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Kerstin Grether: Zuckerbabys

Pop kann krank machen

14.6.2004 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Lehr- und Wanderjahre in Köln, Hamburg und Berlin haben ihr den badischen Akzent nicht austreiben können: Kerstin Grether, 29 Jahre alt, purzeln im Gespräch über ihren Roman "Zuckerbabys" - gerade beim Ventil Verlag erschienen - die Gesprächsbrocken aus dem Mund, wie ihrer Protagonistin Sonja die Gedanken durcheinander gehen, wie ihr plötzlich Songzeilen einfallen und sowieso das Leben aus den Fugen geht. "Zuckerbabys" ist ein Roman über das Popbusiness - in dem Grether als langjährige Musikjournalistin sich gut auskennt. Sonja, Anfang 20 und noch neu in Hamburg, zeichnet Comics, bald auch für eine aufstrebende Band, deren Mitglieder Kicky, Micky und Ricky heißen. Pseudonyme für Mädchen, die sich ständig umdefinieren, umkostümieren, Rollen austesten.

Sonja wird bei soviel Role-Model-Dichte oft ganz schwach uns Herz - das liegt auch an ihrer Magersucht, die sie lange vor den bewunderten Freunden verbergen kann. Diese Krankheit hat Kerstin Grether Mitte der 1990er-Jahre selbst erlebt. Zeitgleich mit ihrer Zwillingsschwester Sandra - auch Popjournalistin, heute vor allem Musikerin - schränkte sie das Essen ein, bis beide bei dem einen Apfel am Tag ankamen: "Das war das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist. Man denkt nur noch ans Essen oder ans Nichtessen und ans Aussehen - grauenvoll." Die Festanstellung bei der Musikzeitschrift Spex, die ihr Monate vorher noch so wichtig gewesen war, kündigte sie, aus Überheblichkeit, wie sie sagt.

Politischer Poproman

Dass viel von Grethers Biografie in Sonja und dem Roman steckt, ist Absicht: Magersucht, findet Grether, muss viel mehr thematisiert werden; sie versucht es seit einiger Zeit in jeden ihrer Artikel einzubinden: "Das Thema sollte nicht immer nur als "seichtes" Thema wahrgenommen werden - sondern als ganz ernsthafter Eingriff in die Persönlichkeit jedes einzelnen Menschen, ausgelöst vor allem durch die Medienbilder." Sonjas Geschichte bekommt in "Zuckerbabys" am Ende noch einen zynischen Drall. Als Sonja endlich wieder isst, hat schon die nächste, nämlich Kicky, die Bandsängerin, damit aufgehört: The trouble never stops.

Kerstin Grether: Zuckerbabys (Ventil Verlag 2004, 11.90 €)




Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin.

Foto: Oliver Bronner



www.single-generation.de/pop/kerstin_grether.htm
Kurzbiographie und Links zu Grether-Rezensionen und Grether-Artikeln

www.ventil-verlag.de/sets/termine_set.htm
Die Termine der Lesereise von Kerstin Grether, zum Teil gemeinsam mit Linus Volkmann und Jens Friebe

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