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Klaus Theweleit: Der Knall

9/11-Analysen

31.10.2002 | Kito Nedo | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wer am Nachmittag des 12. September 2001 in Deutschland versuchte, eine Zeitung zu kaufen, bekam nicht mal mehr die Märkische Allgemeine, geschweige denn die Süddeutsche, FAZ oder taz. Der Grund: Am Tag nach den Terroranschlägen in New York und Washington suchten viele Leute Erklärungen für die Bilder, die am Vortag auf CNN und anderswo in einer Endlosschleife über die Bildschirme geflimmert waren. Am besten schwarz auf weiß. Noch immer, ein gutes Jahr nach den Anschlägen, erscheinen analysierende Artikel zum 11. September. Plus Fotobücher, Comics, Essays und Romane. Mit TV-Themenabenden wurde der erste Jahrestag begangen, Kongresse und Ausstellungen sind längst organisiert und teils schon durchgeführt. Wie negativ die Anschläge für die (Welt-) Wirtschaft auch waren - die Medien dürften von ihnen eher profitiert haben.

Zeitunglesen mit Theweleit

Der Freiburger Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit hat soeben ein Buch über die Reaktionen westlicher Intellektueller auf 9/11 zur WTC-Literatur dazugelegt. Das Buch heißt "Der Knall" und und schaut unter anderem Jean Baudrillard, Susan Sontag, Diedrich Diederichsen, Kathrin Röggla, Georg Seeßlen, Alexander Kluge, Elisabeth Bronfen, Slavoj Zizek und anderen beim Schreiben über 9/11 zu.

Weil die Bilder auf CNN plötzlich aussahen wie "Independence Day", "Mars Attacks!" oder "Escape from New York", meinten viele Autoren, so Theweleit, dass Realität und Fiktion nun miteinander verschmolzen sei, die Katastrophe aus dem Reich des "Imaginären" in das Reich des "Realen" hinübergeschwappt sei und die Wirklichkeit des 11. September am besten mit Film-Metaphern beschreibbar. Theweleit untersucht die Texte seiner Kolleginnen und Kollegen auf die Frage hin, was diese unter Wirklichkeit verstehen und ob die Theorien passen, mit denen die Wirklichkeit in den September-Medien beschrieben wurde.

Aber warum eigentlich? Für alle, die keinen Sinn darin sehen, die "alten" Artikel nochmal zu lesen, zieht Theweleit ein Buch des Soziologen Niklas Luhmann aus dem Regal, der über das Verhältnis von Realität und Medien schrieb: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien."

"Der Knall" wird eingeleitet vom Essay "Play Station Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell". Theweleit erläutert darin anhand eines Films des ägyptischen Filmemachers Youssef Chahine ein Kriegsmodell, das schon seit dem Mittelalter praktiziert wird. Sehr vereinfacht geht es in diesem Modell darum, dass es die Fundamentalisten sind, die Konflikte in Mischgesellschaften schüren und diese schließlich eskalieren lassen, um sie zu ihren Zwecken zu nutzen.

Ob diese Fundamentalisten an den Islam, das Christentum oder an die freie Marktwirtschaft glauben, ist dabei ziemlich egal. Das kompromisslose Festhalten an ihren politischen oder religiösen Grundsätzen macht sie strukturell gleich, untereinander bündnisfähig und sehr gefährlich. Das klingt simpel - aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt muss man selbst die einfachsten Dinge ins öffentliche Gedächtnis zurückrufen. Denn die Bombe ist überall explodiert.

Kito Nedo, 27, studiert Kulturwissenschaften.

Foto: "Klaus Theweleit" / Brigitte Friedrich

Klaus Theweleit: Der Knall - 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell (Stroemfeld, 24 €)





Andere Texte

Jean Baudrillard, Peter Enngelmann (Hg.): Der Geist des Terrorismus (Passagen Verlag 2002, circa 15 €)
Dienstag, 11. September 2001 (Rowohlt 2001, 10 €, mit Essays von u.a. Paul Auster, Louis Begley, Ralph Giordano, Hans-Joachim Schädlich, Wolfgang Schmidbauer, Susan Sontag, John Updike und Ulrich Wickert)
Diederich Diederichsen: Wie der Blues nach Deutschland kam (Jungle World, 28. August 2002, www.jungle-world.com/_2002/36/05a.htm)
Kathrin Röggla: really ground zero. 11. september und folgendes (Fischer 2001, 7 €)
Markus Metz, Georg Seeßlen: Krieg der Bilder. Bilder des Krieges. Abhandlung über die Katastrophe und die mediale Wirklichkeit (Bittermann, 14 €)
Alexander Kluge im Gespräch mit Willi Winkler: Die Menschen sind noch nicht vorgehärtet (SZ vom 12. Oktober 20001, www.kluge-alexander.de/interv_menschen_nicht_vorgehaertet.shtml)
Slavoj Zizek: Willkommen in der Wüste des Realen (Zeit 39/2001, www.zeit.de/2001/39/Kultur/200139_zizek.html)



www.soziologie.uni-freiburg.de/theweleit/playstation.htm
Online-Version des Essays "Play Station Cordoba. Yugoslavia. Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell"

www.soziologie.uni-freiburg.de/theweleit/index.htm
Theweleit-Homepage der Universität Freiburg

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