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Fetisch Wachstum?

Tim Jackson über die Zukunft unseres Planeten

27.6.2011 | Michael Hahn & Simon Straetker | Artikel drucken

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Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 entwickelt sich in unserer Gesellschaft ein immer lebhafter werdender Diskurs über die Frage, ob unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem ein wirklich zukunftsfähiges ist. Der britische Ökonom Tim Jackson hält ständiges Wachstum angesichts von Ressourcenknappheit und Umweltzerstörung für einen Irrweg. In seinem Buch "Prosperity without growth", das gerade auf Deutsch erschienen ist, entwirft er die Vision eines nachhaltigen Wirtschaftsmodells, das einmal ganz ohne Wachstum auskommt.

Professor Jackson, mitten in der Finanzkrise erscheint Ihr Buch “Wohlstand ohne Wachstum". Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Tim Jackson: Es ist eine große Herausforderung. In unserer endlichen Welt mit begrenzten Ressourcen wird Wachstum immer mehr zu einer Art Zwickmühle: Wir können weiter wie bisher hemmungslos auf Wachstum setzen, gefährden damit aber unsere Ökosysteme, auf die wir langfristig angewiesen sind. Oder aber wir verzichten auf Wachstum, was zu wirtschaftlicher Instabilität führt, und riskieren damit einen wirtschaftlichen Kollaps. Das ist das Dilemma, in dem wir stecken. Die Wirtschaft kann nicht weiter wachsen und muss es doch. Was das Buch macht, ist zu erkunden, inwieweit man die Strukturen der Wirtschaft zugunsten einer nachhaltigeren Entwicklung verändern könnte.

Nullwachstum würde vor allem die Lage auf dem Arbeitsmarkt destabilisieren.

Tim Jackson

Tim Jackson

Arbeitslosigkeit ist einer der Gründe, die zu Instabilität führen, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst. Dahinter steckt simple Arithmetik: Steigende Produktivität führt zwar zu Wachstum, bedroht aber auch unsere Arbeitsplätze. Nimmt die Produktivität zu, sind wir also auf Wachstum angewiesen, damit keine Jobs verloren gehen. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir akzeptieren diese Produktivitätszuwächse und reduzieren unsere Arbeitszeit entsprechend – so haben auch die frühen Ökonomen den Fortschritt gesehen: als einen Ort, an dem wir unsere materiellen Bedürfnisse befriedigt haben und ein angenehmeres Leben führen können, ohne dass wir weiterhin so hart dafür arbeiten müssen. Die Alternative ist, sich die Frage zu stellen, ob stetig steigende Produktivität wirklich immer sinnvoll ist.

Ist es nicht gerade der Drang nach höherer Produktivität, der zu Innovationen führt?

Nicht immer. Es gibt Branchen, etwa im Dienstleistungssektor, wo Produktivitätszuwächse nur begrenzt sinnvoll sind. Die Berliner Philharmoniker würden nicht unbedingt bessere Musik machen, wenn man die Zahl ihrer Mitglieder erhöhen würde. Ärzte oder Lehrer machen nicht unbedingt einen besseren Job, wenn sie immer mehr Leute behandeln oder immer größere Klassen unterrichten. In diesen dienstleistungsorientierten Segmenten ergibt das Streben nach mehr Arbeitsproduktivität wenig Sinn. Hier kann man bestehende Arbeitsplätze erhalten oder mehr Menschen in Beschäftigungsverhältnisse bringen.

Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung. Wie verhalten wir uns gegenüber ärmeren Ländern, die auf starkes Wachstum setzen und es auch dringend brauchen?

Wir müssen dort Raum für Wachstum lassen, wo es wirklich noch einen Nutzen hat. In den Entwicklungsländern gilt es, die Menschen so schnell wie möglich aus der Armut zu bringen. Die reichen Länder müssen aber ihren Teil der Verantwortung akzeptieren und ihnen umweltfreundliche Technologien zur Verfügung stellen, die mit wenig Kohlendioxid auskommen. Daneben ist es unsere Aufgabe, unser westliches Konsummodell zu hinterfragen, an dem sich ja auch die Entwicklungsländer orientieren. Wir müssen uns fragen: Was für eine Entwicklung wollen wir? Wie können wir Lebensqualität sicherstellen? Das Wachstumsmodell der westlichen Länder lässt sich unmöglich auf neun Milliarden Menschen übertragen.

Wie lassen sich diese Ziele erreichen? Wer muss den ersten Schritt tun?

In vielen Gemeinden gibt es schon jetzt lokale Initiativen, in denen Leute versuchen, anders über Investitionen und Wirtschaften zu denken – das sind tolle Beispiele für gutes Verhalten Einzelner, die aber nicht ohne Weiteres auf große Systeme übertragen werden können. Zu diesem Schritt braucht es vor allem starke politische Führung. Die Umstrukturierung unserer Wirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit ist ein langer, aber notwendiger Prozess – und auf lange Sicht unvermeidbar. Themen wie Klimawandel und Ressourcenverbrauch wurden durch die Finanzkrise nur vorübergehend in den Hintergrund gedrängt. Fakt ist: Um das klimapolitische Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müssen wir unseren Ressourcenverbrauch radikal stoppen. Man bräuchte eigentlich Volkswirtschaften, die Kohlendioxid aufnehmen, statt es weiter zu emittieren.

Was ist Ihr persönlicher Beitrag zum Umweltschutz?

Da ich zurzeit viel mit meinem Buch unterwegs bin, versuche ich, so wenig wie möglich zu fliegen und stattdessen mehr mit dem Zug zu reisen. Ich habe kein Auto und versuche, meinen Energieverbrauch zu reduzieren, wo immer es mir möglich ist – und das ist gar nicht so leicht.

Das Interview führten Michael Hahn und Simon Straetker.

Foto Oben: ©Thomas K. / photocase.com

Foto Unten: ©Sustainable Development Commission



Tim Jackson ist ehemaliger Umweltberater der britischen Regierung und Professor für Nachhaltige Entwicklung im Zentrum für Umweltstrategie an der Universität Surrey (UK). Sein Buch "Wohlstand ohne Wachstum" wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung, Oekom Verlag, 19, 95 Euro.

Link

Das Centre for Enviromental Strategy der University of Surrey stellt Tim Jackson vor.