Sie haben den Traum von Millionen Teenagern gelebt: Markus Grimm und Martin Kesici gewannen bei den Castingshows "Popstars" (
ProSieben) und "Star Search"
(Sat.1).
Heute fühlen sie sich verheizt, verraten und verkauft. Denn Sender und
Plattenfirmen würden mit unfairen Mitteln arbeiten. In ihrem Buch "Sex,
Drugs & Castingshows" beschreiben sie, was wirklich hinter den
Kulissen abgeht.

Martin Kesici
Eure Hoffnung auf Ruhm hat sich nicht
erfüllt. Was ist euer Buch nun: ein enttäuschtes Nachtreten oder eine
Warnung, sich niemals auf Castingshows einzulassen?
Martin
Kesici: Natürlich ist es ein enttäuschtes Nachtreten für mich als
Künstler, der schon seit zwanzig Jahren Musik macht. Aber wir wollen
auch warnen. Ich dachte damals als Gewinner, mein Talent wird
gefördert. Das passiert da definitiv nicht! Ich konnte mich überhaupt
nicht selber einbringen. Es werden nur vorgefertigte Songs geliefert,
und diese muss man wie ein Karaoke-Sänger einsingen. Für mich als
Künstler, der selbst Songs schreibt, hatte das mit Musik nicht mehr
viel zu tun.
Menschliche AbgründeAber sicher hätte man sich doch denken können, dass nicht alles bunt und schillernd hinter den Kulissen zugeht?
Markus
Grimm: Dass sich im Endeffekt menschliche Abgründe auftun, dass
Intrigen gesponnen, Sachen erfunden werden – das konnte ich mir vorher
nicht ausmalen. Direkt nach dem Finale hatten wir zum Beispiel einen
Fototermin mit einer großen Zeitung. Wir kamen rein und der Fotograf
begrüßte uns mit: "Hallo, ja dann zieht euch mal aus!" Oder die
Redakteure kamen während der Show auf uns zu und sagten: "Hör mal, der
und der erzählt das und das über dich. Willst du das einfach so auf dir
sitzen lassen?!" So zettelten sie Streit und Intrigen an, damit die
Sendung spannend blieb.
Ihr habt beide die Shows gewonnen: Inwiefern seht ihr euch heute trotzdem nicht als Gewinner, sondern als Opfer?
Martin
Kesici: Wir verteufeln die Castingshows nicht komplett. Man muss es
auch als Sprungbrett sehen. Das Problem ist, dass bei diesem
Sprungbrett einige Schrauben locker sind. Man hat die Chance auf eine
extreme Medienpräsenz, aber man weiß nie, wie lange die Plattenfirmen
einen fördern. Opfer war ich, weil meine Plattenfirma nach zwei Jahren
gesagt hat: "Du bist absolut ausgelutscht. Wir haben keine Verwendung
mehr für dich."
Ihr berichtet von Manipulationen und Mauscheleien in eurem Buch: Was hat euch am meisten schockiert?
Markus
Grimm: Schockierend war für mich, dass ich so dargestellt wurde, wie
ich gar nicht war. In Interviews habe ich gesagt, dass Pat [Anm. d.
Red: sein Gesangskollege in der Band] ein grober Klotz sei, es wurde
gefragt, wie ich sein Auftreten bei harten Songs finde. Am Ende wurde es
in der geschnittenen Sendung als Beleidigung dargestellt. Es wurde
außerdem versucht, Freundschaften unter den Kandidaten zu vermeiden.
Und inzwischen werden sogar bei Vorcastings zu "Deutschland sucht den
Superstar" geistig behinderte Menschen vorgeführt und der Quote wegen
verspottet.

Markus Grimm
Können Castingshows überhaupt noch Träume erfüllen, oder ist das alles
eine Ausbeutungsindustrie, bei der sich die Kandidaten zum Kasper der Nation machen?
Martin Kesici: In den USA und Großbritannien funktioniert es, aber in
Deutschland verkaufen sie einen falschen Traum. Du gewinnst, wirst aber
von den Zuschauern als Musiker kaum noch wahrgenommen.
Manche Sendungen
hatten sechs Millionen Zuschauer, aber der Künstler verkauft nachher
nur noch 50.000 CDs – das steht in keiner Relation.
Man ist nur ein ProduktWarum klappt es im Ausland, aber nicht bei uns?Martin Kesici: In erster Linie wird dort der Künstler länger aufgebaut.
Da wird auch mal schnell getourt. Hinzu kommt, dass die Deutschen ein
Volk sind, das anderen nur widerwillig Erfolge gönnt. Natürlich werden
wir nicht nur beschimpft auf der Straße, aber es kommen doch ab und an
hämische Kommentare: "Na, hast es nicht geschafft, jetzt musste wohl
doch wieder arbeiten gehen!"
Millionen Teenager träumen von Millionengagen: Wie reich seid ihr letztlich geworden?
Markus Grimm: Martin hat beispielsweise 150.000 Euro Siegprämie
bekommen. Man darf dabei nicht vergessen, dass man davon zur Hälfte das
Musikvideo und die Bühnenoutfits bezahlt. Für mich konnte ich
herausziehen, dass ich reich an Erfahrungen und Bekanntheit geworden
bin – aber nicht an Geld. Ich weiß jetzt, wie das Ganze im Hintergrund
abläuft, wie
Marketing und Verkauf funktionieren und dass man letztlich
nur noch ein Produkt ist. Man wird verkauft.

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Markus
Grimm, Martin Kesici: "Sex, Drugs & Castingshows. Die Wahrheit über
DSDS, Popstars & Co." (Riva-Verlag, 432 S., 17,90 €)
Jörg Oberwittler arbeitet als junger Journalist in Berlin.
Foto Martin
Kesici: ©Marcus Ewers
Foto Markus Grimm: ©Sami Khatib
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