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Amal Rifa'i und Odelia Ainbinder: Wir wollen beide hier leben

Jugendliche in Jerusalem

22.5.2003 | Dirk M. Oberländer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Nahostkorrespondentin Sylke Tempel entspricht nicht dem Klischee der rasenden Reporterin, die dauernd am Handy hängt. Sie wirkt nachdenklich und man merkt ihr an, dass sie trotz ihrer langjährigen Tätigkeit immer noch erschüttert ist über die Gewalt im Nahen Osten. In ihrem gerade erschienenen Buch "Wir wollen beide hier leben" dokumentiert sie die Briefwechsel und Gespräche zwischen Amal und Odelia, zwei Jugendlichen aus Jerusalem. Das Besondere dabei: Amal ist Palästinenserin aus Ost-Jerusalem, während die Israelin Odelia im Westteil der Stadt zu Hause ist. Beide leben also in verschiedenen kulturellen Welten - und sind trotzdem befreundet.

Kritische Distanz

Doch bis es soweit war, gab es viele Konflikte aus dem Weg zu räumen. Amal und Odelia von ihrem Buchprojekt zu überreden, gelang Sylke Tempel schnell: "Die Familien zu überzeugen war schwerer, als die Mädchen zu überzeugen. Die Mädchen fanden das prima, obwohl sie sich am Anfang so gar nicht so richtig vorstellen konnten, was auf sie zukommt." Amal entschloss sich, auch wegen ihrer Eltern, unter einem Pseudonym bei dem Projekt mitzumachen.

Zunächst schrieben die beiden sich über ihr Alltagsleben, Themen wie Schule oder Hobbies standen im Vordergrund. Bereits da wurde deutlich, wie wenig Wissen die beiden Mädchen über die jeweils andere Kultur hatten, obwohl sie ja in derselben Stadt leben. Zum Teil liege dies am sehr unterschiedlichen Schulsystem, meint Sylke Tempel: "Die arabisch-israelischen Schulen, die es im Norden Israels gibt, sind ganz nach dem israelischen Lehrplan ausgerichtet, wobei jeweils andere Religionsstunden dabei sind und man sich bemüht, Rücksicht zu nehmen. Dort gibt es noch Austausch, den es zwischen israelischen und palästinensischen Schulen jetzt gar nicht gibt. Die lernen nach unterschiedlichen Lehrplänen."

Veraltete Schulbücher

Genau hier liegt ihrer Meinung nach auch eine Konfliktquelle. So existierte in den palästinensischen Lehrbüchern bis vor kurzem der Staat Israel nicht und in den Geschichtsbüchern gab es antisemitische Teile: "Das, was in den palästinensischen Schulen gelehrt wird, ist teilweise haarsträubend. Palästinensische Kinder in Gaza haben nach ägyptischem Lehrplan gelernt und die in West Bank nach jordanischem und die waren schon sehr propagandistisch geprägt, diese Bücher. Auch die neuen Schulbücher sind schauderhaft."

Trotzdem glaubt sie an eine Annäherung beider Seiten und kann sich auch einen Seitenhieb auf die Überheblichkeit europäischer Politiker gegenüber der palästinensischen Bevölkerung nicht verkneifen: "Ich halte dieses 'Die armen Kleinen wissen eh noch nicht, wie es geht, und deshalb müssen sie etwas korrupt sein' für falsch und abgrundtief blöd und unglaublich überheblich. Weil man dann diese Gesellschaften nicht ernst nimmt. Keine Gesellschaft ist per se korrupt, korrupt sind nur Systeme und Leute, die an solche Systeme gewöhnt sind."

Streitthemen

Odelia und Amal erkennen jedenfalls viele Gemeinsamkeiten. Auch wenn ihre Meinungen auseinander gehen, wenn es um die Selbstmordanschläge geht oder darum, welche Seite sich zuerst von der Politik der Gewalt verabschieden muss. Sie bewegen sich mit der Zeit immer weiter aufeinander zu, gerade weil sie die jeweils andere Kultur akzeptieren und beide nur eins wollen: dass es endlich einen stabilen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern gibt. Am Ende hat man das Gefühl, dass sie eine Freundschaft aufgebaut haben, in der sie sich mit Offenheit begegnen und einander vertrauen.

Das bestätigt auch Sylke Tempel: "Die Jugendlichen schaffen das, da hatte ich tiefstes Vertrauen." Für beide beginnen jetzt neue Lebensabschnitte: Amal wird heiraten und möchte anschließend eine Ausbildung beginnen, vor Odelia liegen ab Sommer zwei Jahre Wehrdienst. Den Kontakt werden die beiden trotzdem nicht verlieren: Zum Verkaufsstart ihres Buches in den USA ist eine gemeinsame Lesereise geplant. Aber das wird bestimmt eine neue Geschichte ...

Dirk M. Oberländer schreibt auch für die Jugendzeitschrift mono.

Amal Rifa ’ i und Odelia Ainbinder mit Sylke Tempel: Wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem. (Rowohlt Berlin, ca. 15 €)





Mehr zum Nahostkonflikt

Friedrich Schreiber und Michael Wolffsohn: Nahost. Geschichte und Struktur des Konflikts. (Leske & Budrich, für Schüler und Studenten bei der Landeszentrale für politische Bildung gratis erhältlich, bei der bpb gibt es gratis: Naher Osten, Bestellnummer 7.235)




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