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Generation der Heimatlosen

Integration braucht Bildung

4.5.2006 | Anne-Ev Ustorf | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Nasser Mebarak ist ein glänzendes Beispiel für eine gelungene Integration. Mit seinen Baggy Jeans, Sneakers und dem zartrosa Sweatshirt sieht der 18jährige aus wie die meisten Jungs in seinem Alter. Der Libanese spricht deutsch mit einem Hamburger Slang. Er ist ein Fußballcrack, spielt Verbandsliga in einem Verein im Norden Hamburgs und gilt als großes Mittelfeldtalent. Wenn Nasser sich nicht verletzt, könnte ihm sogar eine Profikarriere offen stehen. Seine Mitspieler nennen ihn den "Meballack der Hamburger Verbandsliga". Doch darüber will sich Nasser lieber keine Gedanken machen. Er hat das Pläne schmieden längst aufgegeben. Denn in einem Punkt unterscheidet sich Nasser von seinen Mitspielern: Der Libanese ist in Deutschland nur geduldet.

Seit fünfzehn Jahren lebt Nasser mit seiner Familie in einem Flüchtlingswohnheim am Stadtrand von Hamburg und führt hier ein Leben auf Zeit - obwohl Deutschland längst seine Heimat ist. Er hat keinen Pass, keinen festen Aufenthaltsstatus, darf nicht das Land verlassen und nach der Schule keine Ausbildung beginnen. Nasser besucht die Handelsschule und ist einer der wenigen Jugendlichen aus seinem Viertel in Hamburg-Billstedt, die überhaupt noch zur Schule gehen. "Die meisten gehen nach der neunten Klasse ohne Abschluss von der Schule ab", erklärt Nasser und zuckt dabei mit den Schultern, "viele meiner Kumpels meinen, es hat sowieso keinen Sinn, weiter zur Schule zu gehen. Sie sind ja nur geduldet und dürfen eh keine Ausbildung machen." Sie hängen tagsüber auf der Straße herum - ohne Perspektiven und ohne Geld.

Frust und Wut

Nasser plant, nach der Handelsschule die Höhere Handelsschule zu besuchen - wenn er schon keine Ausbildung machen darf, will er sich wenigstens weiterbilden. Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er irgendwann vielleicht doch einen deutschen Pass bekommt. Sein Anwalt setzt sich dafür ein, seine Freunde im Verein unterstützen ihn, seine Lehrer bearbeiten die Behörden. Manchmal ist er trotzdem kurz davor, alles hinzuschmeißen. Wenn er davon erzählt, wird er wütend. "Ich meine, was soll ich denn noch alles machen?", ruft er "Ich bin gut in der Schule, ich habe keine Polizeiakte, ich spiele Fußball ... warum geben die mir nicht wenigstens einen Reisepass?".
Vor wenigen Wochen erschütterte der Skandal um die Berliner Rütli-Schule das Land. Politiker, Psychologen und Pädagogen diskutierten über die misslungene Integration von Migrantenfamilien, redeten sich die Köpfe heiß über die Eskalation der Gewalt an deutschen Schulen. Was bei der ganzen Diskussion allerdings häufig vergessen wurde, ist die Tatsache, dass sich viele ausländische Kinder und Jugendliche in Deutschland überhaupt nicht integrieren dürfen. Von den 230 000 Flüchtlingen, die in Deutschland geduldet sind, leben nach Schätzungen der Organisation "Pro Asyl" rund 150 000 schon länger als sechs Jahre im Land. Viele Familien sind seit zehn, fünfzehn Jahren hier, ihre Kinder sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Dennoch führen sie ein Leben auf Abruf: Weil sie ständig damit rechnen müssen, irgendwann wieder weg zu sein, bleibt ihnen die neue Heimat fremd. Die Erwachsenen dürfen nicht arbeiten, die Kinder keine Ausbildung beginnen. Die Kinder leben in einer Zwischenwelt: Deutsche sind sie nicht, Ausländer auch nicht. Sie sind eine Generation der Heimatlosen.

Wie Nasser leben die meisten Flüchtlingsfamilien am Rande der Stadt - dort, wo niemand wohnen will, in Hamburger Problembezirken wie Billstedt, Billbrook oder Wilhelmsburg, an Ausfallstraßen oder in Industriegebieten. Weil immer weniger Asylanten Zuflucht in Deutschland suchen, wurden in den vergangenen Jahren viele Unterkünfte in Hamburg geschlossen - und zwar in den bürgerlicheren Stadtteilen wie Altona, Poppenbüttel, Blankenese und Klein Flottbek. Die Stadt hat auf den Grundstücken nun Einfamilienhäuser gebaut und Parks angelegt, die Flüchtlingsfamilien, wurden an den Rand Hamburgs verfrachtet.

Raus aufs Land

Wie fatal diese Entwicklung sein kann, zeigt sich im Hamburger Stadtteil Veddel, einem traditionellen Einwandererviertel auf einer kleinen Elbinsel neben dem Freihafen, wo rund achtzig Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben. Ein Drittel der Veddeler Schüler geht ohne Abschluss von der Schule Slomannstieg ab, sieht keinen Sinn darin, sich weiter zu quälen. Hiltrud Kneuer leitet die Schule seit vier Jahren. Sie hat lokale Unternehmen wie die Norddeutschen Affinerie dazu bewegt, Schüler Praktika machen zu lassen, um überhaupt eine Motivation für einen Schulabschluss zu schaffen. Manchmal klappt es: Aus dem aktuellen Hauptschuljahrgang haben drei Schüler eine Lehrstelle, einem weiteren ist ein Ausbildungsvertrag sicher. "Das ist schon viel", sagt Hiltrud Kneuer, "mehr als in den letzten Jahren". Dr. Francine Lammar von Veddel Aktiv e.V., weiß, warum die Kinder der Migranten auf der Veddel solche Schwierigkeiten haben: "Jahrzehntelang hat man den Migranten hier gesagt, dass man sie nicht will, nicht mal Deutschkurse wurden ihnen finanziert", sagt sie, "und irgendwann wollten viele Menschen dann auch nicht mehr in dieses Land hineinwachsen. Sie lebten lieber in ihrer Parallelgesellschaft. Das Ergebnis ist, dass auch ihre Kinder sich nicht zugehörig fühlen und sich verweigern. Sie gehen nicht zur Schule und haben dann keine Chance auf dem Arbeitsmarkt."

Inzwischen werden viele Flüchtlinge nicht mehr am Rand der Städte, sondern in Sammellagern auf dem Land untergebracht. Im niedersächsischen Bramsche-Hespe findet sich auf dem Feld ein stacheldrahtumzäuntes Flüchtlingslager, die Stadt Schwerin klagt über leerstehende Wohnungen, bringt aber dennoch ihre Asylsuchenden in ein Sammellager am äußersten Stadtrand unter. Im Wald bei Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern eröffnete das Bundesland gemeinsam mit dem Stadtstaat Hamburg in einer ehemaligen NVA-Kaserne eine "Landesgemeinschaftsunterkunft" für bis zu 500 Flüchtlinge. Der nächste Ort ist Kilometer entfernt, für die Asylsuchenden gibt es im Lager nicht die Möglichkeit, ihre Kinder in eine deutsche Schule zu schicken. Doch was ist, wenn die Flüchtlinge länger in Deutschland bleiben, vielleicht eine Aufenthaltsgenehmigung oder sogar Asyl gewährt bekommen? Dann haben sie wertvolle Jahre in den "Dschungelcamps", wie die Unterkünfte von ihren Bewohnern genannt werden, verschenkt. Viele werden sich dann längst abgewendet haben von der deutschen Gesellschaft - und Jungs wie Nasser sind dann wahrscheinlich eher die Ausnahme.

Anne-Ev Ustorf ist freie Journalistin in Hamburg


www.bpb.de/Zuwanderung_nach_Deutschland und www.bpb.de/Normalfall_Migration
Deutschland ist ein Einwanderungsland, auch wenn es sich ein halbes Jahrhundert um diesen Begriff herumgedrückt hat. Worin liegen die Ursachen und Gründe für Migration? Welche unterschiedlichen Formen existieren? Und wie wichtig ist der Aspekt der Integration?

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