Wir kennen die Kriege aus dem Fernsehen oder der Zeitung. Die Leute, die für uns aus den Krisenregionen berichten, kennen wir dagegen nur oberflächlich. Wie ihre Berichte entstehen, wissen wir meist nicht, und was das Berichten für die Reporter/innen selbst bedeutet, noch weniger. Carolin Emcke hat in den letzten Jahren für den “Spiegel“ in verschiedenen Kriegsgebieten gearbeitet. Jetzt hat die Reporterin ein Buch veröffentlicht, das aus Briefen besteht, die eigentlich nicht für ein größeres Publikum geschrieben worden sind, sondern für ihre Freunde, denen sie mitzuteilen versucht hat, unter welchen Bedingungen ihre Reportagen entstanden sind, was sie in verschiedenen Momenten empfunden hat und vor allem, was die Menschen, die sie getroffen hat, ihr erzählt haben.
Die Briefe, die in "Von den Kriegen" erschienen sind, wurden nach Reisen in die Kriegsgebiete des Nordirak, des Kosovo und Kolumbiens verfasst, aber auch nach Besuchen in weniger offensichtlichen Krisengebieten wie Rumänien und Nicaragua. So erzählt die Autorin etwa von rumänischen Straßenkindern, die ihre Situation nur ertragen, indem sie Klebstoff schnüffeln, und auf Verkehrsinseln oder in Schächten unter der Erde leben und dort zum Teil selbst wieder Kinder großziehen. Sie erzählt vom Bürgerkrieg in Kolumbien, wo sie sich mit ihrem Fotografen einige Stunden bei einer ihr völlig fremden Familie verstecken muss, weil in dem Stadtviertel ein Gefecht zwischen Regierungstruppen und Rebellen stattfindet. Sie erzählt von den “Zonas Francas“ in Nicaragua, wo globale Textilunternehmen Arbeiter/innen ausbeuten, die von keiner Arbeitsgesetzgebung geschützt werden.
Carolin Emcke: Von den Kriegen. Briefe an Freunde
(S. Fischer 2004, 18.90 €)
Ulrich Gutmair, 33, ist Redakteur bei der netzeitung.
Foto: "Carolin Emcke im Flüchtlingslager Manik Pian 1 in der Provinz Kashmir in der Nähe der pakistanischen Stadt Muzaffarabad."
© Sebastian Bolesch
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