Erdöl, Netze, Wasser, Waffen, Geld stehen als Schlagworte in roter Schrift vor einem Foto der Erde. Sie scheinen die neue Geographie der Welt zu bestimmen, die jenseits gewohnter Ländergrenzen liegt. In einem zunehmend globalen Wirtschaftszusammenhang mit wenig gesteuerten und vielfach verschärften Ungerechtigkeiten haben sich die Zentren um konkurrierende metropolitane Ballungsräume konzentriert. Der von der "tageszeitung" (taz) herausgegebene "Atlas der Globalisierung", im französischen Original von der renommierten Monatszeitung für internationale Politik "Le Monde diplomatique" editiert, versucht, die neuen Zusammenhänge in Karten zu übersetzen.
Karten lügen
Karten helfen uns, die Welt vorstellbar zu machen. Von oben betrachtet, aus einer Art Helikopter-Perspektive, erschließt sich die Erde. Dabei bildet der eigene Standort einen Ausgangspunkt, auf den sich die entfernten Gegenden beziehen. Aus diesem Grund liegt der amerikanische Kontinent meistens links und Asien rechts um ein recht zentrales Europa. Ein Blick auf den Globus verdeutlicht die Verzerrung, die bei der Projektion einer Kugel auf die flache Ebene entsteht. Größen und Entfernungen werden verfälscht, Richtungen geändert und ein willkürliches Zentrum gesetzt: "How to Lie with Maps" (Mark Monmonier, 1991).
Viele Theoretiker haben sich an realistischeren Modellen versucht, um zu verhindern, dass die eurozentristische Verzerrung der gebräuchlichen Mercator-Projektion weiter das alleinige Bild der Welt bleibt. Buckminster Fullers Dymaxion World Map etwa, die die Ungenauigkeiten gleichmäßig auf ein etwas unhandliches Vieleck verteilt, oder die vor allem in der Darstellung der Nord-Süd-Relation getreue und deshalb von Entwicklungshelfern geschätze Peters-Projektion.
Die Macht der Statistik
Im "Atlas der Globalisierung" wird, dem Publikationsthema gemäß, ein einheitliches Zentrum vermieden. Die Karten kreisen wie Strudel um themenabhängige Mittelpunkte. Damit unterscheidet sich das Heft vom Standardwerk der Welt-in-Daten-Darstellung - dem "State of the World Atlas" (auf Deutsch: "Fischer Atlas zur Lage der Welt"). Hier bildet einheitlich eine übliche Weltkarte die Grundlage für darauf getürmte und daraus geformte Statistiken, etwa unterschiedlich große Koffer dem generierten Tourismus entsprechend oder Sessel-Rückenlehnen für die Arbeitslosigkeit nach Staaten.
Der Globalisierungsatlas ist weniger bildlich und vertraut auf die üblichen Mittel der Infografik. Balken, Kugeln, Torten und vor allem eingefärbte Weltkarten verbildlichen das in kurzen Texten interpretierte Datenmaterial. In einem ersten Teil wird der Zustand der Welt anhand gesellschaftlicher Hauptthemen aufgefächert: Markt, Demokratie, Arbeit, Glaube und deren Verteilung. Ein zweiter Teil enthält einzelne Portraits von Ländern als Schauplatz und Akteure der Globalisierungsbewegung.
Nützlich
Diese Kartografien arbeiten eher an ihrem seriösen Eindruck und ihrer Nutzbarkeit denn an schlagender Sinnfälligkeit wie beispielsweise die Infografiken in der Zeitschrift Focus. Globalisierung erscheint so als eine Ansammlung von Daten. Objektiv will der Atlas dennoch nicht sein - eher ein nützliches Navigationsinstrument. Die Statistiken sollen Grundlage differenzierter Auseinandersetzungen sein. Schon im Vorwort schlägt Hermann Scheer vor, den ideologisch umkämpften Begriff der Globalisierung kritischer zu verwenden und im positiven Sinne besser von Internationalismus zu sprechen.
Axel John Wieder ist Oberlehrer aus Passion.
Atlas der Globalisierung (Hg.: Le Monde diplomatique, Vertrieb über die taz, 10 €)
Hinweis: taz und Le Monde Diplomatique haben im September 2006 einen neuen, aktualisierten Atlas der Globalisierung herausgegeben, Preis: 12 €.
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