“Neben der Tür steht auf einem alten Blechschildchen: Ich muss leider draußen bleiben! Das dazugehörige Hundebild ist überklebt mit der Zeichnung eines traurig dreinschauenden Polizisten.“ Was in der BRD der 70er- und 80er-Jahre eines der beliebtesten Aufklebermotive für die Türen alternativer Wohngemeinschaften war, befindet sich in diesem Buch neben der Redaktionstür des “Blatt“, der ehemaligen linken Münchner Stadtzeitschrift. Der Karikaturist Gerhard Seyfried, der tatsächlich für das “Blatt“ zeichnete – und auch den traurigen Polizisten - hat mit “Der schwarze Stern der Tupamaros“ eine Erzählung über die Jahre 1974 bis 1979 in Westdeutschland “aus der Sicht der geschilderten Zeit“ geschrieben. Jener Zeit also, in der Gruppen wie die “Rote Armee Fraktion“ oder die “Bewegung 2. Juni“ die Staatsmacht bekämpften. Die Ereignisse rund um den “Deutschen Herbst“ 1977 stellten die bundesdeutsche Nachkriegsdemokratie auf ihre bis dahin härteste Probe.
Kein abstrakter Blödsinn
Die fiktive Hauptperson ist der Anarchist Fred Richter, ein zeittypischer Charakter in seinen späten 20ern. Gemeinsam mit seiner Freundin Jenny und seinen WG-Mitbewohner/innen Ramon und Sandra kämpft er gegen die bürgerliche Presse, die Notstandsgesetze, Altnazis, den Vietnam-Krieg, Apartheid, Atombomben, das weltweite Aufrüsten, die Umweltverschmutzung, den Staat und zunehmende Repressionen gegen die Außerparlamentarische Opposition. Nicht nur das, er ist sogar dabei, seinen Status eines subversiven “Haschrebellen“ und “Spaßguerilleros“ hin zu radikaleren Formen des Widerstandes gegen die Staatgewalt zu überdenken.
Zu Beginn des Romans lebt Fred in München-Schwabing. In diesem Milieu engagiert man sich beim Kollektiv “Rote Hilfe“ für in Haft geratene Mitdemonstrant/innen, hört Jefferson Airplane oder Amon Düül und liest den Anarchisten Max Stirner: “Bei den Demos lief Fred mit Ramon und Sandra im Anarchohaufen mit, unter schwarzen oder schwarzroten Fahnen, ihr Abzeichen das weiße A im Kreis auf schwarzem Grund. Auf den Schildern stand kein abstrakter Blödsinn wie HOCH DIE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT, da hieß es: DER STAAT IST SCHEISSE! oder: BILD MACHT BLIND! In diesem Umfeld gefiel es Fred, da lebte man, was man glaubte, oder versuchte es zumindest, war antiautoritär, keinem Spaß abgeneigt, und nichts, aber auch gar nichts, war heilig.“
Túpac, nicht 2Pac ...
Die Freunde nennen sich “Tupamaros München“ - diese Gruppe gab es übrigens wirklich - und agieren im Zeichen des schwarzen, anarchistischen Sterns. Der Begriff “Tupamaros“ leitet sich von der gleichnamigen uruguayischen Guerillabewegung ab, die sich nach dem Inkakönig Túpac Amaru benannte. Im Zuge der Ereignisse - Überwachungen, Verhöre, Polizei-Durchsuchungen - geraten ihre Aktionen in eine Gewaltspirale, die für jene Zeit und Szene typisch ist. Aus anfänglichem Sprayen oder dem Anzünden von Zeitungsständern entwickelt sich die scheinbare Notwendigkeit eines Anschlags auf das Auto eines Landtagsabgeordneten. Oder der Plan, eine Bank zu überfallen, um an Geld für weitere Aktionen zu gelangen. Doch bevor der Plan in die Tat umgesetzt werden kann, wird Jenny, nach der Entführung des damaligen Berliner CDU-Landesvorsitzenden Peter Lorenz durch Mitglieder der “Bewegung 2. Juni“, verhaftet.
Ob Jenny wirklich an der Entführung beteiligt war, bleibt ungeklärt - sicher ist jedoch, dass sie einen radikaleren Weg einschlägt als Fred. Für den beginnt nun eine Zeit, die von Dauerrepressalien, gelegentlichem Abtauchen, LSD-Trips und der Auseinandersetzung mit dem von der RAF propagierten “Konzept Stadtguerilla“ geprägt ist. In Berlin, wohin Fred Anfang 1977 zieht, stellt sich die Münchner Zeit rückblickend als geradezu unschuldig dar - umso mehr, als Jenny mittlerweile aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und gelegentliche, minutiös geplante Treffen mit ihr nur noch unter Stasi-Aufsicht in Ostberlin, in Jugoslawien oder in Italien stattfinden können.
Mit den innenpolitischen Ereignissen des Jahres 1977 zieht Fred Richter sein Engagement im politischen Kampf mehr denn je in Zweifel. Zum einen “hat sichs in alle Winde verstreut, noch bevors richtig losging“, zum anderen wundert er sich über die Konsequenzen des Automatismus, in den er geraten ist: “So richtig Spaßguerilla ist das längst nicht mehr, okay, aber jetzt wird es doch seltsam professionell.“ Dass aus dem Spaß früherer Tage fataler Ernst geworden ist, ist ihm im Sinne einer Zwangsläufigkeit der Ereignisse längst schon bewusst.
Sympathisierender Blick
Seyfried bemüht sich in seinem Buch um eine Verschränkung von Fakten und möglichst authentisch wirkender Fiktion. Nicht zuletzt dieses Stilmittel ist es, das “Der schwarze Stern der Tupamaros“ zu einem verblüffend traditionell erzählten Buch macht. Wohl um die Form des “historischen“ Romans hervorzuheben und um das Geschehen im Roman zu kontextualisieren, streut Seyfried immer wieder tickerähnliche Meldungen über Ereignisse der Zeitgeschichte ein. Gleichzeitig treten die Charaktere seltsam entsubjektiviert auf – mit dem Effekt, dass sie eher als Opfer der Umstände denn als gesellschaftliche Akteure erscheinen, eine Sichtweise, die das Selbstbild der Akteure als “Aktivisten“ nachträglich abmildert.
Man könnte meinen, es gehe Seyfried vor allem um einen mit seinen Figuren sympathisierenden Blick und darüber hinaus um eine korrekte Geschichtsschreibung der Szene um den “2. Juni“ aus zeitgenössischer Sicht - eine Perspektive, die man dem Autor für seinen Roman nicht vorwerfen kann. Dadurch, dass der ambivalente Fred Richter als Erzähler durch das Buch führt, laviert das Buch jedoch letztendlich um eine Positionierung des Autors selbst herum.

Gerhard Seyfried: Der schwarze Stern der Tupamaros
(Eichborn Verlag 2004, 19.90 €)
Zum Weiterlesen:
Bernd Kramer (Hg.): Gefundene Fragmente. Band 1: 1967-1980 (Karin Kramer Verlag 2004, 20 €)
Rudolf Sievers (Hg.): 1968 – Eine Enzyklopädie (Suhrkamp Verlag 2004, 15 €)
AG Spass Muss Sein! (Hg.): Spassguerilla. fantastische möglichkeiten - mögliche fantasien (Unrast Verlag 2001, 14 €)
Martin Hoffmann (Hg.): SubversionsReader. Texte zu Politik & Kultur (ID-Verlag 1998, 10 €)
Martin Conrads ist Autor in Berlin und hat bis vor kurzem in einer Straße gewohnt, in der Fred Richter auf Seite 251 herumläuft. Just dort gibt es seit kurzem ein anarcho-syndikalistisches Ladenlokal mit einem schwarzroten Stern über der Tür.
Foto: "Gerhard Seyfried" / privat
www.seyfried-berlin.de Homepage von Gerhard Seyfried
www.seyfried-berlin.de/glossar_zum_roman.htm Von Seyfried zusammengestelltes Glossar zum Buch mit vielen Links
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