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Françoise Sagan: Bonjour tristesse

Der Charme des Ennui

1.11.2004 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Mit einem effektvollen und verstörenden Einstieg beginnt die erst 18-jährige Françoise Sagan ihren ersten Roman: “Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit. Es ist ein so ausschließliches, so egoistisches Gefühl, dass ich mich seiner fast schäme – und Traurigkeit erschien mir immer als ein Gefühl, das man achtet. Ich kannte es nicht, ich hatte Kummer empfunden, Bedauern und manchmal Reue. Jetzt hüllt mich etwas ein wie Seide, weich und ermattend, und trennt mich von den anderen.“ Wer sind die anderen? Wahrscheinlich die Altersgenossen von Cecile, der Protagonistin in “Bonjour tristesse“ - Teenager noch vor dem Sündenfall.

Gemeinsam gepflegte Lässigkeit

Cecile und ihr Vater sind ein eingespieltes Team, so eng, dass kaum jemand anderes dazwischenpasst. In dem langen Sommer, den sie in einem Ferienhaus an der französischen Riviera verbringen, kommt ihre gemeinsam gepflegte Lässigkeit aber ins Wanken. Während Cecile den ersten Sex mit ihrer Ferienliebe Cyril als fundamentale Erfahrung erlebt – der sogenannte “Verlust der Unschuld“ als Zugewinn an Welt und neuer, anderer Unschuld – verliebt sich der Vater ernsthaft. Seine Auserwählte, Anne, eine erfolgreiche Pariser Modedesignerin, wird von Françoise Sagan als schön, klug, charmant und überhaupt wunderbar beschrieben. Trotzdem ist sie ein Eindringling - Cecile schmiedet bald böse Pläne gegen sie.

Warum sie das tut und wo das hinführen soll, weiß die 17-Jährige selber nicht genau. Trotzdem bekämpft sie Anne mit großer Leidenschaft - jede Gefühlsregung wird als Ereignis wahrgenommen, jedes Ereignis als ein Ausdruck von Gefühlen. Cecile entdeckt die seltsamen Freuden der Bösartigkeit: “[...] ich war immer viel zu impulsiv gewesen. Wenn ich einen Menschen getroffen hatte, so nur aus Versehen. Plötzliche ahnte ich, wie wunderbar der Mechanismus menschlicher Reflexe, wie groß die Macht des Wortes war ..."

Abgang mit Auto

Die “tristesse“ ist der rote Faden. Sie taucht in verschiedenen Schattierungen auf: als schicker “ennui“, Überdruss, wenn die Protagonistin Cecile sich unter Leute begibt, als “fatigue“, die Müdigkeit nach dem Liebemachen mit Cyril. Und schließlich als “Trauer“ - Anne stürzt, nachdem Ceciles Vater sie mit der Ex-Geliebten betrügt - eingefädelt von Cecile - von einer Küstenstraße mit dem Auto zu Tode. Unfall oder Selbstmord? Die zurückgebliebene Kernfamilie legt sich die Wahrheit zurecht: “[...] Anne hatte uns ein kostbares Geschenk gemacht. Sie hat uns die ungeheure Chance gelassen, an ein Unglück zu glauben [...] Wir würden sehr bald schwach genug sein, dieses Geschenk anzunehmen.“

Françoise Sagan, eine Tochter aus gutem Hause, schrieb ihr Debüt 1953 nach einer misslungenen Literaturprüfung in nur sieben Sommerwochen herunter. Der gewaltige internationale Erfolg von “Bonjour tristesse“ gilt als Startschuss für den Boom femininer Literatur und das Geschäft mit sehr jungen Autor/innen. Fast jedes Romandebüt eines jugendlichen Talents, das Jugend selber thematisiert, muss sich seitdem mit “Bonjour tristesse“ messen oder zumindest vergleichen lassen.

Jeunesse Dorée

Als der Roman 1954 erschien, wurde die lässige, glitzernde Gelangweiltheit darin schnell als typisches Kennzeichen der französischen Nachkriegsjugend ausgemacht. Die Existentialist/innen mit ihren schwarzen Rollkragenpullovern, dem Jazz, den filterlosen Zigaretten und dem Studentenhabitus der Sorbonne-Universität waren gerade schwer en vogue. Sagan integrierte sich mühelos: Von ihrem ersten Honorar kaufte die Rennwagenfanatikerin sich einen Jaguar XK 140, sie ließ sich rauchend im Bett mit Plattenspieler ablichten und schrieb Chansontexte für das Idol der existentialistischen Welle: Juliette Greco, die “schwarze Rose von St. Germain“. Bereits in ihrem zweiten Roman “... ein gewisses Lächeln“ (1956) liest die Ich-Erzählerin Dominique ein Buch von Sartre - dem intellektuellen Kopf der Existentialist/innen - und sie tanzt begeistert eine Nacht durch auf Bebop, dem Vorläufer von Cool Jazz.

Trotz der häufigen Referenzen an den Zeitgeist sind Sagans Bücher, an die 40 insgesamt, keine Pop-Literatur – so wenig wie zwei andere Jugend-Kultbücher, J.D. Salingers “Fänger im Roggen“ (1951) und Ulrich Plenzdorfs “Die neuen Leiden des jungen W.“ (1968). Sagan, die erst vor kurzem, am 24. September 2004 gestorben ist, liebte das Schreiben wohl einfach genauso wie das pralle Leben – und sie verstand es, diese beiden Leidenschaften in ihren beliebten Büchern und Theaterstücken zu verbinden. Dass sie dabei besonders glücklich war, stand in keinem ihrer Nachrufe. Von der Traurigkeit wußte sie dafür viel.

Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin.

Françoise Sagan: Bonjour tristesse
(vergriffen, gebraucht z.B. unter www.zvab.de zu bekommen)




Links

http://de.wikipedia.org/wiki/Francoise_Sagan
Mehr über Françoise Sagan
http://de.wikipedia.org/wiki/Existentialismus
Mehr über den Existentialismus





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