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Funky Botschaften

Sänger Shaanan Street über das Leben in Israel

29.7.2008 | Hanna Huhtasaari | Artikel drucken
Wer bei israelischer Musik an Klezmer dachte, wird von dieser Band enttäuscht sein. Hadag Nahash gehört zu den erfolgreichsten HipHop-Bands in Israel. Ihre Musik ist von den verschiedensten Musikrichtungen beeinflusst, neben HipHop und Funk vereinen sie vor allem Reggae, Rock und Ska. Nicht nur der besondere Soundmix, auch ihre kritischen Texte unterscheiden die Band von anderen. Wörtlich bedeutet der Name so viel wie "Der Schlangen-Fisch", gleichzeitig ist es ein Anagram des hebräischen Wortes für "Fahranfänger". Die Band wurde 1996 in Jerusalem gegründet. Sie besteht aus acht Bandmitgliedern und einem DJ. Gründer und Bandleader ist Shaanan Street. Mit ihm sprach Hanna Huhtasaari über Krieg und Frieden in Israel, fröhliche Songs und 60 Jahre Israel.

Welche Themen sind euch in euren Songs wichtig?

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Wir singen über das Leben in Israel, das Leben in Jerusalem und vor allem über das, was die Jugend im Land bewegt. Unsere Songs handeln über Armut, soziale Ungerechtigkeit, über korrupte Politiker, über Krieg und Frieden, aber auch darüber, dass man trotz allem eine gute Zeit haben sollte.

Was ist eure Motivation, über ernste Themen zu singen? Ihr könntet auch über den Strand und die Sonne in Tel Aviv singen?

Ja, vielleicht machen wir mal einen Song über das Strandleben in Tel Aviv, wer weiß. Aber wir singen über Themen, die uns beschäftigen: Wenn wir uns glücklich fühlen, machen wir einen fröhlichen Song, wenn uns nach einem Liebeslied ist, machen wir einen Lovesong. Aber ich denke, die meisten hier in Israel fühlen andere Dinge, sie spüren die Probleme hier und vielen geht es finanziell nicht besonders. Das größte Problem ist der Konflikt, ist die Tatsache, dass wir keinen Frieden haben. Und leider sieht es zurzeit auch nicht nach Frieden aus.

Mein Eindruck ist, dass man in der israelischen Gesellschaft nicht über Ängste spricht. Stimmt das?

Als wir unsere ersten Songs veröffentlichten, waren sie schnell erfolgreich im Radio. Einige der Hörer haben sich allerdings beschwert. Sie sagten, die Musik brauchen wir nicht, worüber wir singen, könnten sie jeden Tag in der Zeitung lesen. Sie sagten, das sei keine Musik. Musik sollte helfen, die Alltagssorgen zu vergessen. Aber ich weiß, dass wir für viele ein Echo waren, wir sprachen aus, was viele dachten und fühlten. Wir waren die ersten in der Musikszene, die politische Themen und Probleme angesprochen haben, und die Fans waren uns dankbar dafür. Viele sagen, Politik und Kunst gehen nicht zusammen, ich sehe das anders, Popkultur sollte sich mit dem Leben befassen. Wir verpacken unsere Botschaften in einer "funky" Art und können so wichtige Themen rüberbringen.

Kommst du aus einer politischen Familie? Wurde bei euch über Politik gesprochen?

Nein, nicht besonders. Wir sind auch keine politische Band, wir sagen den Leuten nicht, was sie wählen sollen. Wir versuchen, die Gefühle der Menschen einzufangen und diese in unserer Musik auszudrücken.

Ist die Jugend in Israel politisch interessiert?

Das Interesse kommt immer in Wellen. Im Moment ist das Interesse an Politik wieder geringer. Das Interesse ist am größten, wenn alles gut zu gehen scheint oder wenn die Situation sehr schlecht ist. Oft kommt beides zusammen. Wenn es Fortschritte im Friedensprozess gibt, kommt es auch vermehrt zu Terroranschlägen. Es ist traurig zu sagen, aber wir leben unser Leben, ohne nach rechts und links zu schauen. Wir haben uns mit der Situation arrangiert.

Wie war die Stimmung im Land während des Libanonkrieges?

Ich spreche jetzt nicht von mir, sondern von Israel, die Menschen gewöhnten sich an den Krieg. In Tel Aviv und Jerusalem ging das Leben normal weiter, die Leute gingen zur Arbeit und in Haifa fielen die Bomben.

Wie denkst du darüber?

Es ist sehr schwierig, aber ich denke, es ist nachvollziehbar. Es ist nicht unser erster Krieg. Es ist eine Art damit umzugehen.

In Israel gibt es zwei Lager, die Anhänger Tel Avivs und die Jerusalems. Vor allem Tel Aviv gilt als die Stadt der Jugend, Jerusalem hingegen ist das religiöse Herz des Landes. Bist Du ein Tel Avivi oder Jerusalemer?

Ich bin mehr ein Jerusalemer, wobei ich mich auch in Tel Aviv wohl fühle. Lange war ich ein Tel-Aviv-Gegner, jetzt fühle ich mich in beiden Städten wohl. Ich denke, für die Jerusalemer bin ich zu sehr Tel Aviver und für Tel Aviv zu sehr Jerusalemer. Ich war ein Anti-Tel-Aviver und Pro-Jerusalemer, heute denke ich, dass ich etwas von beiden Städten in mir trage.

Wie würdest Du Tel Aviv und Jerusalem beschreiben?

Tel Aviv ist unecht, oberflächlich, scheinheilig. Im Gegensatz dazu ist Jerusalem tiefgründig, interessant, ehrlich.

Du bist in Jerusalem aufgewachsen. Wie hat sich Jerusalem geändert?

Die Stadt ist religiöser geworden. Ich bin säkular und ich brauche auch Säkulare um mich herum, auch wenn es immer weniger werden. Gleichzeitig hat Jerusalem eine kleine, aber extrem lebendige Kunstszene, die auch viele Tel Avivis in die Stadt bringt. Das mag ich sehr an dieser Stadt. Jerusalem ist oft ein Parameter, in welche Richtung Tel Avivs Kunstszene geht.

Könntest du dir vorstellen, woanders zu leben?

Ja, für eine Weile. Es wäre sehr spannend und schön, um neue Inspiration zu bekommen.

Du würdest aus diesen Gründen das Land verlassen, nicht aus Angst vor Anschlägen oder dem Konflikt?

Ich denke manchmal darüber nach, aber Fakt ist, ich bin hier geboren und lebe in diesem Land. Ich habe Terroranschläge und Kriege überlebt. Ich habe das Land aus Angst nicht verlassen und wenn ich das Land verlasse, dann nicht aus diesen Gründen. Wenn ich das Land verlasse, dann um neue Inspiration zu bekommen, mich würde zum Beispiel Berlin interessieren.

Welche Bedeutung hat Theodor Herzl heute?

Herzl hatte einen schönen Traum. Dieses Land ist jedoch nicht, wie Herzl es sich vorgestellt hatte, er träumte von einem säkularen Staat. Es gibt in Israel keine Trennung von Staat und Kirche. Herzl hatte auch nicht an die Palästinenser gedacht. Ich glaube, Herzl war ein interessanter Typ, ich wäre gern ein Bier mit ihm trinken gegangen. Er war ein Visionär, aber aus Visionen wird leider nicht immer Realität.

Was ist aus den großen zionistischen Ideen geworden, dem gemeinsamen Aufbau des Landes, der Gleichheit und Gerechtigkeit?

Zionismus hält immer noch das Land zusammen, es ist der Zement, aber ich denke, es sollte etwas modernisiert werden. Israel ist die Heimat der Juden, aber ich verstehe, dass es Heimat auch für andere ist. Wir sind 60 Jahre hier, und wir bleiben hier, das muss die arabische Seite verstehen.

Was wünschst du Israel zum 60. Geburtstag?

Ich hoffe, wir haben zum 61. Geburtstag Israels Frieden mit allen Nachbarn. Ich glaube an den Frieden und bin überzeugt, dass Frieden möglich ist. Auch wenn es nicht unbedingt ein europäischer Frieden sein wird, aber es wird viel besser sein als das, was wir jetzt haben.

Wie ist deine Vision Israels in weiteren 60 Jahren?

Wenn es Frieden gibt, kann es großartig werden, wir könnten all die Magie des Orients haben und die ganze Region im mittleren Osten könnte aufblühen, da bin ich mir sicher.

Hanna Huhtasaari ist Online-Volontärin bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Foto: ©www.hadag.co.il


www.hadag.co.il
Die Website der Band mit zahlreichen Songs zum Anhören

http://en.wikipedia.org/wiki/Hadag_Nachash
Mehr zur Geschichte der Band, Links zu Interviews und Videos

www.bpb.de/themen/OHUXTC,0,60_Jahre_Israel.html
Die Entwicklung Israels ist eine Erfolgsgeschichte: Seit seiner Gründung hat es Menschen aus über 120 Ländern in einen jüdisch-demokratischen Staat integriert. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Land ist eine Hightech-Nation geworden.