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Stefan Effenberg: Ich hab's allen gezeigt

Proll-Biografie

22.5.2003 | Sandra Hofmeister | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Ein Fan von Effe war ich noch nie. Aber dieser Stinkefinger vor laufenden Kameras, damals bei der Weltmeisterschaft in den USA, der hatte was. Eine so starke Geste werden unser Miro und Basti Fantasti nie hinkriegen. Deshalb muss man Effenberg, diesem Spitzenleistungsträger aller deutschen (Un-)Tugenden, eines lassen: Er hat's wirklich allen gezeigt! Und zwar ziemlich eindrücklich.

Der Verlag Rütten & Loening verkauft die Memoiren des Profikickers als Bibel des Bösen. Aber Effenbergs Autobiografie ist keine schonungslose Abrechnung mit allem und jedem. In "Ich hab's allen gezeigt" mutiert der Bad Boy des deutschen Fußballs zur rührseligen Quasseltante. Die permanente Selbstgefälligkeit, mit der Effe Lappalien aus seinem Leben schildert, macht seine Memoiren zu einem vergnüglichen Erlebnis im Buch- und auch im Hörbuchformat.

Banales

Dabei geht es nicht um Fußball, sondern fast ausschließlich um Privates. Der Profikicker präsentiert seinen Hörern die Fakten im Tonfall eines Nachrichtensprechers. Weil es nichts zu enthüllen gibt, frischt er seine Lebensgeschichte mit Zahlen und knackigen Anekdoten auf: Der kleine Effe wog 3700 Gramm, als er das Licht der Welt erblickte! Einmal bekam er zu Weihnachten eine Plastikgitarre, auf der er pausenlos rumklimperte. Da verlor sein Vater die Nerven: "Er nahm das Teil und drosch es mir auf den Arsch. Die Gitarre ging sofort zu Bruch und ich fing voll an zu heulen." Zwar sagen solche Szenen nichts aus über die Schwierigkeiten im Leben eines engagierten Profikickers. Dafür verraten sie umso mehr über Effenbergs Selbstbewusstsein als deutscher Promi ...

Klischees

Drei Dinge sind wichtig im Leben des Stefan Effenberg: Frauen, Autos (der schwarze Ferrari!) und Alkohol. Diese Thementrias bildet die Grundlage seiner Biografie und kommt in vielen Variationen und einem unvergleichbarem Jargon zur Darstellung. Da werden "Frauen zugeritten", es wird "gepimpert und gesoffen" und danach über der Kloschüssel abgehangen. In Effes Zeit bei Borussia Mönchengladbach traten mit den PS auch die "echten Bräute" in sein Leben. Bei der Hochzeit mit Martina trug Stefan dann einen "wunderschönen fliederfarbenen Anzug" und seine Braut einen "Traum in Weiß".
Effenbergs Lebensgeschichte ist eine Ansammlung von Klischees und altbackenen Gemeinplätzen - ein gigantisches Archiv für längst ausgediente Allerweltsweisheiten. Die Familie ist das Allerwichtigste für einen starken Mann, und das ist natürlich auch bei Effe so. Klar ist aber auch, dass Liebe kein Fairplay kennt. Deshalb passierte die Sache mit Claudia, der Ehefrau von Effes früherem Teamkollegen Thomas Strunz beim FC Bayern. Nach dem ersten Treffen schenkte Stefan seiner neuen Flamme ein Lederband mit Herzanhänger - Das Model und der Märchenkicker sind nun für den Rest ihres Lebens verbunden ...

Allein gegen alle

Exklusive Hotels, Jet Set zwischen Florida, Florenz und München: Weil Effe ein Star ist, ist er immer auf der Flucht vor Fotografen. Ob gewollt oder ungewollt, er löst in seiner Biografie auf komische Weise Mitleid aus: Missverstanden von den Fans muss er sich der arme Stefan gegen die "fetten Lügen" der Presse wehren. Dabei waren weder der Stinkefinger noch die Schlägerei in Münchens erster Promidiskothek so gemeint! Überhaupt sind alle seine Rüpeleien von den Medien erfunden. Der "Zoff mit Lothar" war halb so schlimm und über die Details von "Killer Kalles" Machenschaften beim FC Bayern schweigt Effe sich aus. Böse Welt. Wenigstens Tante Käthe hat immer zu ihm gehalten, auch wenn's nichts genutzt hat.

Proll-Poesie

"Was gefällt ihnen an seiner Poesie am besten?", wurde Claudia Strunz in einer Talkshow gefragt. Effes Proll-Poesie ist Gesinnungsmüll und Trash-Kultur in Reinstform, wie sie kaum noch getoppt werden kann. Die Kapitelüberschriften heißen "Manchmal war die Kacke am Dampfen" oder "Krawall ohne Ende". Manche Schriftsteller geben sich Mühe, diesen Proll-Jargon nachzubilden - bei Effenberg hingegen ist die Sprache keine Pose, sie gehört einfach zu seinem Leben. Alles ist irre toll, super wahnsinnig und total voll geil. Ein einziger Proll-Superlativ. Genau dafür lieben wir unsere deutschen Promi-Kicker. Und Stefan Effenberg ist einer der ganz Großen von ihnen!

Sandra Hofmeister lebt in München als freie Autorin für Printmedien und Fernsehen.

Stefan Effenberg mit Jan Mendelin: Ich hab's allen gezeigt (Rütten & Loening 2003, ca. 20 €, als Hör-CD bei: Der Audio Verlag, gelesen von Effenberg, 3 CDs, ca. 14 €)




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Dieter Bohlen: Nichts als die Wahrheit (Heyne Verlag 2002, 10 €)
Ebby Thust: Glanz und Glamour (Goliath Verlag 2000, 20 €)







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