Der erste Blick auf die riesigen Palmenwipfel des philippinischen Dschungels könnte noch idyllisch wirken, wenn sich auf der Tonspur nicht bereits das drohende Unheil ankündigen würde. Das schrappende Geräusch von Helikopterrotoren und die ersten Takte der Endzeithymne von den Doors: "This is the End". Die Eingangssequenz von Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" aus dem Jahr 1979 ist zugleich die Ouvertüre zu einer der berühmtesten Explosionen der Filmgeschichte. Wie auf dem Höhepunkt eines psychedelischen Trips reißt eine Kette von Bombendetonationen aus buchstäblich heiterem Himmel eine gigantische Schneise aus Feuer in den Urwald. Die höhere Gewalt hinter diesem Spektakel heißt B-52, und wer die Bilder des Afghanistankrieges parat hat, weiß, dass dieser Bomber noch immer im Einsatz ist - und "Apocalypse Now" wieder einmal durch die Realität aktualisiert wurde.
Insbesondere die unlängst gezeigte Neufassung des Coppola-Films verdeutlicht, dass die Fragen, die der Vietnamkrieg aufgeworfen hatte, wenig von ihrer Brisanz verloren haben. Welcher Zweck heiligt welche Mittel, wo verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse, warum wird überhaupt in derartigen Kategorien gedacht, und was macht es für einen Unterschied, ob gewaltsame Konflikte in den urbanen Zentren der so genannten zivilisierten Welt oder an deren vermeintlichen Rändern, sei es der vietnamesische Dschungel oder das afghanische Gebirge, ausgetragen werden? Dass diese Fragen sich in grundverschiedenen historischen Kontexten immer wieder neu stellen, zeigt sich, wenn man noch einen Schritt zurück geht und zwar zu Joseph Conrads "Herz der Finsternis" von 1911. Diese Erzählung bildet die Vorlage zu "Apocalypse Now", und 1993 kam mit Nicolas Roegs "Heart of Darkness" auch eine textgetreue Verfilmung in die Kinos.
Die große Trommel
Conrads Setting ist nicht der Krieg, sondern der europäische Kolonialismus in Afrika um 1900. Kapitän Marlow wird von einer zentraleuropäischen Handelskompanie nach Zentralafrika geschickt, wo er mit einem Flussdampfer tief in den Belgisch-Kongo hineinfahren soll, um dort den Handelsvertreter Kurtz abzulösen. Kurtz ist für die Kompanie untragbar geworden, aber nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Ausdrücklich wird betont, dass er der effizienteste Zulieferer seiner Firma ist, die mit Elfenbein handelt. Allein seine Methoden erregen Anstoß. In seinem Distrikt, der fernab von jeder organisierten Niederlassung liegt und nur über die schier endlose und gefährliche Flussfahrt zu erreichen ist, hat Kurtz ein Schreckensregime errichtet, unter dem ihn die Einheimischen in kultischer Hingabe verehren. An den Gestaden der Niederlassung prangen Holzpflöcke, auf denen menschliche Schädel aufgespießt sind, und tief aus dem dahinterliegenden Wald ist das "monotone Geräusch einer großen Trommel" und ein "unentwegter, summender Laut vieler Menschenstimmen" zu hören: Eine "unheimliche Beschwörungsformel", deren Sinn sich in einer kultischen Tiefe zu verbergen scheint, die dem Neuankömmling unverständlich und doch faszinierend erscheint.
Auf Messers Schneide
Conrads Haltung gegenüber dem Fremden, das die afrikanische Kultur für europäische Kolonialisten darstellt, ist eine ambivalente. Den Vorwurf der rassistischen Rede kann man dem Schriftsteller, der 1890 selbst den Kongo bereist hatte und dabei lebensgefährlich erkrankt war, angesichts von Begriffen wie "Negerschwachkopf" nicht ersparen. Andererseits geht es genau darum gerade nicht. Denn es sind nicht die Eingeborenen, sondern ein Europäer, der inmitten Zentralafrikas ein Herz der Finsternis installiert hat. In Conrads Erzählung wie in Coppolas Film verlaufen hervorragende kaufmännische oder militärische Qualifikationen parallel zu einer Entgleisung der "Methoden" ins so genannte Barbarische. Die Differenz zwischen Zivilisation und Barbarei folgt nicht dem Grenzverlauf zwischen Eigenem und Fremdem und auch nicht dem zwischen Gut und Böse - sie ist vielmehr immer schon im Eigenen zu suchen. In der Gestalt von Marlon Brando bringt Colonel Kurtz also letztlich die Pathologie eines jeden militärischen Sonderkommandos auf den Punkt: "Ich beobachte, wie eine Schnecke auf der Schneide eines Rasiermessers entlang kriecht. Das ist mein Traum. Das ist mein Albtraum."
Joseph Conrad: Herz der Finsternis
Bei Reclam für 4,09 Euro und bei sieben anderen Verlagen, auch als Audiobook oder CD. Wenn möglich, sollte man "Heart of Darkness" aber im wunderschönen englischen Original lesen (und darüber staunen, dass der gebürtige Pole Conrad erst als Erwachsener Englisch lernte): unter anderem bei Penguin, St. Martins Press und Oxford Paperbooks, als Hörkassette oder CD.
Ronald Düker, 31, ist Kulturwissenschaftler und Journalist und interessiert sich vor allem für Buffalo Bills Wild West Show.
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