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Peaches

Multiple Provokationen

14.11.2009 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Berlin, Frontstadt der harten elektronischen Klänge, Anfang der 1990er-Jahre. Die kanadische Musiklehrerin und Theaterregisseurin Merrill Nisker landet wie eine Außerirdische mit extraterrestrischer Mission im Experimentierfeld der nachmitternächtlichen Livegigs. Mit ihrer Band The Shits, zusammen mit den Exilkanadiern Gonzales, Sticky und Mocky, wurde sie berühmt-berüchtigt mit Shows zwischen Punk und Peepshow. Als Merrill Nisker veröffentlichte sie 1995 "Fancypants Hoodlum", 2000 kam dann der internationale Durchbruch mit der Kunstfigur Peaches und dem Album "The Teaches of Peaches". Geschlechterrollen und -festschreibungen gelten für Peaches nicht, sie sind eher ein gefundenes Fressen für die Künstlerin, um sich lustig zu machen und sich und das Publikum zu amüsieren.

International Playgirl

Mit Beginn des neuen Jahrtausends erstellt Peaches Remixe für Daft Punk, The B52's, Le Tigre und Basement Jaxx und singt zusammen mit Künstlern wie Iggy Pop, Gonzales oder Pink. Neben Pink ist angeblich Madonna ein großer Peaches-Fan, Karl Lagerfeld schießt eine Fotoserie mit ihr, Schauspieler und Regisseur John Malkovich engagiert sie für sein Filmprojekt "The Hideous Man". Mit "Fuck the Pain away" liefert Peaches einen Soundtrack für "Lost in Translation" sowie  für "Jackass 2". Und Björk,  die Queens Of The Stone Age und Gruftiepapa Marilyn Manson verpflichten Peaches als Support ins Vorprogramm.

Ob Peaches nun mit dem Wechsel vom einstigen Berliner Pionierlabel Kitty-yo zu Sony – bei Kitty-yo regierte der Pleitegeier – sich am kommerzielleren Publikumsgeschmack orientiert, mag dahingestellt bleiben. GAP, der Bekleidungsladen für die ganze Familie, verwendete ihr "Do ya" für eine Werbekampagne im Herbst 2006. Mit ihrem diesjährigen Album "I feel cream" geht Peaches in Richtung Dancefloor zusammen mit Produzententeams wie Simian Mobile Disco und Digitalism. Dieser Dancefloor ist und bleibt ein dreckiger, abgerockter in einem Club, in den nur richtig böse Jungs und Mädchen Einlass haben.

Denn ihre Live-Gigs sind alles andere als eine Teenie-kompatible Veranstaltung. Ihre Kostüme erinnern an die Ausstaffierungen mexikanischer Wrestlermeister oder sie zeigt sich im rosa Latexhöschen als brüllende Furie, die ihre Zuhörer/innen anbrüllt: Schüttelt eure Titten und Schwänze! Ihre Lyrics sind verlässlich auf Krawall gebürstet und ein wenig lässt sich die Parallele ziehen zum bürgerlichen Abendpublikum im Provinztheater, das mittels offensiv provokanter Darstellungen in seinem Wertesystem mehr oder minder zielsicher erschüttert werden soll – wären da nicht die unglaubliche Energie und Verausgabung, die Seele, die sich Peaches bei ihren Auftritten aus dem Leib kotzt, gepaart mit einem heillos selbstzerstörerischen Zynismus, die sie zu einer großen Künstlerin machen. 

Die Kanalisation der Gefühle, zwanzig Jahre später

Ob Peaches ähnlich wie Iggy Pop im Rentenalter weiterhin auf der Bühne zu sehen sein wird? An die Stelle des provokanten Themas "Sex" trete nun das provokante Thema "Alter", so die dreiundvierzigjährige Peaches im Interview. Und natürlich die Kombination "Sex im Alter", denn gerade unter Musikern/innen sei die Angst vor dem Älterwerden weit verbreitet: "Ich bin eine relevante Künstlerin, die älter ist. Das ist selten, aber es ist cool. Altern kann cool sein. Ich rappe und singe darüber auf meinem Album. Ich sage: 'Lick my crow's feet!'"

Silke Kettelhake ist fluter.de-Redakteurin und freie Autorin.

Fotos: ©Holger Talinski


www.peachesrocks.com
Die Website von Peaches

www.freelens.com/holger-talinski
Die Website des Fotografen Holger Talinski




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