
Von den "unbekannten Autoren" der Berliner Off-Literaturszene ist Ahne einer der bekanntesten. Seit mehreren Jahren liest der 35-Jährige bei den Lesebühnen "Reformbühne Heim und Welt" oder den "Surfpoeten" seine Geschichten vor. Diese Geschichten heißen "Schweineschnitzel", "Proletentechno" oder "Wie ich einmal die Freundin von Christian Anders und ihn selber getroffen habe" - aber sie müssen nicht unbedingt von den im Titel genannten Dingen handeln. Oder sie tun es doch, aber nur ganz kurz. Von was handelt der Rest? Von unaufzählbar vielen Sachen. Nur eine Auswahl: Castortransport, Erich Honecker, Vatersein, Sozialamt, morgendliche Liegestütze, Reissalat in roter Plastikschüssel, Fischbüchsen und schlecht organisierte Pop-Festivals mit unanständigen Namen.
Licht an!
Auch wenn sich das erstmal sehr durcheinander anhört - bei Ahne hat alles mit allem zu tun. Ahne-Geschichten lesen ist wie flippern. Die Geschichte ist dabei die Stahlkugel; wenn sie anschlägt, gibt's Punkte. Dann geht's gleich in eine andere Richtung weiter oder mit einer neuen Geschichte. Manchmal kommt die Kugel auch ins Trudeln - aber egal. Und drumherum ist ein bunter lärmender Kasten.
Aber darüber sollte man sich nicht zu sehr den Kopf zerbrechen. Denn Ahne ist einer der ganz wenigen deutschsprachigen Autoren, die die Komplexität unseres Alltags in gut geschriebene, sehr lesbare Texte verwandeln können. Wie er das macht, darüber kann hier nur spekuliert werden. Eine mögliche These wäre, dass Ahne sich selbst vielleicht nicht so wichtig nimmt, wie andere Schriftsteller das tun. Deshalb können seine kurzen Geschichten ganz locker im Hier und Jetzt stattfinden. Nein, hier kommt kein Tausendsassa, kurz vor der Nominierung für den Literaturnobelpreis. Ahne ist eher der literarische Entertainer mit viel (Berliner) Street-Credibility.
Tristesse Real
Vor ein paar Jahren hätte man diese Geschichten wegen ihres beherzten Zugriffs auf das "echte Leben" womöglich "Popliteratur" genannt. Dass dieses Etikett nicht auf Ahne passt, hängt nicht nur mit der Überholtheit dieses Begriffs zusammen. Auch wenn Ahnes Texte ebenso locker-quasselig daherkommen, der Stoff, von dem erzählt wird, ist ein ganz anderer als der von Christian Kracht oder Benjamin von Stuckrad-Barre. "Ich fang nochmal von vorne an" hat nichts von der Schnöseligkeit eines "Popliterarischen Quintetts". Ahnes Tristesse ist Real - nicht Royal. Aber keine Angst: Dieses Buch spielt zwar teilweise mit Erlebnissen, Figuren und Codes aus der DDR-Vergangenheit, zum 1000ten mal erklären, "wie es damals war", will es glücklicherweise nicht. Das wäre ja auch kein neuer Anfang.
Kito Nedo ist 28 Jahre und liest in seiner Freizeit am liebsten Kurzgeschichten von Philip K. Dick.
Ahne: Ich fang noch mal von vorne an (Kiepenheuer & Witsch 2003, ca. 9 €)
www.surfpoeten.de/ahne/index.htm
Ziemlich ungepflegte Ahne-Seiten bei den Berliner Surfpoeten
www.goethe.de/it/rom/berlin/7/link-de.htm
Ordentliche Link-Sammlung des Goethe Instituts in Rom zum Thema Berliner Literatur-Szene, allerdings mit einigen toten Links
www.avant-verlag.de/frameset.html
Außerdem: Im kleinen Berliner avant-Verlag ist gerade ein Comicbuch von Ahne und Zeichner ATAK erschienen, mit einem Vorwort von Jakob Hein und seltener Ringbuchbindung.
http://212.172.55.113/bands/ahne/index.html
Kurzbiografie des Autors, aber sehenswert vor allem wegen des Autorenfotos (Koteletten!)
Kommentare
Dein Kommentar