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Heimat oder Moloch?

Unsere Städte wachsen immer schneller

15.11.2004 | Sonja Ernst | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Eines scheint festzustehen, irgendwann werden wir fast alle in Städten leben. Die Urbanisierung der Menschheit nimmt stetig zu, selbst in Australien. Heute leben erstmals genauso viele Menschen in Städten wie auf dem Land. In Teilen Lateinamerikas und Asiens hat die Verstädterung Höchstgeschwindigkeit erreicht - das Land zieht in die Stadt. Als Symbol der Urbanisierung gelten Mega-Städte mit ihren Straßenschluchten, stinkenden Müllbergen und dem Gedröhne der Autos.

Aber wann wird eine Stadt zur Mega-Stadt? Für manche beginnt der Mega-Status ab fünf Millionen Einwohner/innen, für andere erst ab zehn. Dabei wachsen schon die ersten Mega-Mega-Städte mit 20 Millionen Bewohner/innen heran. Es gibt viele Menschen und sie leben auf engstem Raum. Mehr Verallgemeinerungen lassen sich über Großstädte kaum machen: Ihre Zahl wächst und damit ihre Vielfalt.

Was macht eine Stadt zur Mega-Stadt?

Bis in die 1980er-Jahre lagen Mega-Städte in den Industrieländern, mit Ausnahme Shanghais. Heute liegen zwei Drittel in Schwellen- und Entwicklungsländern. Am schnellsten wachsen Lagos (Nigeria), Dhaka (Bangladesch) und Delhi (Indien). 2010 wird es fünf Mega-Städte mit über 20 Millionen Einwohner/innen geben: Tokio (Japan), Bombay und Delhi (Indien), Mexiko City (Mexiko) und Sao Paolo (Brasilien). Manche Mega-Städte sind Global Players, die die Wirtschaftsleistungen ganzer Staaten hervorbringen. Andere hingegen, wie Karatschi (Pakistan) oder Dakar (Senegal), spielen kaum eine Rolle in der internationalen Wirtschafts- und Finanzwelt.
In Mega-Städten wie Sao Paolo mit 18 Millionen Einwohner/innen herrscht Großstadtdschungel. Täglich schlängeln sich fünf Millionen Autos und 12.000 Busse durch die Stadt. Die Industriedichte ist hoch und so gelangen täglich rund 7000 Tonnen Schadstoffe in die Luft. Es fallen 17.000 Tonnen Hausmüll pro Tag an. Recycling oder Kompostieren stehen bislang nicht auf dem Plan, sondern lediglich Mülldeponien. Nicht nur in Sao Paolo wachsen wilde Müllkippen am Rande der Stadt - nicht selten Überlebensgrundlage für arme Familien.

Wildwuchs und Stadtentwicklung

Aber können Städte einfach wild wachsen? Wo ist der Master-Plan? Diplom-Ingenieurin Susanne Lehmann von der TU-Darmstadt ist Architektin und Stadtentwicklerin. Ihr Interesse gilt Gebäuden, aber auch ihrem Zusammenspiel und den fertigen und unfertigen Räumen dazwischen. Es geht nicht mehr nur um "Stadt bauen", sondern "Stadt gebrauchen". Eine Stadt, die sich ständig und rasend schnell verändert.

"In Mega-Städten laufen ganz große Aneignungsprozesse ab. Manche Städte wachsen hauptsächlich in der Peripherie, in den Slums und den Favelas. Da passieren Dinge einfach so", sagt Lehmann. Manche Stadtplaner/innen reisen dorthin, um Strukturen zu finden, von denen sie lernen können. Oder aber sie helfen bei der Stadtentwicklung von unten. Sie planen kleine bauliche Verbesserungen, die von der Beteiligung der Menschen abhängen: Die Hütten werden nicht erneut direkt an den Fluss gesetzt oder gemeinsame Toiletten werden gebaut.

Der öffentliche Raum erfindet sich neu

Aber was bedeuten uns Mega-Städte: Sind sie Lebenswiese oder nur noch Betonwüste? Wie können Menschen "Stadt gebrauchen"? Mit Forschungsprojekten wollen Lehmann und ihre Kollegen/innen Antworten geben. "Welche Aktionen sind notwendig, um einen Ort, der Chancen bietet, als Spielfeld wahrnehmbar zu machen?", so die Stadtentwicklerin. Der öffentliche Raum, der in Metropolen wie London und New York durch Privatisierung und Bebauung schrumpft, wird zu einem knappen sozialen Gut. "In unserer westlichen Welt ist es wichtig, dass sich die Menschen am Leben ihrer Stadt weiter beteiligen."

Hier spielen die neuen Medien eine wichtige Rolle. Die Schnelligkeit der Informationsübermittlung spiegelt das pulsierende Stadtleben. Durch SMS und E-Mails lassen sich Stadtbewohner/innen rasch zusammentrommeln. Die Orte illegaler Partys werden bekannt oder absurde Aktionen unternommen, wie bei den Flash Mobs, den spontanen Events auf Straßen und Plätzen. Die Leute erobern sich so den öffentlichen Raum wieder zurück: Sie lassen sich nicht mehr aus "ihrer" Stadt in die wuchernden Vororte verdrängen.

Droht der Kollaps der Mega-Städte?

Moderne Formen der Beteiligung sind für manche Mega-Städte jedoch noch ohne Bedeutung. Orte wie Kalkutta (Indien) oder Lagos (Nigeria) müssen zunächst "überleben". "Luftverschmutzung und Trinkwasserknappheit sind hier primäre Probleme", so Lehmann. "Diese Punkte entscheiden über einen Kollaps." Hierzu zählt auch die wachsende Armut und der stetige Zustrom an Menschen, die ihr Glück in der Stadt suchen.

Dem Chaos und den Slums der Städte steht zugleich das enorme Potential an Menschen gegenüber, so Lehmann. Der Zuzug vom Land bedeute zugleich "Manpower", die genutzt werden kann. Diese Menschen sind eine Bereicherung für die großen Metropolen, sie bringen ihre regionalen Kulturen mit und sie verändern "ihre" Stadt. So sind die Menschenmassen nicht nur eine Belastung für die großen Städte, sondern immer auch eine Chance für die Zukunft.

Sonja Ernst ist bpb-Volontärin.


www.difu.de
Deutsches Institut für Urbanistik

www.die-wolkenkratzer.de
Wolkenkratzer im Überblick. Wo steht der höchste?

www.architektur.tu-darmstadt.de/stadt
TU-Darmstadt, Architektur - Entwerfen und Stadtentwicklung

www.urban-web-tool.de
Partizipation im Internet

www.flashmob.info.com
Flash Mob - Spontanevents in Städten

www.dsw-online.de
Deutsche Stiftung Weltbevölkerung




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