Die Nahostkorrespondentin Sylke Tempel entspricht nicht dem Klischee der rasenden Reporterin, die dauernd am Handy hängt. Sie wirkt nachdenklich und man merkt ihr an, dass sie trotz ihrer langjährigen Tätigkeit immer noch erschüttert ist über die Gewalt im Nahen Osten. In ihrem gerade erschienenen Buch "Wir wollen beide hier leben" dokumentiert sie die Briefwechsel und Gespräche zwischen Amal und Odelia, zwei Jugendlichen aus Jerusalem. Das Besondere dabei: Amal ist Palästinenserin aus Ost-Jerusalem, während die Israelin Odelia im Westteil der Stadt zu Hause ist. Beide leben also in verschiedenen kulturellen Welten - und sind trotzdem befreundet.
Kritische Distanz
Doch bis es soweit war, gab es viele Konflikte aus dem Weg zu räumen. Amal und Odelia von ihrem Buchprojekt zu überreden, gelang Sylke Tempel schnell: "Die Familien zu überzeugen war schwerer, als die Mädchen zu überzeugen. Die Mädchen fanden das prima, obwohl sie sich am Anfang so gar nicht so richtig vorstellen konnten, was auf sie zukommt." Amal entschloss sich, auch wegen ihrer Eltern, unter einem Pseudonym bei dem Projekt mitzumachen.
Zunächst schrieben die beiden sich über ihr Alltagsleben, Themen wie Schule oder Hobbies standen im Vordergrund. Bereits da wurde deutlich, wie wenig Wissen die beiden Mädchen über die jeweils andere Kultur hatten, obwohl sie ja in derselben Stadt leben. Zum Teil liege dies am sehr unterschiedlichen Schulsystem, meint Sylke Tempel: "Die arabisch-israelischen Schulen, die es im Norden Israels gibt, sind ganz nach dem israelischen Lehrplan ausgerichtet, wobei jeweils andere Religionsstunden dabei sind und man sich bemüht, Rücksicht zu nehmen. Dort gibt es noch Austausch, den es zwischen israelischen und palästinensischen Schulen jetzt gar nicht gibt. Die lernen nach unterschiedlichen Lehrplänen."
Veraltete Schulbücher
Genau hier liegt ihrer Meinung nach auch eine Konfliktquelle. So existierte in den palästinensischen Lehrbüchern bis vor kurzem der Staat Israel nicht und in den Geschichtsbüchern gab es antisemitische Teile: "Das, was in den palästinensischen Schulen gelehrt wird, ist teilweise haarsträubend. Palästinensische Kinder in Gaza haben nach ägyptischem Lehrplan gelernt und die in West Bank nach jordanischem und die waren schon sehr propagandistisch geprägt, diese Bücher. Auch die neuen Schulbücher sind schauderhaft."
Amal Rifa ’ i und Odelia Ainbinder mit Sylke Tempel: Wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem. (Rowohlt Berlin, ca. 15 €)
Mehr zum Nahostkonflikt
Friedrich Schreiber und Michael Wolffsohn: Nahost. Geschichte und Struktur des Konflikts. (Leske & Budrich, für Schüler und Studenten bei der Landeszentrale für politische Bildung gratis erhältlich, bei der bpb gibt es gratis: Naher Osten, Bestellnummer 7.235)
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