Das Problem mit den Verschwörungstheorien

Zusammenhänge sehen, wo vielleicht keine sind

28.11.2001 | Ulrich Gutmair | Kommentar schreiben
Ein amerikanisches Ölunternehmen plant eine Pipeline durch Afghanistan? Vorsicht vor schnellen Schlussfolgerungen!
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1991 bombardierten die Vereinigten Staaten den Irak, nachdem der irakische Diktator Saddam Hussein das kleine Nachbarland Kuwait überfallen hatte. Bald vertraten/verbreiteten Graffitis die Idee, dass beim Krieg gegen Saddam Hussein auch ganz schlichte politische und ökonomische Interessen - nämlich die Kontrolle über die arabischen Ölvorkommen - im Spiel sein könnten: "Kein Blut für Öl!"

Kaum jemand nahm diese Theorie ernst. Sie erschien als zu wenig komplex und daher als unwahrscheinlich, vermutlich aus demselben Verfolgungswahn gespeist, der die Amerikaner seit jeher und grundsätzlich für die Bösen hält, und ihre Außenpolitik von Großunternehmen gesteuert wähnt.

Inzwischen kann man in deutschen Städten Anti-Kriegs-Plakate sehen, die die Parole "Kein Blut für Öl!" wieder aufnehmen. Mit dem Fortschreiten der Anti-Terror-Kampagne in Afghanistan erscheinen paranoide Verknüpfungen bestimmter Tatbestände offenbar wieder weniger abwegig. So ist etwa von einer Pipeline zwischen den kaspischen Ölvorkommen und dem Indischen Ozean die Rede, die vom amerikanischen Ölunternehmen Unocal schon lange geplant wird und in ihrer billigsten Variante quer durch Afghanistan führt.

Blut für Öl?

Im Rückblick erscheint auch die Blut-für-Öl-These des Golfkriegs nicht mehr als lächerliche Propaganda, sondern als Fakt: Am 26. September klärte der Journalist Paul Krugman seine Leser in der einflussreichen "New York Times" auf: "Obwohl der Golfkrieg unter anderem dazu diente, eine kleine Nation gegen einen Aggressor zu beschützen, würden wir ihn wohl nicht geführt haben, wenn es nicht um Öl gegangen wäre."

Wenn aber der Golfkrieg unter anderem auch ein Krieg für Öl gewesen ist, könnte dann der Krieg gegen den Terror nicht auch ein Krieg um das Öl von morgen, nämlich um eine schon geplante Pipeline sein? Und sitzen mit George W. Bush und seinem Vizepräsidenten Dick Cheney nicht Vertreter der texanischen Ölindustrie im Weißen Haus?

Literatur und Paranoia

Der amerikanische Autor William S. Burroughs erklärte bei solchen Gelegenheiten knapp: Ein Paranoiker ist jemand, der alle Fakten kennt. Damit stellte er die klassische Definition von Sigmund Freud, dass Paranoia einen krankhaften Verfolgungswahn darstellt, auf den Kopf. Burroughs hat sich immer wieder mit der Frage auseinandergesetzt, wie mächtige Interessengruppen über die Medien Desinformation verbreiten.

Auch Thomas Pynchon hat sich mit der Paranoia beschäftigt. In seinem Roman "Die Enden der Parabel" formulierte er fünf Sinnsprüche für Paranoiker. Nummer zwei lautet folgendermaßen: "Wem es gelingt, dir falsche Fragen einzureden, dem braucht auch vor der Antwort nicht zu bangen."

Die falschen Fragen stellen

In Anbetracht der Fakten hat der Krieg in Afghanistan tatsächlich mit Öl zu tun, aber auch die Theorie des Blut-für-Öl stellt die falsche Frage. Der Krieg in Afghanistan hat wenig mit dem Öl von morgen, aber einiges mit dem Öl von gestern zu tun: Schon 1932 setzten die Briten die al-Saud-Familie als Marionettenregierung auf der arabischen Halbinsel ein, die fortan über ein nun so genanntes Saudi-Arabien herrschte, in dem eben Öl entdeckt worden war. Hier beginnt die Geschichte der Saudi-Dynastie, die heute von den Amerikanern unterstützt wird.

Die Tatsache, dass die Amerikaner die Stabilität der Region seit dem Golfkrieg durch die Stationierung von Truppen auf der arabischen Halbinsel, also Saudi-Arabien garantieren, dient Osama bin Laden als Rechtfertigung für die Anschläge vom 11. September. Bin Laden selbst genießt immer noch bei den Taliban Gastrecht, die von den Saudis mitfinanziert worden sind.

Sigmund Freud hat darauf hingewiesen, dass jede Theorie im Kern ein paranoides Symptom darstellt: Wer eine neue Theorie bilden will, muss neue Zusammenhänge finden, wo vorher keine waren. Das Problem mit Verschwörungstheorien ist, dass sie einfache Erklärungen für komplizierte Verhältnisse glauben finden zu können: Wer eine Verschwörungstheorie bilden will, muss Zusammenhänge ignorieren, die eben noch offensichtlich waren.

Ulrich Gutmair, 33, ist Redakteur bei der Netzeitung.


Paul Krugman: Reckonings; Not a Fuels Errand (New York Times, 26.9.2001), siehe auch www.netzeitung.de/servlets/page?section=585&item=161661 (deutsche, leicht gekürzte Version)

William S. Burroughs, Daniel Odier: The Job - Interviews with William S. Burroughs
(Penguin, DM 33,13)





Sigmund Freud: Zwang, Paranoia und Perversion
(S. Fischer, DM 38)






Thomas Pynchon: Die Ende der Parabel
(Rowohlt, DM 29,89)






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