„Eine Sprache muss sich ständig ändern“

Ein Sprachforscher steht Rede und Antwort

30.8.2011 | Oliver Gehrs | Artikel drucken
Was richten E-Mails und SMS mit unserer Sprache an? Warum sprechen immer mehr Afrikaner Chinesisch, und wie kann man sich unterhalten, ohne dass es die Eltern verstehen? Keine Frage: Wir müssen dringend reden. Ein guter Gesprächspartner ist der Sprachforscher Harald Haarmann

Den Sprachwissenschaftler Harald Haarmann, 64, zu erwischen, ist nicht ganz einfach – schließlich ist er ständig rund um die Welt unterwegs, um dem Rätsel der Sprachen auf die Spur zu kommen. Eben noch in Kalifornien unterwegs, meldete er sich plötzlich von den Fidschi-Inseln. Nach Finnland, wo man ja eine äußerst interessante Sprache mit einer geballten Häufung von Umlauten spricht, zog er aber nicht der Wissenschaft wegen – sondern weil er sich einst in eine Finnin verliebt hatte. Obwohl er die Sprache damals noch gar nicht so gut konnte.

fluter: Wie kam die Sprache überhaupt in die Welt?

Haarmann: So eine Art Big Bang wie bei der Entstehung des Universums gab es da nicht. Die Sprache kam in Schritten zu uns. Schon die Hominiden, also die frühen Menschenaffen, haben mit Händen und Füßen kommuniziert. Das waren soziale Wesen in einer Gruppe, die sich mit den anderen verständigten. Zu den Gesten kamen dann Sprachlaute hinzu – weil die Lebensbedingungen komplexer wurden und so die Ansprüche an die Kommunikation zunahmen. Wenn ich nur Nahrung sammle, reicht es, am Lagerplatz zu gestikulieren. Wenn ich aber anfange, große Tiere wie Mammuts zu jagen, dann geht das nur in der Gruppe. Das heißt, alle müssen sich darüber unterhalten, wie man die Falle baut, wer wann was macht und wie man Fleisch, Knochen und Fell später nutzt. Auch wenn man Werkzeuge herstellt, muss man den Anderen zu ihrem Gebrauch etwas erklären. Die Entwicklung der Sprache folgte also einer Art Evolutionsdruck.

Je komplizierter die Welt wird, desto komplexer wird also die Sprache?

Genau. Vor allem, wenn der Mensch damit beginnt, über andere Dinge als über das Jagen nachzudenken. Etwa darüber, wie seine Stellung in der Welt ist, oder ob es eine höhere Lenkungsmacht gibt. Heute sind es die Kinder, die diese Evolution der Sprache im Kleinen noch mal vorleben. Sie fangen bei Einwortsätzen an, und so ein Wort kann viel bedeuten. Mama kann heißen: „Hier bin ich“ oder auch: „Komm doch mal“. Oder: „Ich habe die Hosen voll.“

Es gibt über 6.000 Sprachen. Was ist überhaupt eine Sprache?

Es gibt verschiedene Kriterien, wonach man Sprachen voneinander und diese von Dialekten unterscheidet. Es geht um Unterschiede bei Lautsystem, Wortschatz und Grammatik. Wie etwa beim Deutschen und Chinesischen, die auch nicht historisch miteinander verwandt sind. Das Finnische ist ganz verschieden vom Schwedischen, weil diese Sprachen zu verschiedenen Sprachfamilien gehören. Bayerisch ist keine eigene Sprache, obwohl seine Sprecher dies gern behaupten. Das gemeinsame Band, das sämtliche Dialekte des Deutschen miteinander verbindet, ist die deutsche Schriftsprache, die alle lokalen Dialekte überdacht, und die eine Kommunikation über Dialektgrenzen hinweg