
"The Trip" ist nur eines von vielen Formaten bei MTV, in denen Musik gar keine oder nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. MTV-Programmdirektor Elmar Giglinger nennt solche Sendungen "long forms" - und gibt Auskunft darüber, welche Bedeutung sie für seinen Sender haben und womit in den nächsten Jahren noch zu rechnen sein wird.
Ist der Sender, wie er sich im Jahr 2004 positioniert hat, noch mit dem von 1994 zu vergleichen?
Wer sich nicht bewegt, verliert. Natürlich hat sich MTV in den vergangenen zehn Jahren sehr verändert. Aber wir haben auch eine komplett andere Grundsituation. Vor zehn Jahren gab es in Deutschland zwei Musikkanäle, und die waren noch nicht einmal flächendeckend zu empfangen. Darüber hinaus hatte der Videoclip eine andere Bedeutung. 1994 war er noch etwas Besonderes - eine sehr neue Kunstform. Mittlerweile wird der Videoclip von unserer Zielgruppe zwar immer noch gerne gesehen, aber er ist schlicht nichts Besonderes mehr. Wie viele Clips, über die man wirklich spricht, gibt es denn noch im Jahr? Das ist vielleicht eine Handvoll.
Inwieweit hat sich dadurch die Marke MTV verändert?
Das "M" steht nach wie vor für Music. Wir haben nach wie vor pro Tag 14, 16 Stunden Musik. Und abgesehen davon thematisieren wir ja auch in den long forms Musik, zum Beispiel in der "Ashlee Simpson Show". Wenn man dann auch noch sieht, wie wir in diesen long forms mit Musik als Unterlage umgehen, dann bemerkt man zwangsläufig einen bedeutenden Unterschied zu allen anderen Kanälen. Dass sich die Wahrnehmung des Senders dadurch, dass wir in der Prime Time nicht mehr so viel Musik wie früher im Programm haben, verändert hat, ist natürlich unbestritten.
Die MTV-Mutter Viacom hat die Viva Media AG übernommen, die vier deutschen Musikkanäle gehören nun zu einer Familie. Man hört, dass es aufgrund einer Neupositionierung der einzelnen Sender im nächsten Jahr noch weniger Musik auf MTV geben soll.
Nein, das stimmt nicht. Wir werden auf MTV nicht mehr long-form-Stunden haben, als das im Moment der Fall ist. Ich wüsste auch nicht, wo wir das Material herbekommen, geschweige denn, wie wir es finanzieren sollten
Sind long forms bei den Zuschauern und Zuschauerinnen tatsächlich beliebter als reine Videoclip-Strecken?
Deswegen machen wir das ja. Unter dem Strich müssen wir deutlich sagen, dass wir, sobald wir eine long form auf dem Sender haben, signifikant mehr Zuschauer erreichen als mit reiner Musik.
Eigenproduktionen oder US-Exporte - wo setzen Sie den Schwerpunkt?
Was immer wir im Budget haben, stecken wir in Eigenproduktionen. Das werden wir auch weiterhin so halten. Ich hoffe auch, dass das Budget 2005 noch mal etwas größer wird als in diesem Jahr. Wir werden also aller Voraussicht nach noch mehr in nationalen content investieren. Aber im Prinzip unterscheiden wir auch nicht zwischen deutschen Shows und US-Shows. Wir sind Bestandteil des Networks und unterscheiden nur zwischen guten und schlechten Formaten.
Die Entwicklung, mehr und mehr long forms zu zeigen, kam aus den USA. Wenn Sie sie nicht übernommen hätten, hätte es das Bedürfnis der Zuschauer und Zuschauerinnen nach diesen Formaten dennoch gegeben?
Natürlich ist es so, dass man in die USA guckt - dafür sind wir ja ein Network. Schon früher gab es ja "Beavis & Butthead" und ähnliche Formate, die weltweit liefen. Und wenn man über ein Format wie "Jackass" stolperte, war die Frage, ob man das im Programm haben will, sehr schnell beantwortet. Um Ihre Frage zu beantworten: So eine Entwicklung hätte aus Deutschland heraus sicherlich auch stattgefunden, aber nicht in dieser Geschwindigkeit und nicht in dieser Breite - allein aus finanziellen Gründen.
Wie muss ein Format aussehen, damit Sie sagen: Das passt in unser Programmprofil?
Da gibt es natürlich keine 08/15-Formel. Ganz entscheidend für uns ist immer, dass wir nicht auf fahrende Züge aufspringen. Wir schieben sie gerne ein bisschen an. Alles andere würde uns nichts bringen. Da könnten wir nur verlieren. Man erinnere sich ein Jahr zurück, an diesen ganzen Casting-Wahn. In dem Moment, in dem das auf allen Sendern lief, konnte das für MTV nur heißen: Wir machen alles, aber garantiert kein Casting. Ähnlich gehen unsere Gedanken im Moment auch ganz und gar nicht in Richtung Reality. MTV arbeitet da immer antizyklisch.
Aber Formate wie "The Trip" und "Dismissed" laufen doch unter dem Etikett "Reality"....
Ja. Ich denke aber auch, Reality ist nicht gleich Reality. Und der Vergleich zwischen "Dismissed" und "The Trip" hinkt gewaltig. "Dismissed" läuft gerade aus. Wir haben dieses Jahr noch eine deutsche Staffel gemacht, die war sicherlich die letzte. "Dismissed" spielt bei uns perspektivisch keine große Rolle mehr. Da sehe ich "The Trip" schon ganz anders. Ist "The Trip" Reality? Oder ist "The Trip" schlicht authentisch?
Und?
Man muss den meisten Reality-Shows schlicht unterstellen, dass sie nicht authentisch sind. Und das wiederum sehe ich bei "The Trip" ganz anders. Wie lange wir "The Trip" noch machen werden, ist allerdings die Frage. RTL bringt im nächsten Jahr "Peking Express" (Abenteuershow mit fast identischem Konzept - Anm. der Red.) auf den Sender, und da werden wir uns natürlich schon fragen, ob wir "The Trip" fortsetzen werden. Das ist auch eine Problematik, mit der wir kämpfen müssen: dass mehr denn je die großen Sender auf unser Programm schauen und unsere Ideen abgucken.
Wie passt "The Trip" ins Jahr 2004? Achten Sie auf die Stimmung in der Zielgruppe, bevor Sie ein Format programmieren?
Klar. Wobei ich "The Trip" als absolut zeitlos sehen würde. Worum geht es denn? Es geht um den Wunsch auszubrechen, Abenteuer zu erleben. Das ist kein neuer Wunsch. Wenn du so willst, ist "The Trip" die verschärfte Version des Interrail-Trips durch Europa.
Womit wird MTV im nächsten Jahr ins Rennen gehen?
Im nächsten Jahr werden wir wieder mehr in Richtung Cartoon machen - das haben wir zuletzt ein wenig vernachlässigt. Auch hier gilt: antizyklisch denken! Wir hatten ja schon mal Cartoons auf dem Sender, und prompt kamen die anderen Kanäle und gingen auch in diese Richtung. Im Moment können wir wenig Aktivitäten bei den Mitbewerbern und Mitbewerberinnen im Cartoon-Genre entdecken, also werden wir uns da wieder stärker engagieren.
Kommen neue Animes?
Nein, explizit keine Animes. Das sind so richtig klassische MTV-Cartoons. Relativ schräg, sehr respektlos. Wir sind gespannt, wie das die bayrische Landeszentrale sieht ...
Es wäre ja nicht das erste Mal, dass Medienwächter und Medienwächterinnen wegen eines Ihrer Formate Gesprächsbedarf sehen.
Ja, aber wir wollen nicht auf Teufel komm' raus provozieren. In dem Moment, wo man hart am Wind arbeitet, wie wir das nun mal müssen und wie man das auch von uns erwartet, passiert es ganz automatisch, dass da Formate sind, die nicht unbedingt jedem gefallen. Ein Programm auf dem kleinsten Nenner entspricht auch nicht unserer Zielsetzung.
Eine Frage an Sie als Vater: Haben Sie bei Formaten wie "I Want A Famous Face" nicht manchmal ein flaues Gefühl?
Wir machen unser Programm für unsere Zuschauer und Zuschauerinnen und nicht an ihnen vorbei. Und da sind die Einschalt-Quoten ein ganz, ganz wichtiges Indiz. Das steht im Vordergrund und nicht mein persönlicher Geschmack. Ich kann aber mit jeder Entscheidung, die wir im Programmbereich treffen, absolut gut leben.
Marcus Bäcker lebt in Köln, arbeitet als freier Journalist unter anderem für die Berliner Zeitung, den Kölner Stadt-Anzeiger und die Rheinische Post, war mal Textchef von Viva Zwei und beschäftigt sich seit Jahren mit Medien und Popkultur.
Foto: "Elmar Giglinger" / © MTV Deutschland
Kommentare
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)
Dein Kommentar
Kommentar schreiben
(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)