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Eine bessere WTO

Vorschläge zur Rettung der Welt

16.11.2004 | Miriam Boschmann und Lutz Weischer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

In der "World Trade Organization" (WTO) läuft einiges schief. Darin sind sich die Globalisierungskritiker/innen einig. Aber wie sieht die Alternative aus? Wollen wir die WTO verändern oder lieber gleich abschaffen? Lutz Weischer von econautix.de hat dazu Jörg und Momo befragt, zwei junge Globalisierungsaktivist/innen, die diese Frage unterschiedlich beantworten.

Lutz Weischer: Hallo Jörg, hallo Momo. Wenn ihr eure Meinung in einem Satz zusammenfassen solltet: Was soll mit der WTO passieren?

Momo: Draufhauen, neu bauen!

Jörg: Nein! Reformieren statt eliminieren!

Was soll sich denn konkret ändern, Jörg?

Jörg: Die Entscheidungsprozesse der WTO müssten erstens demokratisiert und zweitens transparenter werden.

Umweltschutz und Menschenrechte statt Freihandel

Wieso denn demokratisiert? Die WTO arbeitet doch schon nach dem Prinzip "Ein Land – Eine Stimme“. Demokratischer geht's wohl nicht.

Jörg: Bei der WTO läuft ziemlich viel hinter verschlossenen Türen ab. Die Ergebnisse laufender Verhandlungen werden erst kurz vor Vertragsabschluss bekannt gegeben. So haben die Betroffenen vorher oft nicht einmal Zeit, die Papiere zu lesen, geschweige denn zu verstehen.

Momo: Aber selbst Demokratie und Transparenz ändern nichts daran, dass die WTO einseitig nach den falschen Prinzipien arbeitet. Ich will Umweltschutz und Menschenrechte statt Freihandel! Und dazu muss die WTO durch ein neues, ganz anderes Welthandelssystem ersetzt werden.

Und wie sieht das aus?

Momo: Da wir ja bereits ein Umweltprogramm (UNEP), ein Entwicklungsprogramm (UNDP) und eine Handelskonferenz (UNCTAD) in den Vereinten Nationen haben, könnten diese gemeinsam die Aufgaben der WTO übernehmen.

Jörg: Auch die WTO ist schließlich ein Vertragswerk von Staaten, in dem die Mitgliedsländer sagen, wo's langgeht. Das sind ja die gleichen Staaten, die auch in der UNO vertreten sind. In einer neuen Institution würden auch nicht unbedingt andere Entscheidungen gefällt werden. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass Umwelt- und Menschenrechte in der WTO berücksichtigt werden. Alle UN-Konventionen und geltendes Völkerrecht müssen in die Entscheidungen der WTO mit einfließen. Wir brauchen ein Welthandelsgericht, das darüber wacht.

Momo: Aber so ein Welthandelsgericht würde der WTO noch mehr Macht geben! Das finde ich sehr gefährlich. Denn die alten Grundsätze der WTO sind sehr tief verankert. Bei der WTO bestimmen Wirtschaftsminister, Handelsexperten und Interessensvertreter der Industrie, denen andere Themen egal sind.

Unabhängige, internationale Richter


Jörg: Das Problem, dass in der WTO nur die Wirtschaftsminister vertreten sind, könnte man lösen: Die Parlamentarier, also die Volksvertreter, müssen in WTO-Verhandlungen mehr zu sagen haben. Das Welthandelsgericht, das ich mir vorstelle, darf nicht direkt der Kontrolle der Regierungen unterliegen. Es sollte unabhängige, internationale Richter geben, die auf einer erweiterten Basis entscheiden: Bestehende UN-Regelungen zu Umwelt- und Menschenrechten müssen eingehalten werden. Gerade passiert das genaue Gegenteil. Die WTO entscheidet über Gentechnikgesetze in Europa und fragt nur, ob das Handelsverzerrungen sind. Dabei gibt es das "Cartagena-Protokoll", einen UN-Vertrag, der sagt, dass Länder die Einfuhr von gentechnisch veränderter Nahrung verbieten können. Aber das spielt bei der WTO keine Rolle.

Momo: An diesem Beispiel zeigt sich, wie weit die Macht der WTO schon heute reicht: Bis auf unseren Teller! Ich will nicht nur, dass Umwelt- und Verbraucherschutz "auch in Entscheidungen einfließen“. Ich würde grundsätzlich Umwelt- und Menschenrechte über Handelsrecht stellen.

Vielleicht ist die Idee falsch, alles global zu regeln. Denn dann bleiben Demokratie und Bürgernähe auf der Strecke. Einige Globalisierungskritiker/innen wollen weder die WTO noch eine neue weltweite Institution, sondern schlagen vor, alle Entscheidungen zurück auf die lokale Ebene zu verlagern, lokale Wirtschaftskreisläufe auszubauen, den Welthandel auf ein absolutes Minimum zurückzufahren. Wäre das eine Alternative?

Jörg: Sobald wir international Handel betreiben, benötigen wir auch internationale Regeln. Ansonsten setzt sich der Stärkere durch.

Momo: Irgendwie geregelt werden muss der Welthandel schon. Denn von einer Welt ohne Handelsregeln hat kaum jemand was - nur die Chefetagen einiger transnationaler Konzerne und gewisse Interessengruppen in den USA, der EU oder Japan.

Jörg: Ohne Welthandelsordnung würden einzelne Staaten untereinander so genannte bilaterale Abkommen schließen. Wenn nun beispielsweise die USA in direkten Verhandlungen mit Mexiko stehen, haben sie mehr Macht, als wenn sie im Rahmen eines Forums mit 50 Ländern des Südens Verträge schließen, denen alle zustimmen müssen. Bei bilateralen Verträgen verhandeln ganz Starke mit ganz Schwachen, während in der WTO relativ Mächtige mit relativ Schwachen verhandeln.

Globale Regelungen für den Klimaschutz


Aber Umweltgesetze und Arbeitsrecht kann man doch auch vor Ort regeln, oder?

Jörg: Der Klimawandel ist das beste Beispiel dafür, dass wir globale Regeln brauchen. Denn wenn jeder Staat Treibhausgase ausstößt, soviel er will, geht die Erde kaputt.

Momo: Die transnationalen Konzerne können dorthin abwandern, wo Sozialabgaben, Löhne, Sicherheitsstandards und Umweltauflagen am geringsten sind. So setzen sie die Regierungen unter Druck, die anderen Staaten zu unterbieten. Deshalb brauchen wir weltweite Mindeststandards für Umweltschutz, Arbeitsrecht und Menschenrechte. Und alle Länder müssen das Recht haben, Standards höher zu setzen und ihre kleinen einheimischen Unternehmen zu unterstützen. Das untersagt aber das so genannte "Nichtdiskriminierungsgebot“ der WTO.

Gerade gilt das Freihandelsprinzip in der WTO für alles, was im weitesten Sinne mit Handel zu tun hat. Für Stühle und Tische, aber auch für Nahrungsmittel oder Bildungsdienstleistungen. Soll das in deiner reformierten WTO so bleiben, Jörg?

Jörg: Nein, das ließe sich ändern. Es dürfte nicht alles gehandelt werden. Die Umwelt- und Sozialverträglichkeit muss geprüft werden. Überhaupt nicht gehandelt werden sollte mit der Grundversorgung von Menschen mit Wasser, Gesundheit und sozialen Dienstleistungen. Was den Verkehr und Tourismus betrifft, kann man abstufen.

Momo: Aber das wäre doch ein völliger Gegensatz zum Freihandelsprinzip, die WTO müsste ihren wichtigsten Grundsatz aufgeben! Die Globalisierungskritikerin Nicole Bulard hat mal gesagt: Das wäre, wie wenn der Leopard seine Fellzeichnung ändern müsste. Deshalb muss eine neue Welthandelsorganisation her, die auf sozialeren Grundsätzen aufbaut.

Jörg: Aber der Leopard würde niemals entscheiden, sich selbst zu zerstören, um einem Zebra Platz zu machen. Das Vertragswerk der WTO ist international bindendes Völkerrecht. Um diese Verträge aufzulösen, braucht es einen einstimmigen Beschluss der Mitgliedsländer.

Momo: Das ist ja gerade der Punkt, weshalb Reformen so schwer durchsetzbar sind. Alle bisherigen Reformversuche sind gescheitert. Wir müssen in einer "neuen" Organisation alle an einen Tisch bringen: UNEP, UNDP und UNCTAD. Vertreter/innen aus verschiedenen Nichtregierungsorganisationen sollten bei allen Verhandlungen dabei sein, kontrollieren und mitreden dürfen. Somit wäre das Ganze transparent und bürgernah. Es gäbe keine Möglichkeit mehr, dass ein paar Repräsentant/innen aus Industrieländern hinter verschlossenen Türen Entscheidungen fällen.

Wie kann man die Welt retten?

Ihr habt euch beide viel vorgenommen. Jörg will fast alles ändern, was der WTO lieb und teuer ist. Momo will sogar alles neu machen. Wie wollt ihr das erreichen?

Jörg: Die WTO ist ein Forum von Staaten. Alle Entscheidungen sind von den Regierungsvertretern befürwortet worden und denen haben wir die Macht gegeben.

Momo: Jörg hat Recht. Wir müssen bei unserer eigenen Regierung ansetzen. Dabei müssen wir aber unsere Vision von Alternativen im Hinterkopf behalten und darauf hinarbeiten. Parallel zur WTO müssen jetzt die UN-Organisationen gestärkt und ausgebaut werden. Gleichzeitig müssen wir allen klar machen, dass die WTO entmachtet werden muss.

Jörg: Aber die WTO könnte auch zur Schaffung eines neuen Welthandelssystems beitragen, da sie bereits funktioniert und einiges durchsetzen kann. Ein neues System hätte anfangs keine Möglichkeiten, seine Regeln durchzusetzen. Langfristig kann man ja noch mehr ändern: Die WTO könnte zum Beispiel Handelslizenzen an Unternehmen verteilen. Diese Lizenzen kriegt nur, wer sich an bestimmte Regeln hält. Wenn die Firmen dagegen verstoßen, sollte ihnen die Lizenz zum internationalen Handel entzogen werden.
Also eigentlich streitet ihr euch nur über den Weg zum Ziel. Aber das Ziel ist das gleiche: Ihr wollt ein Welthandelssystem, dass auf Umweltschutz und Menschenrechte achtet ...

Jörg: ... sich nicht am Freihandel als oberstem Prinzip orientiert ...

Momo: ... und mehr Möglichkeiten für Regulierung im Sinne der Menschen bietet ...

Jörg: ... und demokratisch ist ...

Momo: ... und transparent ...

Lutz, Momo, Jörg: Toll! Dann lasst uns die Erde retten gehen.

Miriam “Momo“ Boschmann hat gerade ihr “Freiwilliges Ökologisches Jahr“ bei der "BUNDjugend" in der econautix.de-Redaktion absolviert und ist engagierte Globalisierungskritikerin. Sie beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema Globalisierung und natürlich liegt ihr der Umwelt- und Naturschutz sehr am Herzen. Momo ist 20 Jahre alt und plant, sich 2005 auf dem "Weltsozialforum" in Brasilien für eine bessere Welt einsetzen.

Jörg Erdmann hat gerade sein Studium der "European Business Administration" beendet. Er ist 27 und macht sich gerade mit seiner Internetfirma orbit9.de selbstständig. Seine Interessensgebiete sind Globalisierung und Umwelt - und die Übertragung von Methoden aus der Wirtschaft in gemeinnützige Organisationen.

Lutz Weischer ist Politikstudent an der "Humboldt-Universität Berlin". Der 23-Jährige engagiert sich ehrenamtlich als Bundesjugendsprecher im "Bund für Umwelt und Naturschutz" und setzt sich in zahlreichen Projekten und Kooperationen kritisch mit der Globalisierung und der WTO auseinander.


www.wto.org/
Die Seite der World Trade Organisation

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Informationen zum “Freiwilligen Ökologischen Jahr“ (FÖJ)

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