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Carolin Emcke: Von den Kriegen

Briefe aus dem Chaos

1.11.2004 | Ulrich Gutmair | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wir kennen die Kriege aus dem Fernsehen oder der Zeitung. Die Leute, die für uns aus den Krisenregionen berichten, kennen wir dagegen nur oberflächlich. Wie ihre Berichte entstehen, wissen wir meist nicht, und was das Berichten für die Reporter/innen selbst bedeutet, noch weniger. Carolin Emcke hat in den letzten Jahren für den “Spiegel“ in verschiedenen Kriegsgebieten gearbeitet. Jetzt hat die Reporterin ein Buch veröffentlicht, das aus Briefen besteht, die eigentlich nicht für ein größeres Publikum geschrieben worden sind, sondern für ihre Freunde, denen sie mitzuteilen versucht hat, unter welchen Bedingungen ihre Reportagen entstanden sind, was sie in verschiedenen Momenten empfunden hat und vor allem, was die Menschen, die sie getroffen hat, ihr erzählt haben.

Die Briefe, die in "Von den Kriegen" erschienen sind, wurden nach Reisen in die Kriegsgebiete des Nordirak, des Kosovo und Kolumbiens verfasst, aber auch nach Besuchen in weniger offensichtlichen Krisengebieten wie Rumänien und Nicaragua. So erzählt die Autorin etwa von rumänischen Straßenkindern, die ihre Situation nur ertragen, indem sie Klebstoff schnüffeln, und auf Verkehrsinseln oder in Schächten unter der Erde leben und dort zum Teil selbst wieder Kinder großziehen. Sie erzählt vom Bürgerkrieg in Kolumbien, wo sie sich mit ihrem Fotografen einige Stunden bei einer ihr völlig fremden Familie verstecken muss, weil in dem Stadtviertel ein Gefecht zwischen Regierungstruppen und Rebellen stattfindet. Sie erzählt von den “Zonas Francas“ in Nicaragua, wo globale Textilunternehmen Arbeiter/innen ausbeuten, die von keiner Arbeitsgesetzgebung geschützt werden.

Viele dieser Bilder und Geschichten kommen dem geübten Fernsehzuschauer leider allzu bekannt vor. Dennoch sind diese Briefe außergewöhnlich, weil die Autorin in ihnen bewusst die Position des möglichst "objektiven" Beobachters verlässt. In ihren Briefen konfrontiert Carolin Emcke ihre Leser/innen mit einer Person, die ihre eigene Position immer wieder zum Gegenstand der Betrachtung macht und infrage stellt: Wer bin ich, woher komme ich, was weiß ich, was schreibe ich?

Parteinahme für die Hilflosen

Die Berichterstatterin erhält gerade dadurch eine weitaus größere Glaubwürdigkeit, als sie dies durch eine vermeintlich objektive Sammlung von Fakten erreichen könnte. “Journalismus ist ein unmögliches Metier“, schreibt Emcke - eben weil die vermeintliche Objektivität des Journalisten die Gefahr in sich berge, Unfehlbarkeit zu suggerieren. Auch wenn möglichst objektives Berichten selbstverständlich auch für Emcke eine wesentliche Aufgabe darstellt, die sie zu erfüllen hat, versteht sie sich doch in erster Linie als Zeugin, die “den Opfern eine Sprache leiht“. Sie nimmt dadurch Partei für die, denen durch die Gewalt oft auch ihre Sprache genommen wird, weil sie seelisch so beschädigt sind, dass sie ihre Geschichten manchmal nur noch in unzusammenhängenden Sätzen erzählen können. Eben diese Haltung macht ihr Buch zu einem Dokument, das mehr ist als eine Anhäufung von Fakten über Kriege und Krisen. Es handelt vor allem von den Menschen, die ihnen zum Opfer fallen und deren Geschichten nicht vergessen werden sollen. Aber auch davon, wie Journalismus glaubwürdig bleiben kann.

Carolin Emcke: Von den Kriegen. Briefe an Freunde
(S. Fischer 2004, 18.90 €)




Ulrich Gutmair, 33, ist Redakteur bei der netzeitung.

Foto: "Carolin Emcke im Flüchtlingslager Manik Pian 1 in der Provinz Kashmir in der Nähe der pakistanischen Stadt Muzaffarabad."
© Sebastian Bolesch



www.netzeitung.de/voiceofgermany/309074.html
Ein Interview mit Carolin Emcke in der netzeitung

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