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J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen

Beseitigte Makel

27.4.2003 | Jörg Sundermeier | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine miese Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so, bevor sie mich kriegten, und den ganzen David-Copperfield-Mist, aber eigentlich ist mir gar nicht danach, wenn ihr's genau wissen wollt." Bautz. Das haben wir's. Holden Caulfield, der Ich-Erzähler aus J. D. Salingers Roman "Der Fänger im Roggen" will's uns nicht sagen. Nicht so, wie wir's gewohnt sind. Das sagt er uns mit dem ersten Satz seiner Erzählung. Denn er redet, aber er will nicht erzählen. Er erzählt, aber er will nicht unterhalten.

Eine moderne Welt

J. D. Salinger - ein Autor, der ein Geheimnis ist, weil er seit Jahren nichts mehr publiziert hat und noch länger keine öffentlichen Auftritte mehr absolviert (so dass es aktuell nur Paparazzi-Fotos gibt, gegen deren Veröffentlichung Salingers Anwälte sehr rigoros vorgehen) - hat für seinen Helden eine neue Sprache erfunden. Die alte, der "David-Copperfield-Mist", reicht dafür nicht mehr aus. Denn Caulfield erlebt anderes, als es in einer Welt mit klaren Grenzen, mit einer genauen Linie zwischen Ober- und Unterklasse zu erleben wäre. Er lebt in der modernen Welt.

Caulfield ist ein Junge, sechzehn Jahre alt, fliegt vom Internat, irrt durch New York; er will erwachsen und souverän sein und scheitert doch nur. Und das kurz vor Weihnachten. Der nervliche Zusammenbruch findet schließlich statt. Jetzt ist er in einer Anstalt, verachtet die Psychologen und erzählt, was er nicht erzählen will. Seine Geschichte.

Die Geschichte ist bekannt, und "Der Fänger im Roggen", 1962 in einer Übersetzung von Heinrich Böll erschienen, die wiederum auf einer 1954 erschienenen, allzu geglätteten Übersetzung von Irene Muehlon fußt, hat sich im deutschen Sprachraum weit über eine Million Mal verkauft. Daneben wurde und wird hierzulande vermutlich jede zweite Englischklasse in der Schule mit dem Originaltext konfrontiert.

Über eine Million also. Ein erfolgreiches Jugendbuch. Doch die Übersetzung von Böll/ Muehlon genügte nie strengen Kriterien, sie war ein bisschen verstaubt - hier war sie zu brav oder benutzte Wörter einer Jugendsprache, die seit 1949 nicht mehr gesprochen wurde, dort folgte sie der englischen Ausgabe des Textes, in welcher wiederum aus einem harten "Fuck you" ein keusches "... you" wurde, welches Böll/ Muehlon dann selbstredend mit "... dich" übertrugen. Es wurde also Zeit für eine neue Fassung. Eike Schönfeld, ein renommierter Übersetzer, wurde vom Verlag herangezogen, und man bat ihn auch nicht etwa, die Fassung von Böll/ Muehlon noch einmal zu überarbeiten, sondern gab eine komplett neue Übersetzung in Auftrag.

"Geborgte" Sprache

Das hat sich gelohnt. Der Satz oben, der Eingangsatz, der einen Text oftmals prägt, ist der Übersetzung von Schönfeld entnommen. Er ist ein anderer als der bei Böll/ Muehlon. Schönfelds "miese Kindheit" war bei Böll/ Muehlon eine "verflixte", der "Mist" war "Zeug" und statt "bevor sie mich kriegten" heißt es bei Böll/ Muehlon "bevor sie mit mir beschäftigt waren". Schönfelds Übersetzung ist dabei aber nur scheinbar die rotzigere. Schönfeld nennt die Erzählsprache eine manierierte, hysterische, gestelzte und vor allem "geborgte": "Holden Caulfield hat keine authentische Sprache. Er hat sie sich zusammengesucht, natürlich aus der Sprache, die ihn umgibt, und er hat sich damit stärker gemacht, als er eigentlich ist." Diese Sprache ergibt sich aus der Situation des Jungen - er ist erwachsen und nicht, er will sich mitteilen, dies aber zu seinen Bedingungen, er erfindet sich eine Sprache, während er erzählt. Diesen Umstand berücksichtigten Böll und Muehlon kaum, für sie war "das Erzählen" noch weitgehend intakt, die tradierte Sprache und Sprechweise war noch nicht durch die Erfahrungen des modernen Menschen beschädigt.

Insofern hat sich in der deutschen Übersetzung bislang immer nur die - ja für sich genommen bereits schöne - Geschichte verkauft, derjenige Teil an der Geschichte aber, der Caulfields Verwirrung, Anmaßung und Kränkung zeigt, die Sprache also, war bestenfalls erahnbar. Nun ist er durch die Übersetzung von Eike Schönfeld bloßgelegt worden und auch für heutige Leser/innen erfahrbar. Jedenfalls so lange, bis auch diese Übersetzung wieder veraltet ist - Übersetzungen nämlich altern viel schneller als das, was übersetzt worden ist.

Jörg Sundermeier betreibt zusammen mit Werner Labisch den Verbrecher-Verlag und schreibt Texte unter anderem in taz und Jungle World.

J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen (deutsch von Eike Schönfeld, Kiepenheuer & Witsch 2003, 15 €)







www.salinger.org
Wenn es Neues über Salingers Cameo-Auftritte in Kinofilmen, seine Zweit-Existenz als Drehbuchschreiber oder das ständig verschobene neue Buch von Salinger ("Hapworth 16, 1924", sollte im letzten Herbst in den USA erscheinen) gibt - hier findet man es, wenn auch nur als Gerücht.

www.ottosell.de/jds/jdsindex.htm
Eine Biografie von Salinger und mehr über seine wenigen Werke

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