Die Türen stehen offen, die Jugendlichen stürmen rein. Auch dieses Jahr sind es wieder über tausend, die sich zu jugendpolitischen Themen im Berliner Abgeordnetenhaus äußern wollen, hundert Projekte stellen auf den Fluren des prunkvollen Gebäudes aus, knapp vierzig Abgeordnete stehen den Jugendlichen Rede und Antwort. Im Plenarsaal übergibt der Vize-Präsident des Abgeordnetenhauses, Uwe Lehmann-Brauns, das Haus an die Jugendlichen: Seine Einleitung ist kurz, die Situation scheint für ihn ungewohnt.
Wo sonst die Fraktionen sitzen und Abgeordnete diskutieren, springt plötzlich ein Poetry Slamer namens Temye Tesfu auf und legt eine poetische Einlage zur Krise und Kultur hin. Eine Jazz-Band steht am Rande und wirbelt, Jugendliche klatschen und blicken erwartungsvoll in den Saal. Lehmann-Brauns bleibt trocken, gibt sich gelassen, er wünscht sich eine "Streitkultur und Erkenntnisse", sagt er. Es sei "schwer in der Politik heute zu wirklichen Erkenntnissen zu kommen", es gebe "tausende von Meinungen". Und auch die Themen seien kompliziert. Umso mehr dankt er den "Initiatoren und den Machern" dieser Veranstaltung.
Von "A" wie Alkoholexzesse bis "Z" wie Zukunftsvisionen
Das Berliner jugendFORUM ist die größte jugendpolitische Veranstaltung in der Hauptstadt. Insgesamt neun Diskussionsrunden standen an diesem Samstag auf der Agenda. Von "A" wie Alkoholexzesse über "G" wie Gerechte Gesellschaft bis hin zu "Z" wie Zukunftsvisionen in der Bildungspolitik. Wohin steuern wir? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Diskussionsrunde zu den Bildungsstreiks und den Schulreformen. Wie viel Kopftuch braucht die Stadt?, fragte eine weitere Diskussionsrunde über Integration in Berlin: Wie kann man Vorurteile abschaffen, und wie stark sind die beruflichen Perspektiven eingeschränkt, wenn man ein Kopftuch trägt? Eine Mehrheitsgesellschaft, die für jegliche Religionen und Ethnien offen sein will, sollte Brücken in dieser Gesellschaft schaffen, das war Konsens.
Aufstieg und Chancengleichheit spielen auch im Raum 309 eine Rolle: arme Eltern, arme Kinder: Was tun? Für die Jugendlichen scheint das ganz klar zu sein: Der Aufstieg ist schwer und die Fehler liegen im System. Das Problem wird erkannt, ist aber aufgrund der Finanzen zum Scheitern verurteilt. Welche Rolle das Geschlecht in der heutigen Gesellschaft spielt, wurde wiederum unter dem Motto "Füreinander, Gegeneinander, meine Welt, dein Geschlecht: Wie gerecht ist die Gesellschaft?" diskutiert. Für Oliver Scholz von der CDU-Fraktion scheint die Gesellschaft gerecht zu sein. Fast zumindest. Einer seiner Kommentare ruft Empörung hervor. "80 Prozent der Schwulen beschweren sich nicht und fühlen sich nicht diskriminiert", sagt er. Die Jugendlichen hielten dagegen, sie wünschen sich eine Alltagskultur ohne Diskriminierung, die gebe es ja noch immer, trotz homosexueller Politiker und schwuler Showmaster in der heutigen Zeit.
Kreativität und Kultur
Auf dem 9. Berliner jugendFORUM ging es in diesem Jahr durchaus kreativ zu. Während in den Fraktionsräumen Jugendliche und Abgeordnete diskutierten, bebte der Eingangsbereich, eine Band in Masken, die Bulldogs, brachten synthiepopartigen "Dub-Step meets Cyber-Punk" und beschallten das ganze Haus. Die besten Tänzer der Stadt wollten etwas bewegen und traten auf dem "HipHopNu-Style-Battle" im Foyer gegeneinander an: Die beste Crew gewann einen Preis. Hier bezwingt Kreativität die Krise. In den Diskussionsrunden ist das nicht immer so. Im Workshop "Daten frei und Spaß dabei – die Jugend im Netz" und "Moderne Nazis, plakative Parolen: Rechtsextreme machen gegen die Demokratie mobil" geht es um die politischen Probleme der virtuellen Welt.
Während in den einzelnen Räumen an diesem Tag heiß diskutiert wird, gibt es im Foyer und im Treppenhaus Kultur live: Ehrenamtliche Projekte stellen sich vor, Jugendliche rennen
durch das Haus und informieren sich. Überall stehen Pappfiguren, es
wird getwittert, debattiert und sich vernetzt. Das Kulturprogramm ist
laut, für die Diskutierenden oftmals zu laut. Es macht das Diskutieren
und Informieren an diesem Tag schwierig. Das, was heute geschieht, "finde ich sehr gut und auch, dass sich gerade die Jüngeren des Themas
Krise annehmen. Ich hoffe sehr, dass es euch Jüngeren heute gelingt
etwas herauszuarbeiten, das uns allen hilft", fügt der 71-jährige
CDU-Politiker Lehmann-Brauns hinzu.
Das Berliner jugendForum will die oftmals als politikverdrossen
geltende Jugend an die Politik heranführen. Ein schweres Unterfangen,
das Haus ist zwar voll, aber es sind in der Regel engagierte
Jugendliche, junge Leute, die an diesem Tag vor Ort sind, die in
irgendeiner Weise in die Veranstaltung eingebunden sind. Einmal im Jahr
gibt es in Berlin die Gelegenheit zum offenen Diskurs zwischen Jugend
und Politik. Was aber folgt daraus? Was passiert an den restlichen 364
Tagen? Die Jugendlichen des Berliner jugendForum haben sich der Politik
zumindest an diesem einen Tag im Jahr zugewendet. "Heute
sind wir hier nur Beiwerk, und das ist auch gut so", findet
Lehmann-Brauns. Und wenn der eine oder die andere die Gelegenheit
nutze, um "uns mal im Abgeordnetenhaus zu besuchen, dann ist das ein
Beitrag zur Nachhaltigkeit".
Mimoza Troni, 21, ist Redakteurin von www.polli-magazin.de und studiert Politik und Geschichte an der Universität Potsdam.
Fotos: Jens Thomas
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