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fluter.de Archiv Nr. 12 : "Sucht" |
November 2002
Mehr Ego, weniger Kontrolle
Wenn die Sucht Familien und Freundschaften zerstört
Sabine Schrader | 24.10.2002
Kann jemand abhängig sein, ohne dass es nahestehende Menschen berührt? Der Freund, dem es egal ist, dass die Freundin zum dritten Mal in dieser Woche betrunken auf dem Sofa liegt? Eltern, die dem Gewichtsverlust ihrer magersüchtigen Tochter unbeteiligt zusehen? Die Partnerin, die locker bleibt, während der Lebensgefährte im Spielcasino versackt?
"Je näher jemand einem Abhängigen steht, desto größer ist die Gefahr, dass er sich in Co-Abhängigkeit verstrickt", sagt Marita Junker, Psychologin und Suchtberaterin in der "Boje". Die Beratungsstelle in Hamburg-Billstedt ist Anlaufstelle für junge Erwachsene zwischen 18 und 35 Jahren. Beratung und Therapie finden hier nicht nur Menschen mit Alkohol-, Cannabis- und Medikamentenabhängigkeit, Glücksspielsucht oder Essstörungen, sondern auch deren Angehörige, Partner/innen, Freund/innen, Kolleg/innen und junge Erwachsene, deren Eltern suchtkrank sind.
Kontrollversuche stabilisieren die Sucht
Wer will schon wahrhaben, dass aus dem problematischen Trinkverhalten seines Partners längst eine Sucht geworden ist? Am Anfang jeder Co-Abhängigkeit steht Verleugnung. Bis sich nichts mehr verleugnen lässt und die Phase der Kontrolle folgt ein Bündel an Verhaltensweisen, die weit mehr bedeuten als der Strich an der Schnapsflasche: "Co-Abhängigkeit ist gekennzeichnet durch Kontrollversuche, die gemacht werden und scheitern. Und die genau das Falsche sind: Sie stabilisieren die Sucht", so Marita Junker.
Ursprünglich auf Angehörige von alkoholkranken Menschen bezogen, wird inzwischen davon ausgegangen, dass es bei allen Formen von Süchten zu Co-Abhängigkeit kommen kann: "Dabei sind die Sorgen und Nöte der Partner und Partnerinnen von Alkoholikern wiederum andere, als etwa derjenigen, deren Partner glücksspielabhängig sind. Bei den einen geht es vielleicht um erlittene Gewalt. Bei letzteren stehen Gefühle des Betrogenwerdens im Mittelpunkt", so die Suchtexpertin.
Beziehungsarbeit ist noch immer Frauensache
Weitaus mehr Frauen als Männer sind co-abhängig: "Untersuchungen belegen, dass Männer mit suchtabhängigen Partnerinnen relativ schnell die Kurve kratzen. Frauen halten unheimlich lange durch, ertragen viel. Sie leben Jahre um Jahre mit dem Abhängigen und verstricken sich immer mehr." Zwar habe sich in der Erziehung vieles geändert, doch Rolle der Frauen in den Partnerschaften sei es noch immer, die Beziehung am Leben zu halten. "Alles zu tun, damit die Harmonie stimmt, darin liegt die große Gefährdung", sagt die Psychologin.
Sechzig Prozent aller Co-Abhängigen stammen aus Familien mit einer Suchtproblematik. Junker: "Die Gefährdung, co-abhängig zu werden, ist noch stärker, als selber abhängig zu werden. Um die Sucht eines Elternteils für sich erträglich zu machen, fangen Kinder an, bestimmte Rollen zu übernehmen." Nicht selten etwa schlüpft das älteste Kind in die Rolle eines Ersatz-Partners. Und tut alles, damit die Konflikte in der Familie nicht ganz eskalieren. Als Erwachsene wiederholen sie später ein Verhalten, das sie in ihrer Herkunftsfamilie über Jahre gelernt haben.
Völlig ausgelaugt
"Egal, ob es sich um Angehörige, Partner/innen oder um junge Erwachsene, deren Eltern abhängig sind, handelt - alle, die zu uns kommen, sind in einem Zustand der völligen Erschöpfung", hat Marita Junker beobachtet. "Ihr Anliegen ist: Könnt ihr nicht was machen?" Längst wurde der Abhängige mit seiner Krankheit konfrontiert, angefleht, eine Therapie zu machen, es wurde gestritten und die Trennung angedroht. Aber ohne Konsequenz. Junker: "Nicht konsequent zu sein, ist fatal. Es führt noch tiefer in die emotionale Verstrickung."
So bleiben beide gefangen: Der Abhängige versucht, sein Suchtverhalten zu kontrollieren, der Co-Abhängige wiederum den Suchtkranken; der eine ist auf das Suchtmittel konzentriert, der andere auf den Süchtigen. Und beide verlieren ihr Selbstwertgefühl. Eine Abwärtsspirale. Für den Co-Abhängigen ist der erste Schritt aus der Verstrickung, ein Problembewusstsein für sein eigenes Verhalten zu entwickeln: Wer in die Beratung kommt, muss lernen, statt für den Abhängigen wieder für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Grenzen zu setzen. Gut für sich zu sorgen. Sich wieder wertzuschätzen.
Wieder bei sich selbst ankommen
Wird Co-Abhängigkeit in der Gesellschaft ausreichend wahrgenommen? "In den Betrieben wird inzwischen viel getan. Andererseits wird in Therapien, die Betroffene etwa aufgrund psychosomatischer Beschwerden machen, der Hintergrund der Co-Abhängigkeit oft nicht ausreichend beachtet", bedauert Marita Junker. "Suchterkrankungen sind noch immer ein Tabu." Erleichternd wäre es, würde Sucht und Abhängigkeit endlich als Krankheit statt als persönliches Versagen angesehen. "Die Betroffenen schämen sich unheimlich." Folge: Bis Hilfe gesucht und angenommen wird, vergeht oft sehr viel Zeit.
Das gilt auch für Co-Abhängige: "Warum habe ich es so lange ausgehalten? Warum konnte ich nicht konsequenter sein?", sind Fragen, die zu Selbstanklagen werden. Doch Schuldgefühle können ebenso wie Abwertungen ("Er schafft es eh nicht!") zur Falle werden: "Es geht darum, den anderen ernst zu nehmen und Erwartungen an ihn zu stellen. Darum, sich selbst zu sagen: Er führt sein Leben und ich führe meins. Es ist schön, wenn wir uns treffen, aber er muss selbst die Konsequenzen für sein abhängiges Verhalten tragen", erklärt die Beraterin.
Ausblicke
Manchmal ist das Ziel der Beratung eine Trennung. Wenn es wenig gute Zeiten zusammen gab. Wenn Verletzungen, Kränkungen, vielleicht auch Gewalt das gemeinsame Leben prägten. Manchmal stürzt aber auch die erfolgreiche Behandlung des Süchtigen den Co-Abhängigen in Irritationen. Wenn der trockene Alki plötzlich vom fetzigen Partylöwen zum Stubenhocker in Jogginghose mutiert. Oder in eine Krise. Wenn der Partner oder die Partnerin, für die man all die Jahre Verantwortung übernommen hat, plötzlich wieder auf eigenen Beinen steht: "Das kann zum völligen Zusammenbruch führen."
Manchmal können sich beide Partner aber auch gegenseitig unterstützen. Wenn das Karussell aus Selbstverleugnung, Schuldzuweisungen und Anklagen zum Stillstand kommt und an ihre Stelle Selbstbewusstsein, Selbstfürsorge und Selbstverantwortung getreten sind. Wenn sich beide anschauen und sagen: "Ich bin für mich verantwortlich, du bist für dich verantwortlich." Und: "Ich glaub', du packst es!"
Sabine Schrader ist freie Journalistin und schreibt für Magazine und Zeitungen. Sie lebt in Hamburg.
www.dieboje.de
Mehr über Konzept und Angebote der "Boje"-Beratungsstellen
www.jugend-hilft-jugend.de
Ein Suchtinfoserver mit News zu Sucht und Drogen, zusammengestellt von "Jugend hilft Jugend" e.V. aus Hamburg
www.lzg-bayern.de
Co-Abhängigkeit im Betrieb: Infos von der Landesstelle für Gesundheit in Bayern e.V.
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