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Lebendige Vergangenheit

Die Arbeit von Aktion Sühnezeichen in Israel

28.6.2011 | Igal Avidan | Artikel drucken

Die ASF-Freiwillige Karina mit Jizcahk Avni in Israel

Die ASF-Freiwillige Karina mit Jizcahk Avni in Israel

Eine Party im "Gründersaal" des Kibbuz Ramat Rachel bei Jerusalem. Die "Aktion Sühnezeichen - Friedensdienste" (ASF) feiert ihr 50-jähriges Bestehen in Israel und rund dreißig deutsche Freiwillige aus verschiedenen Organisationen tanzen zusammen mit einigen Jeckes (deutschstämmige Juden, die vor den Nationalsozialisten ins Land Israel geflüchtet waren) zur Musik der Band Lupin aus Dachau.

Diese Szene, aus dem Blog der AS-Freiwilligen Rebecca Görmann entnommen, passt zur neuen deutsch-israelischen Theaterproduktion "The Peace Syndrom" von Regisseur Torge Kübler. Zusammen mit seinen beiden Darstellern Natanaël Lienhard und Matthias Rott befragte Kübler vierzig Freiwillige und ehemalige Volontäre, die in Altersheimen Shoah-Überlebende pflegen oder Palästinenser besuchen, in deren Häusern israelische Soldaten eine Vergeltungsaktion durchgeführt hatten. Manche dieser Volontäre kamen als Kibbutz-Freiwillige, andere verliebten sich in Israelis und arbeiten mittlerweile in NGOs. Aus den Erfahrungen der deutschen Freiwilligen in Israel und Palästina entstand ein beeindruckendes Drehbuch.

Was hat das mit meiner Familie zu tun?

Inwieweit prägt die Shoah die rund 250 deutschen Freiwilligen in Israel und die paar Dutzend im Westjordanland? "Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust war vor allem die Motivation der zweiten Generation, nach Israel zu gehen", sagt der 38-jährige Kübler. "Inzwischen kommt die dritte und vierte Generation. Denen geht es vor allem darum, ein spannendes Jahr im Ausland zu verbringen, sich beruflich weiterzubilden, wenn man etwa Friedensforschung studieren möchte, oder einfach etwas Gutes zu tun. Gerade die jungen Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen versuchen wirklich, sich ernsthaft mit der deutschen Vergangenheit auseinander zu setzen. Sie müssen sich mit der Vergangenheit der eigenen Familie beschäftigen, um auf die Diskussionen in Israel vorbereitet zu sein."

Matthias Rott ud Natanaël Lienhard

Matthias Rott ud Natanaël Lienhard

Darsteller Natanaël Lienhard merkte, dass die deutsche Vergangenheit  bei den Freiwilligen ein wichtiges Thema war: "Alle haben darüber gespochen." Nur wenige in seiner Altersgruppe waren christlich motiviert und wollten dort die deutsche Schuld sühnen, sagt der 28-Jährige. "Die meisten wollen ein freiwilliges Jahr machen und schätzen es, dass es in Israel so viele NGOs gibt."  Auch diejenigen, die über eine eine kirchliche Institution kamen und die erst 18 oder 19 Jahre alt sind, " wollen Spaß haben." In einer Kneipe feierte zum Beispiel eine Gruppe von Freiwilligen, die über die Erlöserkirche kam, den Abschluss ihres Programms.

Solche Partys feiern die Freiwilligen nicht zusammen mit Israelis. Der Schauspieler Matthias Rott, 37, stellte fest, dass die meisten von ihnen nach dem Abitur kommen und die komplexe Situation im Land erst für sich allein erforschen wollen.

Zu diesem Komplex gehört der israelisch-palästinensische Konflikt. "Man hat als Deutscher sehr stark den Wunsch, diesen Konflikt zu lösen", sagt Kübler. "Man merkt aber immer mehr, dass es völlig ausweglos ist und dass man immer mehr in Dilemmata gerät." Er merke die Ratlosigkeit der Freiwilligen: "Alle sagten, sie hätten sich in das Land verliebt, aber allen macht die Komplexität der Lage sehr zu schaffen. Sie versuchen, sich mit einer Seite zu identifizieren, merken dann aber, dass das nicht so einfach ist. Manche versuchen sich dann mit der anderen Seite zu identifizieren." Die Theatermacher trafen deutsche Freiwillige in Ramallah, die an der Erarbeitung eines Strafgesetzbuches und in der Sozialarbeit tätig waren.

Statt Demolight eine Hochzeit

"Bei den Freiwilligen in den palästinensischen Gebieten war das sofort ein Thema, ob wir pro Palästina oder pro Israel waren", berichtet Rott. "Als sie gemerkt haben, dass wir ein Projekt mit Israel machen, kam es gleich zu einer Auseinandersetzung. Im Kino Jenin trafen wir Frank, der zuerst wissen wollte, ob unser Projekt vom Staat Israel finanziert wird. Das konnten wir verneinen, es sind nur deutsche Gelder. Nur dann war er bereit, mit uns zu reden. Sonst hätte er einen Rückzieher gemacht." Eine Frau, "die absolut pro Palästina war und im Auto ein Palästinensertuch hängen hatte", fragte die Theatermacher ausführlich zu ihrem Theaterprojekt. "Dann sagte sie, wir stellten die Israelis gut da, die Palästinenser aber nicht."

Im palästinensischen Dorf Bil'in im Westjordanland protestieren die Bewohner seit 2005 zusammen mit Ausländern, weil sie ein ein Drittel ihres Landes für den Bau der Sperranlage verloren haben. Kübler fand es faszinierend, dass sich Aktivisten über die Internetplattform "Couchsurfing" zu gemeinsamen Demonstrationen verabreden. Er erkannte "eine Art Tourismus in einer großen internationalen Familie, die sich jeden Freitag in einem Ritual beschießen lässt und sich dann zurückzieht". Für ihn sind diese Freitagsrituale ein Symbol für die Hoffnungslosigkeit der Proteste. Er selbst erfuhr nur auf dem Weg nach Bil'in, dass die Soldaten dort Tränengas schießen und Demonstranten verhaften, sonst wäre er nicht hingefahren. Zufällig fuhr Kübler im gleichen Auto mit der Israelin Yael, die ebenfalls eine "Demo-light" erwartete. Eine totale Zeitverschwendung war diese Reise für sie dennoch nicht. Denn die beiden verliebten sich und heirateten am Tag der Premiere des Films. Kübler zog inzwischen nach Israel – freiwillig.

Igal Avidan arbeitet für deutsche und isralische Zeitungen und Rundfunkstationen. Er lebt in Berlin.

Foto Oben: Jizcahk Avni, Jahrgang 1923, im Gespräch mit der ASF-Freiwilligen Karina von Kentzinsky in Israel. Jizcahk Avni emigrierte 1939 aus Prag (©Hartmut Greyer)

Foto Unten: Matthias Rott ud Natanaël Lienhard ©Privat



www.asf-ev.de - Aktion Sühnezeichen - Friedensdienste

Eine Kritik des Theaterstücks "Peace Syndrom" und die nächsten Aufführungen

Das Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung erklärt die Geschichte, Politik und Gesellschaft Israels in Texten, Bildern und Videos.