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Reizende Städte

Schon vor 100 Jahren suchten Städter ländliche Ruhe

8.5.2006 | Robert Pitterle | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Als Ernst Reuter 1913 in Berlin eintraf, war er erst einmal abgestoßen. "Berlin ist mir höchst unsympathisch. Staub und entsetzlich viele Menschen, die alle rennen, als ob sie die Minute 10 Mark kostete", schrieb er seinen Eltern. Der junge SPD-Aktivist konnte damals noch nicht ahnen, dass er 35 Jahre später selbst zum Helden dieser Hektiker/innen aufsteigen würde: als Regierender Bürgermeister des Westteils der im Zweiten Weltkrieg zerbombten Hauptstadt. Während der sowjetischen Blockade 1948/49 machte er den Berlinern/innen mit seinen Auftritten Mut.

Schon zur Zeit von Ernst Reuters Ankunft war Berlin kein besonders beschaulicher Ort. Seine Klagen waren nicht nur die eines vollkommen überforderten Provinzlers. Von 1815 bis zur Jahrhundertwende war die Einwohnerzahl von 197.000 auf rund drei Millionen gestiegen. Das lag an der Eingemeindung umliegender Kommunen, aber auch am Sinken der Sterblichkeit. Fortschritte in Medizin und Hygiene hatten das Leben in den Städten sicherer gemacht. Außerdem strömten im ausgehenden 19. Jahrhundert immer mehr Menschen vom Land in die Großstädte, um dort Arbeit zu suchen. Viele Arbeiterfamilien drängten sich in Mietskasernen, die die berüchtigten "tenements" in den Boomstädten der USA an Schäbigkeit und Stickigkeit noch übertrafen. Tatsächlich war Berlin zu dieser Zeit die am dichtesten bevölkerte Stadt aller Industrienationen weltweit.

Fortschritt ohne Grenzen

In der Industrialisierung war Deutschland im europäischen Vergleich lange Zeit ein Nachzügler gewesen, doch seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte es aufgeholt. Nach der Reichsgründung 1871 zog das wirtschaftliche Tempo deutlich an, nach 1900 schien es kein Halten mehr zu kennen. In den Fabriken schufteten die Arbeiter/innen im Akkord, während die behäbigen Geschäftsmänner des Kaiserreichs durch das "Hetzen und Jagen" und den "Kampf ums Dasein", so die damals populären, bei Darwin entlehnten Schlagworte für den gestiegenen Konkurrenzdruck, ins Schwitzen kamen. Eine dichte Folge von epochalen technischen Erfindungen – Telefon (1876), elektrische Glühlampe (1879), Auto mit Benzinmotor (1884), Röntgenstrahlen (1895) – ließ zudem den Glauben aufkommen, dass der Beschleunigung des Fortschritts keine Grenze mehr gesetzt war.

Selbst die Unterhaltung schien sich diesem Rhythmus zu unterwerfen. So erklärte der Komponist Hermann Kienzl den Siegeszug des Kinos nach der Jahrhundertwende damit, dass "die Großstadtseele, diese ewig gehetzte, von flüchtigem Eindruck zu flüchtigem Eindruck taumelnde, neugierige und unergründliche Seele so recht die Kinematographenseele ist". Der Großstädter sei "an Nervenreize gewöhnt wie der Arsenikesser an sein Gift". Die Sucht nach immer mehr Stimulation würden nun die bewegten Bilder befriedigen.
Dass sich seine Zeitgenossen an die "Steigerung des Nervenlebens" in den Städten gewöhnen könnten, dachte auch der Sozialphilosoph Georg Simmel. In einem Aufsatz über "Die Großstädte und das Geistesleben" schrieb der bekennende Berlin-Fan 1903, Großstädter/innen und Landmenschen seien psychologisch deswegen komplett unterschiedlich organisiert. Wer in der Provinz lebe, bei dem seien die "unbewussteren Schichten" der Psyche aktiv: ausgerichtet auf einen gemächlicheren Gang der Dinge. Landbewohner/innen, aber auch Kleinstädter/innen seien auch eher dazu bereit, tiefe emotionale Beziehungen einzugehen. Auf eine ausgeprägte Individualität würden sie indes mit Abneigung reagieren. Beim Großstadtmenschen dominiere dagegen der Verstand, den Simmel an den "durchsichtigen, bewussten, obersten Schichten der Seele" lokalisierte. Dort diene der Verstand als "Schutzorgan" und nehme dem Durcheinander und der schnellen Abfolge von Sinneseindrücken, die dem Einzelnen auf der Straße, in Beruf und Sozialleben zustoßen, ihre Nervenkräfte-zehrende Intensität – indem er ihnen ganz einfach eine gefühlsmäßige Anteilnahme versagt. Die freiere Stadtluft bezahlte man für Simmel mit einer emotionalen Verarmung.

Viele Zeitgenossen des Philosophen waren sich allerdings nicht so sicher, ob ihre Anpassung ans Großstadtleben gelungen sei. Sie fühlten sich überfordert, und manche wurden krank. Anstatt von einer kontrollierten Steigerung des Nervenlebens zu profitieren, schienen sie an dessen Schwächung zu leiden. Die Konsequenzen waren totale Erschlaffung oder ziellose Hyperaktivität oder gar beides zusammen: "Reizbare Schwäche" hieß das in der Sprache der Mediziner und galt als das Krankheitsbild der so genannten "Neurasthenie", griechisch für "Nervenschwäche". Diese Modekrankheit, zunächst als Plage von Künstlern/innen und anderen empfindsamen Gemütern betrachtet, breitete sich von den 1880er-Jahren bis zum Ersten Weltkrieg epidemisch aus. Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Impotenz, alle mögliche Beschwerden, für die man keine körperliche Ursache fand, konnten Symptome einer Neurasthenie sein.

Nervenschwäche, Willensschwäche

Wie Joachim Radkau in dem Buch "Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler" (1998) schreibt, waren sich die damaligen Nervenärzte nicht einig, ob die nervösen Symptome tatsächlich Folge des "modernen Lebens" waren. Gemäß der damals verbreiteten "Degenerations"-Lehre konnten sie auch vererbt sein, etwa als Nachwirkung der Geschlechtskrankheit eines Großvaters, die das Erbgut seiner Nachkommen geschädigt hatte. Die Betroffenen jedenfalls flüchteten die unruhigen Städte: auf das Land, an die See oder gar in die Vormoderne – in romantische Fantasien von einem Mittelalter, wo es angeblich harmonischer zugegangen war.

Um 1900 war der Glaube an die heilende Wirkung einer "Ruhekur" ins Wanken geraten. Die säbelrasselnde Kolonial- und Rüstungspolitik von Kaiser Wilhelm II., der immer unter Hochdruck zu stehen schien, gab den Ton an. Da wollten auch viele Nervöse nicht hintan stehen: Sie drängten aus den langweiligen Sanatorien und hin zu verwegenen Taten. Nervenschwäche galt auf einmal als Willensschwäche – dagegen half in erster Linie Abhärtung. Zum Beispiel durch ausgedehnte Fahrradtouren in der freien Natur, die aufgrund der damals schlechten Landstraßen durchaus zur Tortur ausarten konnten. In der Studie "Nervosität und Radfahren" (1898) des Berliner Arztes Arthur Kann hieß es folglich über das Radeln: "Mut und Kaltblütigkeit bilden sich aus, und der kraftlose Schleicher verwandelt sich in ein stolzen und erhobenen Hauptes dahinschreitendes Menschenkind."

Romantik am Lagerfeuer

Auch der Schriftsteller Eduard Bertz, der Anfang der 1880er-Jahre sein eigenes Nervenleiden in einer von Sozialreformern gegründeten Landkommune in Tennessee auskuriert hatte, pries in seiner "Philosophie des Radfahrens" (1900) selbiges als "Schule der Mannhaftigkeit". In den Städten drohe "Entartung", da sei es schon im Sinne einer "Veredelung der menschlichen Rasse", dass viele sich aufs Rad schwingen. Eine Nation auf Zweirädern: für Bertz eine Lösung des Stadt-Land-Konflikts: "Die Stadt kommt ins Dorf, das Dorf kommt in die Stadt, die Trennung hat aufgehört, das Volk wird eins." Wie Joachim Radkau anmerkt, lag das heroische Getöse vieler Sportsfreunde nicht zuletzt daran, dass sie schon im reifen Erwachsenenalter waren, als sie sich erstmals aufs Rad wagten.

Die Jugend machte sich derweil zu Fuß auf den Weg. Schülergruppen, organisiert in Vereinen wie dem Wandervogel, durchstöberten seit den 1890ern die freie Natur auf der Suche nach einer heilen Welt. Die fanden sie als freiwillige Erntehelfer/innen, in Lagerfeuerromantik und in Gruppenerlebnissen, die die auf Profit versessene Erwachsenenwelt vergessen machten. Der Erste Weltkrieg tat dieser Bewegung keinen Abbruch. Auch hinterher hieß es: Wer Teil einer Jugendbewegung sein wollte, der kehrte dem Stadtleben den Rücken zu; den hielt er aufrecht beim Marsch durch Wiesen und Täler, ein Volkslied auf den Lippen. Bis zum befreienden Hüftschwung von Elvis Presley war es noch ein weiter Weg.

Robert Pitterle lebt als freier Autor in Berlin.


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