka Trump, die Hilton-Schwestern, S.I. Newhouse IV und andere "spoiled brats" der amerikanischen Oberschicht. Wie viele der reichen Kids, die da über ihr Leben reden, ist Wittenborn in einer ähnlich von der Wirklichkeit abgeschotteten Enklave wie Vlyvalle aufgewachsen. In einem Interview verriet Wittenborn: "Das Buch ist nur realistisch, all diese Dinge sind wirklich passiert. Vorsichtshalber spreche ich nicht detailliert darüber. Aber ich habe gesehen, wie reiche Leute Verbrechen begehen und nicht verhaftet werden, nicht bestraft werden. Für sie gelten andere Regeln."

In diesem Sumpf wirkt der jungfräuliche Finn mit seiner New Yorker Streetsmartness wie eine Mischung aus Heilsfigur und Twains Abenteurer Huckleberry Finn. Schließlich muss er um seine Liebe, seine Integrität, und nicht zuletzt um sein Leben kämpfen. Dann sind neue Möglichkeiten geschaffen, aber nichts ist klarer: "Es gab keinen Schutz vor dem Sturm, den ich geerbt hatte." Der Sturm, wir ahnen es, besteht aus großen grünen Scheinen.

Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin. Als Kind hat sie im Schloß ihres Onkels Weinschorle serviert und den Hofknicks geprobt.

Foto: "Dirk Wittenborn" / © Jerry Bauer

Dirk Wittenborn: Unter Wilden (Dumont Verlag, ca. 23 €, amerikanische Ausgabe für ca. 11 €)



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www.imdb.com
Mehr über den Dokumentarfilm "Born Rich", der noch dieses Jahr im deutschen TV laufen soll

www.mnsu.edu
Mehr über die Amazonas-Indianer Yanomami

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