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Literatur und Drogen

Kreative Ornamente

26.10.2002 | Stephanie Wurster | Kommentare (1) | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die Geschichte von Literatur und Drogen, Sucht und Abhängigkeiten ist so alt und lang, dass man nicht einmal anfangen sollte, davon zu erzählen. Ein paar Beispiele lesenswerter Texte müssen ausreichen. "Wo das Leben selbst eine Entziehungskur ist, gedeiht der Boden für die Sucht", steht auf dem Rücken eines kürzlich erschienenen Büchleins namens "Lebensehnsucht und Sucht" des Kunsttheoretikers Peter Weibel. Das sagt schon einiges. Schriftstellern kann eine Möglichkeit sein, innere Welten zu beschreiben, die sich nicht nach außen kehren lassen. Aber auch das Schreiben selber kann zur Sucht werden - gerade wegen der Konzentration auf das im Moment Wesentliche.

Müheloses Dichten

Banales Zuführen stimulierender Substanzen kommt aber auch bei Schriftstellern vor. Samuel Taylor Coleridge etwa, ein romantischer Dichter mit einem schmalen Werk und einer lebenslangen Rauschgift-Abhängigkeit, verdankt sein berühmtestes Gedicht "Kubla Khan" zwei Gramm Opium, als Schmerzmittel gegen seine Ruhr eingenommen. Das war 1797. Coleridge schlief sofort ein und hatte die wildesten Träume: von einem sagenhaften asiatischen Herrscher, der in einem irrsinnig prunkvollen Lustschloss lebt, mit saftigen Wiesen, Flüssen und Schluchten rundum. Seltsam: Das Schloss war auf Eishöhlen gebaut.
Als Coleridge wieder klarer wurde, begann er sofort mit dem Aufschreiben der düster-schönen Vision, aber nach ein paar Zeilen störte ihn ein Besuch. Jahre noch versuchte der Dichter, das im Traum komplett fertig komponierte Epos zu rekonstruieren. Viel fiel ihm leider nicht mehr ein. Sein Freund Lord Byron drängte ihn schließlich 1816, "Kubla Khan" so, wie es nun mal war, drucken zu lassen, aber ins Vorwort schrieb Coleridge: "Das folgende Fragment wird hier auf den Wunsch einer großen und verdienten Persönlichkeit veröffentlicht, aber, was den Autor betrifft, mehr als psychologische Merkwürdigkeit als wegen angeblicher poetischer Qualitäten."

Schöne prismatische Ränder

Gerade diese "Qualitäten" der Wirklichkeit interessieren aber den Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin ("Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit"), als er in den späten 20er-Jahren Haschisch und Meskalin einnimmt. Entweder alleine oder unter - nüchterner - Aufsicht notiert Benjamin die veränderten Wahrnehmungen, mit einer bewundernswerten Aufmerksamkeit gegenüber den kleinsten Details: "Mein Stock fängt an, mir besondere Freude zu machen. Man wird so zart: fürchtet, ein Schatten, der aufs Papier fällt, könnte ihm schaden." Seltsame Sätze und Wortbildungen werden gleich aufgeschrieben, bevor sie vorbeihuschen: "Wertheimrausch", "Strickpalmen", "Alimentenz". Benjamin bedeckt Papier mit ornamentförmigen "Schriftzeichnungen" und führt mit seinen Freunden tiefgreifende Diskussionen - in einer Mischung aus wissenschaftlichem und poetischem Eifer, den man auch in seinen anderen Texten findet. Den Anstoß zu einem der Haschischexperimente gibt übrigens der "Steppenwolf" von Hermann Hesse, 1927 erstveröffentlicht, der in den späten 60ern zu einem Kultbuch der Bewusstseinserweiterer wurde.

Marschpulver

Ganz anders Pitigrilli: das Pseudonym gehört einem italienischen Autor, der Bestseller in den 20ern schrieb, mäßig erfolgreiche Romane später. Die berühmtesten Bücher - darunter "Kokain" von 1921 - spielen in der "Halbwelt", im Zuhälter, Drogen- und heruntergekommen Bohème-Milieu. Koks wurde ab der Jahrhundertwende und verstärkt nach dem ersten Weltkrieg zu einer Modedroge in den Metropolen Europas und symbolisiert auch in "Kokain" die verlockenden Gefährdungen der Großstadt, hier Paris. Pitigrilli beschreibt die Kokainisten in schrillen Bildern: "... diese Frau lachte und weinte mit ihrer ganzen Person; bläuliche, zu einer Grimasse verzerrte Lippen; eine bestürzte Fröhlichkeit, eine klägliche Heiterkeit, als sähen ihre Augen einen als Hanswurst verkleideten Leichnam mit einer Eidechse eine wilde Pantomime auführen." Moralisch einwandfrei kann und will so eine Milieustudie gar nicht sein; "Kokain" war in Deutschland noch 1954 zensiert.

Der Konflikt der 68er

Bernward Vesper hat im Gegensatz zu Pitigrilli nur ein einziges Buch veröffentlicht. Wie Coleridge und Benjamin beging er Selbstmord. Das Romanfragment "Die Reise" wurde erst 1977, sechs Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht und wurde zu einem Riesenerfolg, zum "Bekenntnisbuch" der 68er-Generation. Die protokollierten LSD-Trips machen dabei nur einen Teil der unzusammenhängend nebeneinandergestellten Erzählebenen aus. Die mit der größten Eindringlichkeit beschriebene "Reise" ist Vespers autobiographisches Zurückverfolgen seiner Kindheits- und Jugenderinnerungen, die exemplarisch den Zwiespalt der 68er zeigen: Will Vesper, der Vater, war ein bekannter und bekennender nationalsozialistischer Schriftsteller. Der Sohn Bernward versuchte, mit seiner langjährigen Freundin Gudrun Ensslin, die ihn 1968 wegen Andreas Baader und dem "bewaffneten Kampf" verließ, ein "politisch korrekteres" Leben zu führen - aber auch eine Neuherausgabe der Bücher des Nazi-Vaters. Ihr gemeinsames Kind nennen sie Felix, den Glücklichen. Ein trauriges, auseinanderdriftendes, großartig geschriebenes Buch, das viel über die Sehnsucht nach Leben erzählt. Nach einem besseren, einem anderem, am besten: einem glücklichen Schriftstellerleben.

Stephanie Wurster ist fluter-Redakteurin.

Peter Weibel: Lebensehnsucht und Sucht (Merve 2002, 8.50 €)
Samuel Taylor Coleridge: Kubla Khan, in: T. C. Coleridge: Coleridge (Brockhampton Press 1997, ca. 8 €, und hier digital, deutsch und englisch nebeneinander: www.skepsis.ch/lyrik/spuren1/coleridg/colerid1.htm#kubla)
Walter Benjamin: Über Haschisch (Suhrkamp 1972, 7 €)
Hermann Hesse: Tractat vom Steppenwolf (edition Suhrkamp 1969, ca. 5 €)
Pitigrilli: Kokain (Rowohlt 2002, ca. 8 €)
Bernward Vesper: Die Reise (Rowohlt 1983, ca. 10 €)

Fast alle Texte könnt ihr auch antiquarisch über www.zvab.de bekommen.







Kommentare

Was bisher geschah...

Drogenkonsum 68er

Suche nach Studie oder Schätzung,die einigermaßen realistisch wiedergibt wie groß der Anteil der 68er war der mit Drogen experimentierte oder sie konsumierte... mit freundl.Gruß W.Pönnighaus

W.Pönnighaus | 16. September 2010

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