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Sie verkaufen falsche Träume

Die Castingshow-Gewinner Markus Grimm und Martin Kesici im Interview

6.11.2009 | Jörg Oberwittler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Sie haben den Traum von Millionen Teenagern gelebt: Markus Grimm und Martin Kesici gewannen bei den Castingshows "Popstars" (ProSieben) und "Star Search" (Sat.1). Heute fühlen sie sich verheizt, verraten und verkauft. Denn Sender und Plattenfirmen würden mit unfairen Mitteln arbeiten. In ihrem Buch "Sex, Drugs & Castingshows" beschreiben sie, was wirklich hinter den Kulissen abgeht.

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Martin Kesici

Eure Hoffnung auf Ruhm hat sich nicht erfüllt. Was ist euer Buch nun: ein enttäuschtes Nachtreten oder eine Warnung, sich niemals auf Castingshows einzulassen?

Martin Kesici: Natürlich ist es ein enttäuschtes Nachtreten für mich als Künstler, der schon seit zwanzig Jahren Musik macht. Aber wir wollen auch warnen. Ich dachte damals als Gewinner, mein Talent wird gefördert. Das passiert da definitiv nicht! Ich konnte mich überhaupt nicht selber einbringen. Es werden nur vorgefertigte Songs geliefert, und diese muss man wie ein Karaoke-Sänger einsingen. Für mich als Künstler, der selbst Songs schreibt, hatte das mit Musik nicht mehr viel zu tun.

Menschliche Abgründe

Aber sicher hätte man sich doch denken können, dass nicht alles bunt und schillernd hinter den Kulissen zugeht?

Markus Grimm: Dass sich im Endeffekt menschliche Abgründe auftun, dass Intrigen gesponnen, Sachen erfunden werden – das konnte ich mir vorher nicht ausmalen. Direkt nach dem Finale hatten wir zum Beispiel einen Fototermin mit einer großen Zeitung. Wir kamen rein und der Fotograf begrüßte uns mit: "Hallo, ja dann zieht euch mal aus!" Oder die Redakteure kamen während der Show auf uns zu und sagten: "Hör mal, der und der erzählt das und das über dich. Willst du das einfach so auf dir sitzen lassen?!" So zettelten sie Streit und Intrigen an, damit die Sendung spannend blieb.

Ihr habt beide die Shows gewonnen: Inwiefern seht ihr euch heute trotzdem nicht als Gewinner, sondern als Opfer?

Martin Kesici: Wir verteufeln die Castingshows nicht komplett. Man muss es auch als Sprungbrett sehen. Das Problem ist, dass bei diesem Sprungbrett einige Schrauben locker sind. Man hat die Chance auf eine extreme Medienpräsenz, aber man weiß nie, wie lange die Plattenfirmen einen fördern. Opfer war ich, weil meine Plattenfirma nach zwei Jahren gesagt hat: "Du bist absolut ausgelutscht. Wir haben keine Verwendung mehr für dich."

Ihr berichtet von Manipulationen und Mauscheleien in eurem Buch: Was hat euch am meisten schockiert?

Markus Grimm: Schockierend war für mich, dass ich so dargestellt wurde, wie ich gar nicht war. In Interviews habe ich gesagt, dass Pat [Anm. d. Red: sein Gesangskollege in der Band] ein grober Klotz sei, es wurde gefragt, wie ich sein Auftreten bei harten Songs finde. Am Ende wurde es in der geschnittenen Sendung als Beleidigung dargestellt. Es wurde außerdem versucht, Freundschaften unter den Kandidaten zu vermeiden. Und inzwischen werden sogar bei Vorcastings zu "Deutschland sucht den Superstar" geistig behinderte Menschen vorgeführt und der Quote wegen verspottet.

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Markus Grimm

Können Castingshows überhaupt noch Träume erfüllen, oder ist das alles eine Ausbeutungsindustrie, bei der sich die Kandidaten zum Kasper der Nation machen?

Martin Kesici: In den USA und Großbritannien funktioniert es, aber in Deutschland verkaufen sie einen falschen Traum. Du gewinnst, wirst aber von den Zuschauern als Musiker kaum noch wahrgenommen.
Manche Sendungen hatten sechs Millionen Zuschauer, aber der Künstler verkauft nachher nur noch 50.000 CDs – das steht in keiner Relation.

Man ist nur ein Produkt

Warum klappt es im Ausland, aber nicht bei uns?

Martin Kesici: In erster Linie wird dort der Künstler länger aufgebaut. Da wird auch mal schnell getourt. Hinzu kommt, dass die Deutschen ein Volk sind, das anderen nur widerwillig Erfolge gönnt. Natürlich werden wir nicht nur beschimpft auf der Straße, aber es kommen doch ab und an hämische Kommentare: "Na, hast es nicht geschafft, jetzt musste wohl doch wieder arbeiten gehen!"

Millionen Teenager träumen von Millionengagen: Wie reich seid ihr letztlich geworden?

Markus Grimm: Martin hat beispielsweise 150.000 Euro Siegprämie bekommen. Man darf dabei nicht vergessen, dass man davon zur Hälfte das Musikvideo und die Bühnenoutfits bezahlt. Für mich konnte ich herausziehen, dass ich reich an Erfahrungen und Bekanntheit geworden bin – aber nicht an Geld. Ich weiß jetzt, wie das Ganze im Hintergrund abläuft, wie Marketing und Verkauf funktionieren und dass man letztlich nur noch ein Produkt ist. Man wird verkauft.

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Markus Grimm, Martin Kesici: "Sex, Drugs & Castingshows. Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co." (Riva-Verlag, 432 S., 17,90 €)



Jörg Oberwittler arbeitet als junger Journalist in Berlin.

Foto Martin Kesici: ©Marcus Ewers
Foto Markus Grimm: ©Sami Khatib



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