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Georges Perec: Anton Voyls Fortgang

Ohne geht's auch!

17.6.2011 | Fabian Wolff | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Georges Perec

Georges Perec

Das E ist der häufigste Buchstabe in der deutschen Sprache. Allein im ersten Satz dieses Textes kommt er achtmal vor. Sprechen und schreiben ohne E: undenkbar. Im Roman "Anton Voyls Fortgang" (1969) von Georges Perec erscheint der Buchstabe aber nicht ein einziges Mal. "Danach ging Anton zum Kühlschrank, macht ihn auf, nahm Milch raus, schön kalt, trank langsam, Schluck um Schluck. Danach war Anton ruhig. Bald darauf saß Anton aufm Sofa und las flüchtig das Mittagsblatt vom Tag zuvor." Gar nicht mal so unclever, wie Perec da vom Präteritum in das Präsens wechselt, um das Wort "machte" zu vermeiden. Und um Tricks wie "aufm" oder "'n" kommt er wohl nicht herum. So geht das 363 Seiten lang. Ist das die Art von Literatur, mit der sich gelangweilte Autoren die Zeit vertreiben? Nein. Bitterer Ernst.

Neuerzählung alter Geschichten

Georges Perec (1936-1982) war ein Mitglied des Autorenkreises Oulipo ("Ouvroir de Littérature Potentielle", Werkstatt für potentielle Literatur). Oulipo, das inzwischen seit 50 Jahren besteht, basiert auf der Einsicht, dass bereits alles erzählt wurde.

An dieser Erkenntnis ist auch Georges Polti schuld, ein französischer Autor, der die "36 dramatischen Grundsituationen" definierte (das Buch erschien 1916 auf Englisch): zum Beispiel, dass ein Rätsel gelöst oder ein Verbrechen gesühnt werden muss, dass sich zwei Brüder streiten oder dass sich Liebende einem Hindernis gegenüber sehen. Andere Geschichten als die 36, so Polti, der dafür eingehend die Literaturgeschichte studiert hatte, gibt es nicht.

Und jetzt? Müssen die alten Geschichten neu erzählt werden, immer und immer wieder. Dort setzt Oulipo an. Mithilfe von Schreibeinschränkungen sollen Strukturen und Muster entstehen, innerhalb derer Grenzen ein neues Schreiben möglich ist. Der Autor kann nach Belieben wählen. Er kann, wie Perec in "Anton Voyls Fortgang", sich für einen Text einen bestimmten Buchstaben verbieten. Dann entsteht ein so genanntes "Lipogramm". Oder er kann jedes Nomen durch das siebte Wort ersetzen, das danach im Wörterbuch vorkommt. Oder in Palindromen schreiben – Wörtern oder Sätzen, die vorwärts wie rückwärts gelesen das Gleiche bedeuten.

Literaturlabor

Ausschnitt aus ''Oulipo Gebrauchsanweisung''

Ausschnitt aus ''Oulipo Gebrauchsanweisung''

Der Versuch, durch Einschränkungen neue Freiheiten für die Kunst zu gewinnen, hat im 20. Jahrhundert Tradition – Beispiele dafür sind die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg oder das "Dogma 95"-Manifest, zu dessen Erstunterzeichnern unter anderem die Filmregisseure Thomas Vinterberg und Lars von Trier gehörten.

Und so wie die "Dogma"-Bewegung begann auch Oulipo als scherzhafter Ernst. Gegründet wurde der Kreis von Raymond Queneau und Francois Le Lionnais. Der Schriftsteller Queneau erzählt in seinem Buch "Exercises de Style" (1947) die gleiche banale Geschichte in 99 Variationen; mal in Telegrammform, mal als Freiversgedicht: Mann begegnet anderem Mann, erst im Bus und dann zwei Stunden später am Bahnhof. Le Lionnais hingegen war Chemiker und Mathematiker. Aus diesem Spannungsfeld zwischen Kunst und Wissenschaft erklärt sich die Idee von Oulipo.

Ein Oulipo-Text ähnelt einem Experiment. Es gibt einen Versuchsaufbau – die "Schreibregel" – und immer die Fragestellung, ob so Literatur entstehen kann. Dann führt der Autor oder die Autorin den Versuch durch und ist gespannt, was dabei entsteht.

Aus Perecs Experiment mit "Anton Voyls Fortgang" ist eine albtraumhafte Kriminalgeschichte entstanden. Anton leidet an Schlaflosigkeit und begibt sich in eine Klinik. Seine Freunde sind über sein Verschwinden bestürzt und machen sich auf die Suche. Todesfälle häufen sich, ausgelöst durch das Aussprechen des verbotenen Buchstabens e. Der Autor selbst taucht in seinem Roman auf. Geschichten, die Anton geschrieben hat, sind im Roman verstreut, ebenso Texte von anderen Schriftstellern. Ein einziges Tohuwabohu, und trotzdem läuft alles streng nach einer einzigen Regel ab.

Vision eines Pogroms

Oulipo wollte mehr sein als nur ein Spiel, mit dem man das Handwerk des Schreibens lernt, oder als eine postmoderne Fingerübung, bei der l'art-pour-l'art-Literatur entsteht – Literatur, die keine Bedeutung über die eigene Ästhetik hinaus hat. Es geht um neue Geschichten in einer neuen Welt; darum, Ordnung in das Chaos der Sprache zu bekommen.

Denn irgendetwas, so stellt Anton Voyl in dem Roman fest, fehlt der Welt. So lustig sich das erst einmal anhört – ein Roman ohne E –, so traurig ist das Ergebnis. Es geht um Verlust und um Tod. Der Roman beginnt mit Pogromvisionen: "Bald danach, so ausfällig war das Volk, griff man sogars Muslims aus Nordafrika an und natürlich Buchsbaum und Abrahams und was sonst noch jüdisch war." Perec selbst war Jude, seine Eltern starben in der Shoa. Hier sind ein paar Worte, die man ohne E nicht schreiben kann: Vater. Mutter. Georges. Leben.

Georges Perec: Anton Voyls Fortgang (Zweitausendeins 1986, Rowohlt 1991, übersetzt von Eugen Helmlé, vergriffen, erhältlich bei zvab oder auch über bookcrossing)

 

 

Fabian Wolff ist Student und freier Autor und lebt in Berlin.

Foto oben: Verlag

Foto unten: Ausschnitt aus "Oulipo Gebrauchsanweisung" von Jean-Claude Guidicelli und Frédéric Forte (©Docside Production, Forum des Images)



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