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Zivi-Musterung

Der Dienst an der Gesellschaft

24.2.2004 | Susanne Sitzler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Gut möglich, dass es schon bald keine Zivildienstleistenden mehr gibt. Warum? Weil die Wehrpflicht, die in Deutschland 1957 eingeführt wurde, auf der Kippe steht - und ohne Dienst an der Waffe auch keine Wehrdienstverweigerer, also keine Zivis mehr.

Wehrpflicht-Gegner argumentieren, eine Berufsarmee wie beispielsweise in Frankreich sei sinnvoller und gerechter. Die Wehrpflicht-Befürworter wollen am Vorbild des Bürgers in Uniform festhalten. Sie bekommen ironischerweise Rückendeckung von vielen Wohlfahrtsverbänden, sozialen Einrichtungen und Krankenhäusern, denn die fragen sich, wer die rund 90.000 Zivildienstleistenden, die derzeit im Dienst sind, ersetzen soll: Wird es dann ein soziales Pflichtjahr geben oder können Mini-Jobber oder Arbeitslose die Lücke füllen?

Was aber sagen eigentlich die Zivis selbst dazu? Wir haben drei Zivildienstleistende gefragt, wie sie ihre Arbeit sehen und was ihre Erfahrungen sind.

Yannick Jochum, 19 Jahre,
seit Juli 2003 Zivildienstleistender bei der Umweltorganisation BUND in Berlin

"Meine Zivildienststelle hier ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe sieben Jahre in Peru gelebt und mich schon dort für soziale und ökologische Projekte eingesetzt. Als ich mich von Peru aus für eine Stelle beworben habe, kannte ich mich eigentlich noch gar nicht gut aus. Es war nur klar, dass ich nach Berlin wollte. Also habe ich mir eine Liste der freien Plätze zuschicken lassen. Ich wollte eine Organisation finden, in der sich viele Jugendliche engagieren und ich bin mit meiner Wahl sehr zufrieden. Als Pressesprecher der BUND-Jugend setzte ich mich für umweltpolitische Projekte ein, arbeite aber auch journalistisch - das war mit einer der Gründe, warum ich mir diese Stelle ausgesucht habe, denn ich möchte beruflich in diesem Bereich bleiben. Ich schreibe Meldungen für unsere Homepage, erstelle einen Newsletter, bin aber auch bei Aktionen wie dem "Umwelt-Kinder-Tag" oder dem "Natur-Tagebuch" beteiligt. Die interessanteste Aufgabe bisher? Zurzeit organisiere ich für das ASA-Programm einen Austausch mit El Salvador: Es geht um Gentechnik und die Risiken dabei."

Yannick ist in Deutschland geboren und lebte mit seinen Eltern von 1996 bis 2003 in Lima (Peru), wo er eine deutsch-peruanische Schule besuchte. Neben Deutsch und Spanisch spricht er Englisch, Französisch und Portugiesisch. Vor allem über seine Mutter hat sich Yannick in Peru für soziale Projekte eingesetzt: "In Peru gibt es gravierendere Probleme als Umweltschutz", sagt er. Er kümmerte sich um Kinder im Westfalia Kinderdorf in Cieneguilla und half mit, die sandige Gegend mit Bäumen zu begrünen. Die Zeit in Südamerika hat Yannick sehr geprägt und er fühlt sich dort noch immer mehr zu Hause als in Berlin - obwohl die ganze Familie inzwischen wieder in Deutschland lebt. Seinen Neuanfang betrachtet er aber als Herausforderung.

Foto: privat

www.bundjugend.de
Die Internetseite der BUND-Jugend

www.econautix.de
Das Jugendportal Econautix

www.avhlima.edu.pe
Yannicks Schule in Peru













Johannes Kreye, 21 Jahre,
war bis Juni 2003 Zivildienstleistender bei FELIX, dem Pflegeteam der Berliner Aids-Hilfe

"Bei Felix habe ich halb im Büro, halb bei den HIV-Kranken zu Hause gearbeitet. Meine Aufgaben dort waren unterschiedlich: saubermachen, spülen, einkaufen oder mit den Patienten und Patientinnen spazieren gehen. Als Zivi war ich derjenige, der auch mal Zeit für einen Kaffee und ein Gespräch hatte - Das fand ich besonders wichtig. Die HIV-Pflege wird heute nicht mehr so gut gefördert wie vor zehn Jahren. Wir konnten maximal zwei bis drei Stunden am Tag bei den Patienten sein. Einige Patienten sind im Rollstuhl oder haben Begleitkrankheiten, die durch den HI-Virus hervorgerufen werden oder leiden unter den Nebenwirkungen der Medikamente. Einige sind depressiv, andere leben ganz "normal", manche sogar ohne Medikation.
Berührungsängste hatte ich keine. Meine Mutter hatte da zu Beginn mehr Bedenken - das hat sich zum Glück schnell gelegt. Schließlich ist es möglich, einem Aids-Kranken die Hand zu schütteln ohne Angst zu haben. Und beim Wohnung-Saubermachen braucht man keine Handschuhe - höchstens wegen dem Schmutz, aber nicht wegen der Ansteckungsgefahr. Meine Arbeit hat mich insgesamt wenig belastet. Der Tod einer Patientin ging mir allerdings doch ans Herz, weil ich dort öfter war und weil es für mich sehr plötzlich kam."

Johannes studiert an der Humboldt-Universität Berlin Deutsch und Mathematik auf Lehramt. Zu Felix kam er eher durch Zufall - er wollte nicht beruflich im Pflegebereich arbeiten. Felix ist ein Projekt der Berliner Aids-Hilfe, das seit 1993 Aids-Kranke zu Hause pflegt und unterstützt. Durch die Arbeit mit den HIV-Kranken hat sich sein Bewusstsein für die Krankheit verändert. "Die Verharmlosung von Aids, die mittlerweile stattfindet, kann ich nicht teilen", sagt er. Auch nicht die Auffassung, dass alle HIV-Positiven selbst an ihrer Krankheit Schuld seien: "Es gibt genügend Gegenbeispiele." Obwohl ihm die Zeit als Zivi viel gebracht hat, ist Johannes dafür, den Wehrdienst abzuschaffen und das freiwillige soziale Jahr zu fördern. Ob er sich unter diesen Umständen freiwillig für die HIV-Pflege gemeldet hätte, gibt er ehrlich zu, weiß er nicht.

Foto: Micz Flor

www.felix-pflegeteam.de
Das Pflegeteam FELIX im Netz

www.aidshilfe.de
Die Deutsche Aids-Hilfe

André Heinz, 21 Jahre,
seit Oktober 2003 Zivildienstleistender beim Integrationskita "Miteinander" in Berlin / Prenzlauer Berg

"Mein Onkel hat gesagt, ich hätte irgendwie einen guten Draht zu Kindern, deswegen habe ich mich in einer Kindertagesstätte beworben. Ich habe zwei kleinere Geschwister und mehrere Cousinen und Cousins. Bei meinem Bewerbungsgespräch habe ich gesagt, dass ich weiß, wie man Windeln wechselt - mehr nicht. Die Kinder in meiner Gruppe sind zwischen einem und drei Jahren alt. Morgens bis neun Uhr wird erst mal gefrühstückt, dann stelle ich die Teller und Tassen raus, gieße Tee und Milch ein und helfe den Kindern, die noch nicht alleine essen können. Dann geht es erst mal ins Bad: Hände und Gesicht waschen, und dann zum Spielen. Ich kümmere mich besonders um die behinderten Kinder, helfe ihnen bei Geschicklichkeitsspielen, beim an- und ausziehen oder sitze einfach nur dabei. Nachmittags spielen wir auch draußen - letzte Woche war es besonders schön, da konnte man Schlitten fahren. Ich könnte mir gut vorstellen, auch beruflich mit Kindern zu arbeiten, aber ich weiß noch nicht wie. Das besondere an diesem Kita ist, dass hinter jedem Spielzeug eine Idee steckt und dass behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen sind."

André hat eine abgeschlossene Ausbildung als Elektriker. Die Arbeit mit den Kindern macht ihm aber mehr Spaß, als die Arbeit, die er eigentlich gelernt hat. Die Bundeswehr war für ihn von Anfang an keine Alternative. Den Zivildienst sieht er als Möglichkeit, in ein ganz anderes Berufsfeld hineinzuschnuppern - deshalb findet er, dass jeder grundsätzlich diese Möglichkeit haben sollte. Ein Freund von André hat nach dem Zivildienst den Beruf gewechselt, umgeschult und arbeitet jetzt in der Altenpflege. Andrés Kita ist am reformpädagogischen Ansatz Montessoris ausgerichtet, der die Individualität eines jeden Kindes in den Vordergrund stellt. 55 Kinder im Alter von 1-6 Jahren, darunter auch schwerst- und mehrfachbehinderte, werden dort von 11 Erzieherinnen und von André als einzigem Mann betreut.

Foto: Susanne Sitzler

Infos zur Montessori-Pädagogik:

www.montessori.de

www.montessori-deutschland.de

Links zu den Kindertagesstätten der einzelnen Bundesländer:

www.horte-online.ch

Susanne Sitzler ist derzeit Volontärin bei der bpb.



www.zivildienst.de
Das Bundesamt für Zivildienst

www.sozial-atlas.net
Der Sozial-Atlas mit Links zu bundesweiten sozialen Organisationen und Verbänden

www.zivi.org
Infos und Stellen im In- und Ausland

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