"Hamburg" ist eines der wenigen großen Lieder, die von der neuen deutschsprachigen Popwelle der vergangenen Dekade übrig geblieben sind. Ein elegisches Riesenvieh von einem Gitarrenstück, das jedem noch so abgebrühten Jetztmenschen wenigstens für fünf Minuten einen nostalgischen Schauer über den Rücken jagt. Verdächtig, wie diese Musik immer noch funktioniert! Christiane Rösinger und Almut Klotz gründeten ihre Band mit dem peinlichen Namen Lassie Singers bereits 1988 und lösten sie zehn Jahre später pünktlich zum Bandjubiläum auf. Obwohl die Lassies immer eine Berliner Gruppe waren, wurden sie spätestens nach diesem 1992 veröffentlichten Stück fast schon zwingend für eine typische Hamburg-Band wie Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic gehalten.
Zu abwegig schien die Möglichkeit, eine solche Liebeserklärung an die "eitle Hanse" sei anderswo als vor Ort geschrieben worden. Auch wenn die Lassies also gern zur Hamburger Schule gezählt wurden, so erfolgreich wie ihre deutschrockenden Kollegen waren die Berlinerinnen leider nie. Vielleicht lag das auch daran, dass diese Band sich nicht mit der poetischen Verrätselung der Wirklichkeit beschäftigte, sondern lieber Lieder über die Rätsel des ganz normalen Alltags produzierte.
Urzeitfunde im Werratal
Und so handelt "Hamburg" in der Hauptsache auch gar nicht von Hamburg, sondern davon, wie langweilig das "glamouröse" Leben auf Tournee zwischen Frankfurt, Köln, Hamburg und – nun ja – Monheim am Rhein eigentlich ist. Rumfahren und Kassette umdrehen. Was bei nüchterner Betrachtung des Musikerlebens übrig bleibt, ist eine leicht verkaterte Hymne auf das langweilige Dasein zwischen den Orten. "Nur weil wir keine Ausbildung haben, machen wir den ganzen Scheiß." Sobald man die Instrumente im Bandbus verstaut hat, geht es los und immer weiter.
Pausen sind nicht drin und auch der verlockende Baggersee muss links liegen gelassen werden, schließlich gilt: "Um fünf Uhr müssen wir da sein." Aussteigen, Aufbauen und Soundcheck. Vielleicht könnte man nach dem Konzert dann noch zu diesem mexikanischen Restaurant gehen, das man von der letzten Tour her kennt. Auf der Fahrt zum nächsten Gig fliegen dann vorstädtische Einkaufszentren mit ihren amerikanischen Spielzeugdiscountern vorbei, weidende Kühe ebenso wie touristische Hinweisschilder auf "Urzeitfunde im Werratal".
Wo die großen Schiffe schlafen
Es herrscht milde, leicht vernebelte Verwunderung über das Leben hier draußen. Das ganze Unternehmen scheint grundsätzlich von einer gewissen Unlust begleitet: "Wie viele Tage müssen wir noch?" Obwohl vorerst kein Ende in Sicht ist, äußern die Dienstreisenden in Sachen Rock einen nicht erfüllbaren Wunsch: "Ach, ich will nach Hause." Immerhin findet dann doch noch eine Pause an der legendären Raststätte Frankenhöhe statt: Bratwurst, Schweinebraten und "Schnitzelalarm".
Der einzige Lichtpunkt über den Mühen der Provinz scheint hier das "alte Hamburg" zu sein, die "sexy Schatzstadt", die im Refrain besungen wird. Wo "unten am Hafen", das wusste der hier zitierte elektrische Liedermacher Bernd Begemann, die großen Schiffe schlafen. Hier zieht es diesen Song hin, zu den Lichtern von St. Pauli, zur dort beheimateten Bar Sorgenbrecher, vorbei an den in "Skianzüge" gekleideten Huren am Hans-Albers-Platz. Wie die Lassies auf die Fleischfabrik "Annuss Fleisch" gekommen sind und was es mit den "Frühstückstyrannen" auf sich hat, könnte uns wohl nur Christiane Rösinger erklären. Doch die ist gerade wieder mit ihrer alten neuen Band Britta auf Tournee.
Kito Nedo (30) lebt als freier Autor in Berlin.
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