Als sich Punk in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre etablierte, ging es um mehr als bunte Irokesenschnitte und laute, trashige Musik. So erlebte Jürgen Teipel, wie sich in der BRD Punks gegen die vorherrschende Hippie-Kultur auflehnten, und Michael Boehlke, seit dem zarten Alter von 16 Sänger der Ost-Punk-Band "Planlos", wie die Bewegung an der Spießigkeit des SED-Regimes scheiterte. Jürgen Teipel hat das Buch
"Verschwende deine Jugend" über seine Punk-Zeit geschrieben, Michael Boehlke plant gerade eines aus der Perspektive der DDR. Oliver Koehler sprach mit beiden über die Vergangenheit und Gegenwart der Punk-Kultur.
Was war Punk? Subkultur oder Anti-Kultur? Eine Form des Anarchismus, des Kommunismus - oder einfach Anti-Establishment?
Jürgen Teipel: Punk zog seine Kraft aus diesem Dagegen-Sein. Punk war ein Gefühl, dass du etwas bewirken kannst, dass diese Lebenslügen, sowohl der Alt-Nazis als auch der 68er, sichtbar werden, wenn du dich so und so verhältst. Punk war etwas Rebellisches. Und weil das viele Leute genau so empfanden, war's irgendwann eine Bewegung.
Michael Boehlke: Die Hauptimpulse für Punk in der DDR sind sicher in der restriktiven, totalitären Staatsform zu finden. Im Punk sind Elemente von Subkultur, Anti-Kultur, Anarchismus, Anti-Establishment. Punk war nihilistisch und aggressiv. Es ging darum, alles in Frage zu stellen, das Elternhaus, die aktuelle Musik, die Sexualität, die Umgangsformen, den Staat. Die Wut war riesengroß, größer als die Angst. Punk bedeutet, das Alte zu zerstören, damit das Neue entstehen kann. Aber damit zerstört es sich auch selbst.
Laut "Verschwende Deine Jugend" gab es deutschen Punk zwischen 1976 - 1983. Aber schon 1984 sangen The Exploited "Punk's Not Dead". Ist Punk nun tot oder nicht?
Jürgen Teipel: Bei meinem ersten Konzert der Clash kamen mir zwei Punks entgegen. Einer sagte: "Jetzt ist Punk endgültig tot." Das war 1978. Ich war enttäuscht, zu spät gekommen zu sein. Aber das war natürlich ein Witz. Ich wurde Zeuge eines sich entwickelnden Punk-Dogmatismus: Was darf man als Punk? Aber vor allem: Was darf man nicht? Ziemlich humorlos. Dass Punk tot ist, war von Anfang an Ironie. Das haben viele Spät-Punks nicht mehr kapiert. Punk war anfangs ja so gut, weil es sich um diese ganzen "Do's or don'ts" nicht kümmerte. Punk war gut, weil er schnell wieder vorbei war. Weil er nur ein Jahr später schon wieder ganz was anderes war.
Wie waren die Eckdaten für Punk im Osten?
Michael Boehlke: Die ersten Punks liefen vereinzelt schon 1977 rum. Richtig los ging es 1979. In der Zeit entstanden auch die ersten Punk-Bands, die in Kellern oder Garagen illegal ihre Songs einstudierten. 1984 griff Vater Staat mit eiserner Hand durch. Viele Punker kamen ins Gefängnis, zur Armee oder wurden in die BRD ausgewiesen. Die Aussage von Exploited, "Punk's Not Dead", war für mich eine Beschwörung: Wenn ich die Formel oft und laut genug wiederhole, wird's schon wahr werden. Für mich war 1984 Punk vorbei, aber für andere hat es da erst angefangen. Mit dem Fall der Mauer schließlich war Punk in der DDR so gut wie kein Thema mehr.
Wie konnte sich so etwas wie Punk überhaupt im Osten formieren? Wie war es möglich, Platten beziehungsweise Musik zu vertreiben?
Michael Boehlke: Eine Jugendkultur stoppt nicht einfach vor der Berliner Mauer. Wir hörten Musik im Westradio und TV, die Omas brachten LPs mit und die wurden überspielt. Die ersten Punk-Bands spielten illegal in Kellern vor einem eingeweihtem Publikum. Es gab auch besondere Orte, an denen man sich traf. Zum Beispiel ausgerechnet auf dem Alexanderplatz in einem Café, der Tute. Hier, wo sich die DDR ihren Touristen von der besten Seite zeigen wollte. Man trifft sich da, wo man es auf keinen Fall tun sollte.
In "Verschwende Deine Jugend" geht es auch um die Normen, denen der Punk nicht mehr treu bleiben konnte: Ausverkauf der Ideale, zu viele Drogen, zu wenig Inhalt. Was waren die Normen im Punk?
Jürgen Teipel: Ich weiß nur noch, dass man als Punk irgendwann kein Geld mehr verdienen durfte. Ich fand das borniert. Aber trotzdem steckt es mir immer noch in den Knochen. Ich habe erschrocken festgestellt, dass ich mich heimlich bei mir selbst dafür rechtfertige, dass "Verschwende Deine Jugend" zum Bestseller geworden ist.
Was bedeutet Punk heute? Was hat es in der heutigen Gesellschaft bewirken können?
Jürgen Teipel: Punk eröffnete unglaublich viele Perspektiven. Punk bedeutete: "Es gibt irgendwo da draußen die Möglichkeit, so sein zu dürfen, wie ich will." Diese Wahl haben heute vergleichsweise viele Leute. Damals hatte sie kaum jemand. Heute geht ja fast alles. Damals ging gar nichts.
Michael Boehlke: So vielseitig, wie Punk immer war, ist er auch heute noch. Natürlich artikulieren sich auch heute noch Punkbands politisch. Daneben gibt es die absurdesten Erscheinungsformen wie Irokesenschnitte bei Fußballern. Es ist immer wieder eine gewisse Radikalität und Abgrenzung, die auch heute noch den Punk kennzeichnet. Punk hat alles auf den Kopf gestellt und danach gab es keine Jugendkultur, die so nachhaltig die gesamte Gesellschaft verändert hat.
Es gibt Gerüchte, "Verschwende Deine Jugend" würde nun verfilmt werden. Ist das noch im Sinne des Punk?
Jürgen Teipel: "Verschwende" wird definitiv nicht verfilmt. Es wird einen Spielfilm über DAF geben. Das Drehbuch ist von Ralf Hertwig, dem Schlagzeuger von Coroners und Palais Schaumburg. Aber wenn mir jemand ein gutes Skript und einen Koffer voll Geld gezeigt hätte, dann hätte ich mit einem "Verschwende"-Film kein Problem gehabt.
Oliver Koehler, 30, arbeitet als freier TV-Produktionsassistent, Journalist (www.fluter.de, De:Bug, telepolis) und Doktorand in der schönen Neckarstadt Heidelberg.
www.gesellschaftsinseln.de
Die "Verschwende deine Jugend"-Website mit Stimmen zum Buch, Links, einem Forum und einer Leseprobe
Das Buch:
"Verschwende Deine Jugend" Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave
von Jürgen Teipel, suhrkamp taschenbuch st 3271. 375 Seiten. € 12,50
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