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Im Parallelverkehr

Mit dem Überlandbus von Frankfurt nach Pristina

2.7.2011 | Fabian Jellonnek | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Symbol der Unabhängigkeit des Kosovo

Symbol der Unabhängigkeit des Kosovo

Ein kurzhaariger Enddreißiger grinst mich ungläubig an, als ich in Frankfurt meinen Koffer im Bus nach Pristina verstaue: "Diese Scheiß-Tour tue ich mir nicht mehr an!" Später ruft er mir noch Glückwünsche hinterher. Er selber hat seine kosovarischen Eltern zum Bus gebracht. Ein Großteil der Passagiere im lilafarbenen Komfortreisebus ist im Rentenalter und alle außer mir scheinen kosovarische Wurzeln zu haben. Sie haben große Koffer bei sich, aber auch diese riesigen rechteckigen Plastiktaschen, weiß mit grünem, blauem oder rotem Karomuster.

Die Taschen sind typische Artikel der Globalisierung. Auf der ganzen Welt kann man sie kaufen. Keiner weiß, wo sie herkommen, aber man ahnt, dass die, die sie produzieren, kaum etwas für ihre Arbeit bekommen. Dennoch wäre es ungerecht, die Besitzer auf ihre unfaire Produktionsweise hinzuweisen. Die Taschen verraten einiges über ihre Träger: Man kauft sie in Ein-Euro-Shops. Wer auch nur ein bisschen Geld hat, den sieht man mit der artverwandten Variante aus dem schwedischen Möbelhaus.

Schicksalsgemeinschaft

Vor dem Bus wird heftig auf Albanisch gestritten. Als ich einsteige, fühle ich mich unbehaglich. Auf der Suche nach einem Platz spricht mich ein Rentner an. Wir sitzen jetzt nebeneinander und stellen uns einander vor. Ich kann mir seinen Namen nicht merken noch kann ich ihn aussprechen. Während unserer 30-stündigen Odyssee rede ich ihn daher abwechselnd mit "Du" oder "Sie" an. Er nennt mich die ersten sechs Stunden Sebastian. Dann fragt er: "Sebastian, hast du einen Spitznamen?" Ja, sage ich: "Fabi." Fortan nennt er mich so.

Bereits nach fünf Minuten hat sich Dylan, wie ich ihn jetzt mal nenne, meine Handynummer notiert. Er redet davon, mir seine Stadt Mitrovica zu zeigen. Dort hat er ein großes Haus. "Das steht jetzt leer", sagt er mit traurigem Gesicht. Seit 18 Jahren lebt er in Deutschland. Als Flüchtling ist er mit seiner Familie gekommen. Seitdem er eine Zeitlang keine Arbeitserlaubnis hatte, ist Dylan ein bekennender Fan des Sozialamts des Kreises Limburg.

Das Parlament der Republik Kosovo

Das Parlament der Republik Kosovo

Als man ihn zum Ein-Euro-Job einzog, trat er gerne an: "Da war ein Deutscher, der hat die ganze Zeit gejammert. Überleg' mal, Sebastian: Das Amt hat unsere Wohnung bezahlt, unseren Arzt, unsere Lebensmittel. Wenn du das ausrechnest, kommst du auf einen Stundenlohn von 20 bis 30 Euro." Dann kam die Arbeitserlaubnis, und Dylan arbeitete jahrelang als Putzkraft. Er möchte mir auch das Bergwerk am Stadtrand von Mitrovica zeigen, in dem er sich früher unter Tage abgeschuftet hat. In seinem großen Haus im Kosovo will er nicht mehr dauerhaft wohnen. Seine Familie lebt und arbeitet nun in Deutschland. "Alle meine sechs Kinder haben in Deutschland eine feste Arbeit gefunden", sagt er. "Ich bin so stolz auf sie."

Backpacker reisen anders

Dylan ist ein Kumpeltyp. "Hier Sebastian, nimm!" Er gibt mir eine üppig belegte Fleischkäsesemmel. Die nächste halbe Stunde denke ich darüber nach, was es zu bedeuten hat, dass in meinem Proviantbeutel ausgerechnet ein Klischee-Fladenbrot steckt. Wir teilen Eukalyptusbonbons, Capri-Sonne und Heidelbeeren. Meine Zigaretten lehnt er ab: "Rauchen war mir immer zu teuer." Einmal setzt er sich nach hinten in die letzte Reihe, um zu beten.

Am Münchner Busbahnhof steigt ein Mann mit Stühlen zu. Der Gepäckraum ist längst überfüllt. Dort wo Dylan gebetet hat, sind nun Stühle und Koffer ineinander verkeilt.

Der Münchner Busbahnhof ist schick; LED-Tafeln zeigen die An- und Abfahrtszeiten an. Auch in Stuttgart halten wir; der Stuttgarter Busbahnhof ist schäbig und heruntergekommen. Die Busse fahren von da aus nach Polen, Ungarn, Rumänien oder Kroatien. Die Szenarien sind überall ähnlich: Man trägt zweckmäßige Kleidung und riesige Plastiktaschen, und dann gibt es noch eine letzte innige Umarmung für die Familie. Die Backpacker, die sich sonst gerne als günstig reisende Asketen ikonisieren, sitzen offenbar im Billigflieger. An den Umschlageplätzen für Fernbusreisen sieht man sie jedenfalls nicht. Die Fernbusreise ist die Ochsentour der Globalisierungs-Klasse: Ihre Passagiere machen, weit entfernt von der Heimat, die miesesten Jobs, und ihr Lohn reicht nur für das Billigste vom Billigsten. Das gilt auch beim Reisen.

In München tanken wir auch. An der Tankstelle stehen jede Menge Autos mit Starnberger Kennzeichen, jedes davon ein kleines Vermögen auf vier Rädern. Zwischen den Nobelkarossen schlängelt sich unsere Busbesatzung zu den Toiletten. Einer meiner Mitfahrer, ein alter Mann, trägt ein ausgeblichenes Star-Trek-T-Shirt. Zwischen den BMW-Fahrern in ihren Polohemden wirkt er wie ein Alien. Ich befinde mich im Parallelverkehr: Diese Reisebusse benutzen dieselben Tankstellen, Straßen und Rastplätze wie die schicken Bonzenautos. Trotzdem sind die Lebensrealitäten ihrer Passagiere um Lichtjahre voneinander entfernt.

Bill Clinton Statue in Pristina

Bill Clinton Statue in Pristina

Da Dylan meine Zigaretten ablehnt, verbringe ich die Raucherpausen mit dem einzigen gleichaltrigen Mitfahrer. Auch er kam mit seiner Familie als Flüchtling nach Deutschland. Zwanzig Jahre ist das her. Aus der angestrebten Profikarriere bei Alemannia Aachen ist nichts geworden. "In der vierten, fünften Liga verdienst du nicht genug. Also habe ich angefangen zu arbeiten."

Guck, da kommt ein Schatzi

Dieses Mal fährt er in den Kosovo, um seine Verlobte zu besuchen. Wenn die deutschen Behörden ihnen keine Steine in den Weg legen, wollen sie bald in Deutschland heiraten. 300 Euro Monatslohn verdient sie als Friseurin in Pristina. Viel mehr könne man in der kosovarischen Hauptstadt auch nicht verdienen. Deshalb sehen sie ihre gemeinsame Zukunft in Deutschland. "So Leute wie ich, die gehören nirgendwo hin. Hier in Deutschland bin ich immer noch der Ausländer. Im Kosovo heißt es: Guck mal, da kommt ein Schatzi." Ein Schatzi, das ist ein Arbeitsmigrant auf Heimatbesuch. Den Arbeitsmigranten unterstellt man in ihrer Heimat gerne verallgemeinernd Affären in dem anderen Land.

Auch er macht die "Scheiß-Tour" zum ersten Mal. Sonst nimmt er immer den Flieger. Dieses Mal hat er zu spät gebucht. Von Pause zu Pause werden wir beim Rauchen gestresster. Irgendwann hinter Belgrad beschließt mein Raucherkollege, das Rückfahrticket, das in dem Fahrpreis von 120 Euro enthalten ist, verfallen zu lassen und stattdessen einen Flieger zu buchen.

Auch ich würde an diesem Morgen, irgendwo hinter Belgrad, alles für ein Flugticket geben. Schließlich sitze ich auch nicht ganz freiwillig in dem Reisebus. Ich will in den Kosovo, um von dort aus über Menschen zu berichten, die aus Deutschland abgeschoben wurden. Meine Mitfahrer interessieren sich dafür, warum ich ihre Heimat besuche und was ich mache. "Ich bin freier Journalist", antworte ich. Das klingt gut. Die Realität sieht anders aus. Reise und Hotel muss ich aus eigener Tasche bezahlen. Die ganze Unternehmung ist ein Verlustgeschäft. Ich rede mir die Sache schön: Es ist eben eine Qualifizierungsmaßnahme. Ich gehe jetzt in Vorleistung, um eines Tages das Upgrade zu schaffen: eine geregelte Beschäftigung.

Bill Clinton, ein Bronzestandbild

Der Traum vom besseren Leben. Jeder in diesem Bus kennt ihn. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto klarer wird, warum so viele diesen Traum tausende Kilometer von zu Hause entfernt verwirklichen wollen. Der Kosovo ist, wirtschaftlich gesehen, das Schlusslicht unter den Balkanstaaten. Aber noch sind wir in Serbiens Süden. Auch hier liegt das Geld nicht auf der Straße. Links und rechts von der Route wird vor allem Ackerbau betrieben. Der Blick aus dem Fenster gleicht einer Sightseeing-Tour für die Fans archaischer Agrartechnik.

Kurz vor dem Ziel spendiert der Reiseleiter einen Plastikbecher Cola aus der Zweiliterpulle für jeden Fahrgast. Wir kurven durch Pristinas belebte Straßen. Alles scheint hier in Bewegung - überall entstehen neue Häuser, und auf den Bürgersteigen ist keine Handbreit Platz für ein weiteres Paar Füße. Nur einer steht still in der kosovarischen Hauptstadt: Bill Clinton, winkend und ein bisschen debil grinsend, in Bronze gegossen.

Als wir am Busbahnhof ankommen, bin ich mit der ganzen Busbesatzung per Du. Dylan begleitet mich zum Taxi und handelt mir einen fairen Preis aus. Das Taxi ist nicht das allerneueste. Als ich drinnen sitze, fühlt es sich aber trotzdem radikal anders an als das Sitzen im Reisebus. Das muss das gute Leben sein.

Fabian Jellonnek ist 26, studiert in Trier Politikwissenschaft und engagiert sich für Flüchtlingsrechte. Er ist koordinierender Redakteur der Zeitschrift Grenzwertig.

Fotos: ©Fabian Jellonnek, Wikimedia Commons






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