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Sprachbewegungen

"Kanaksprak", "Mischmasch", "HipHop-Slang"

30.4.2003 | Jannis Androutsopoulos | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Die zentralen gesellschaftlichen Wandelprozesse unserer Zeit gehen an der Sprache nicht spurlos vorbei. Gemeint sind vor allem drei Entwicklungen: Migration - aus politischen, wirtschaftlichen oder anderen Gründen; Mediatisierung - die immer stärkere Durchdringung von Medien und Alltag; und die zunehmende Globalisierung der populären Kultur. Im Rahmen dieser Prozesse sind die Nationalsprachen in Europa Veränderungen auf zwei Ebenen ausgesetzt: "Von unten" sind es die gesellschaftlichen Konsequenzen der Migration, die das sprachliche Repertoire in jedem Land neu aufteilen; "von oben" kommt der zunehmende Kontakt mit dem Englischen im Zuge der technologischen und kulturellen Globalisierung.

Obwohl diese Entwicklungen quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche wirken, fallen sie besonders in der Jugend- und Popkultur auf und kristallisieren sich zu festeren Formen, die man mit Etiketten wie "Kanak Sprak", Mischmasch" oder "HipHop-Slang" bezeichnen kann.

Gitti böyle gene weißt du?

Mehrere Hunderttausende Jugendliche wachsen als Migrantennachkommen in Deutschland auf. Die meisten von ihnen sprechen perfektes Deutsch und sind mit den hiesigen kommunikativen Normen vermutlich vertrauter als mit denen des Herkunftslandes. Sie wachsen in zwei- oder mehrsprachigen Umgebungen auf, die einerseits vom gebrochenen Deutsch der ersten Migrantengeneration, andererseits von Kontakten zwischen Deutsch und der Herkunftssprache geprägt sind. Oft kommt es dabei zu dichten Verbindungen und flüssigen Übergängen zwischen den Sprachen, die im Alltag mit Bezeichnungen wie "Mischmasch" belegt werden. Deutsche Wörter werden in die Herkunftssprache grammatisch integriert (z.B. das türkische tittelerime - meinen Titten), fremdsprachige Äußerungen mit deutschen Partikeln versehen.

Nach der Sprachwissenschaftlerin Inken Keim, die mit einem Team deutsch-türkischer MitarbeiterInnen die Sprache türkischstämmiger Jugendlicher in Mannheim untersucht, sind solche Mischungen die natürliche, ungezwungene Ingroup-Sprache der Jugendlichen. Mit zunehmendem Alter und der Bewegung hin zu den Institutionen der Mehrheitsgesellschaft lässt das gemischte Sprechen in der Clique nach. Erst wenn die Sprecher beruflich und sozial nur noch den ethnischen Netzwerken verhaftet bleiben, kann es zu ihrer Hauptausdrucksweise werden.

Kommst du Frankfurt?

Vor allem in den so genannten Ausländervierteln der Großstädte entstehen ethnisch gemischte Netzwerke, die sich aus Jugendlichen mit unterschiedlichem Hintergrund sowie aus nativen Deutschen zusammensetzen. Hier sind Sprachentwicklungen in zwei Richtungen zu beobachten. Einerseits wird die deutsche Umgangssprache der Clique durch Einsprengsel aus unterschiedlichen Migrantensprachen angereichert: Ein bisschen Türkisch, Italienisch oder Serbokroatisch, um immer wieder das Gleiche auszudrücken: Grüße und Verabschiedungen, Schimpfwörter, Drohformeln oder Flirtsprüche. Andererseits sind in solchen Cliquen auch so genannte "Ethnolekte" im Umlauf: Sprechweisen, die durch verschiedene Besonderheiten die nichtdeutsche Abstammung des Sprechers markieren.

Dafür typisch ist zum Beispiel das gerollte r und die Koronalisierung des Ich-Lauts (isch, misch, disch), in der Grammatik das Weglassen von Artikeln und Präpositionen in bestimmten Kontexten (ich gehe Bibliothek), außerdem typische Anreden (Lan, Alter), Ausrufe (ich schwör), Gesprächswörter (weißt du?) und eine spezielle Stakkato-Intonation. Bisherige Untersuchungen legen nahe, dass hierzulande aufgewachsene Jugendliche sich solche Sprechweisen absichtlich zulegen, um sich als "hart", "cool" und "aggressiv" zu stilisieren. Das macht solche Sprechweisen auch für ganz normale Muttersprachler attraktiv. Beispielsweise für den Schauspieler Moritz Bleibtreu, der bereits 1999 im "Türken-Slang" den Ausdruck eines neuen multikulturellen Selbstbewusstseins und eine absolute Bereicherung für die deutsche Sprache festgestellt hat.

Wem is dem geilsten Tuss in Land?

Leider ist Bleibtreus gutgemeinte Begeisterung Teil der Maschinerie, die soziale und sprachliche Klischees produziert. Die Sprachentwicklungen in den Hauptschulen, Jugendhäusern und Parkanlagen der Migrantenviertel erreichen die breite Öffentlichkeit nur in verzerrter, medial überformter Gestalt. Comedy und Filme, Videoclips und Fernsehshows, Literatur und Comicstrips machen aus den sprachlichen Mischungen der Straße eine Sprache, die mit der Realität nur stellenweise verwandt ist. Eine Spielart ist beispielsweise "Kanak Sprak", mit der der Autor Feridun Zaimoglu die Lebenswirklichkeit junger Migranten literarisch verarbeitet. In anderen Medienformaten vermischen sich inflationär gebrauchte Elemente aus der Sprachwirklichkeit (korrekt, konkret, krass) mit Stereotypen für "gebrochenes Deutsch" ­ etwa "Schätudio" oder "Schätrasse" ­ und Erfindungen wie dem Einheitsartikel "dem" beim Comedy-Duo Mundstuhl ("Dem ist korrekt").

Die Ergebnisse werden in mehr oder weniger klischeehafte Darstellungen migrantischer Milieus eingebettet und jeweils auf die Bedürfnisse der Mediengattungen abgeschmeckt. Die Bundesrepublik hat Comedy-Sprüche längst in das Repertoire der Alltagswitze übernommen, aber ihre Lacher bleiben zweispältig, eignet sich doch Comedy genauso zur spielerischen Bejahung multiethnischer Erfahrung wie zu ihrer offenen Diskriminierung.

Einen Höhepunkt erreicht die Verzerrung mit den Produkten von Michael Freidank, der mit dem griffigen Label "Kanakisch" und einer pseudowissenschaftlichen Aufmachung die Kasse klingeln lässt. In seinen "Sprachbüchern" treffen Comedy-Erfindungen auf üblichen Jugendslang (Hunni, Spast) und schlicht unmögliche Konstruktionen. Verben auf -em (wirn fickem), Wortformen wie "Arschnloch", Sätze wie: "Dem hat noch nie gehabt Typ" folgen einer Devise: Hauptsache falsch und von der Hochsprache möglichst abweichend.

Yo Yo! Was gehddn?

Eine Parallelwelt weiter im Universum der Jugendkulturen: In den Szenen, die sich um Medien, Musik und Sportarten drehen, geht es in der Sprachkultur vor allem um das Englische. Die globale Lingua Franca liefert ihnen nicht nur ihre je spezifische Terminologie - schon mal versucht, Gamern oder Skatern beim Fachgespräch zu folgen? -, sondern auch unerschöpfliche Ressourcen für den Ausdruck von Zugehörigkeit. Hier zählt nicht (nur) das Schulenglische, sondern der spezielle Slang, die Sprechweisen der einzelnen Szenen.
HipHop ist ein Musterbeispiel hierfür. Im deutschsprachigen Rap wird zwar Mehrsprachigkeit zelebriert, Songs wie "Esperanto" (Massive Töne), Bands und Projekte wie Diaspora, Microphone Mafia und Brothers Keepers machen die mehrsprachige Erfahrung ihrer Mitglieder hörbar. Doch im Diskurs der Fans, wie er sich face to face und in Internetforen artikuliert, ist "Black English" das wichtigste sprachliche Kapital. Durch Platten, Videoclips und Moderatoren vermittelte Fragmente der afroamerikanischen Umgangssprache finden sich im Wortschatz (bitch, spliff, wicked, wack), als Anreden (nigga, homie), Partikel (yo) und Grüße wieder: "Aight, propz geh'n an ganz H-Over Ciddy. Bin draußen, peace."

Was auf den ersten Blick die Alpträume der Sprachschützer wahr werden lässt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als subkulturelle Kompetenz, die geübt werden muss. Schließlich geht es darum, Kenntnis und Erfahrung zu demonstrieren und Englisch kreativ mit Spielarten des Deutschen zu kombinieren. Dies verdeutlicht in kondensierter Form eine Phrase wie "einen guden day", die den Nachklang regionaler Sprechweise - vom stimmlosen t zum stimmhaften d - mit einem Anglizismus verbindet. Nicht eine Abkehr von der Muttersprache ist das Ziel, sondern die Verwendung des globalen Codes, um stilistische Differenz im lokalen Rahmen herzustellen.

Brontal hart, oder?

"Mischmasch", "Kanaksprak" und "HipHop-Slang" folgen in ihren Strukturen einer je eigenen Entwicklungslogik. Dennoch bietet die Gegenwartskultur ausreichende Schauplätze für ihre kreative Verdichtung zu Sprech- und Schreibstilen. HipHop ist ein solcher Schauplatz, an dem angloamerikanischer Jargon auf die gelebte Mehrsprachigkeit der Fans trifft und eine gezielt auf "Kanake" getrimmte Sprache einen Mehrwert erhalten kann, als Zeichen von Härte und Straßenerfahrung. Dass es oft nur die gutbürgerlichen Söhnchen sind, die mit ihrem medial erworbenen "Ghettoslang" zu imponieren versuchen und sich in den Augen der Migrantenjugendlichen lächerlich machen, gehört zu den Risiken des sprachlichen Identitätsspiels.

Ein Blick auf die Projekte des Comedy-Duo Erkan und Stefan führt vor Augen, wie alle möglichen Ressourcen jenseits der Hochsprache - Anleihen an HipHop-Slang, "KanakSprak" und eine Prise Bayrisch - artikuliert werden in dem Versuch, möglichst krass zu wirken und möglichst viel zu verkaufen. Nur die echte Mehrsprachigkeit bleibt mangels allgemeiner Verständlichkeit mal wieder außen vor.

Jannis Androutsopoulos ist Juniorprofessor für Medienkommunikation an der Universität Hannover. Der von ihm herausgegebene Sammelband "HipHop: globale Kultur - lokale Praktiken" erscheint im Juni beim transcript Verlag.


www.kanak-attak.de
Meher über die Kanak-Attak-Bewegung

www.ids-mannheim.de/prag/sprachvariation/tp/tp-3.htm
Forschungsprojekt "Sprachvariation Deutsch-Türkisch" von Inken Keim in Mannheim

www.mundstuhl.de
Die Website des Comedy-Duos Mundstuhl

www.diaspoent.com
Bandsite: "Wir sind mit vielen Leuten down"

www.microphone-mafia.de
Bandsite: "Hello Mr Bush! More friendly fire please!"

www.brothers-keepers.de
Bandsite: "Ein wunderbarer Einstieg der Deutschen ins 21. Jahrhundert"

www.erkan-stefan.de
Immer auf der Suche nach dem Dönertier




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