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Erin Cosgrove: Die Baader-Meinhof-Affäre

Die Waffe der Herzen

22.5.2005 | Claudia Kramatschek | Kommentar schreiben | Artikel drucken

“Zur Vorstellung des Terrors” hieß eine Ausstellung in Berlin, die sich grad mit der Geschichte der RAF aus Sicht der Kunst beschäftigt – und aus Sicht einer jungen Generation, für die das, was damals in den Siebzigern geschah, nur noch Geschichte ist. Auch Erin Cosgrove gehört zu dieser Generation der “Nachgeborenen“, die sich auf unschuldig-gewagte Weise einer Geschichte des politischen Terrors nähert, von der sich die Bundesrepublik bis heute nicht wirklich erholt hat. Cosgrove wurde 1969 in New York geboren, lebt heute als Künstlerin und Autorin in New York und vermischt in ihrem bisherigen Werk nicht nur Schrift und Bild. Denn in ihrem Roman “Die Baader-Meinhof-Affäre” kann man nun auch studieren, was passiert, wenn man die blutige Geschichte der RAF mit dem romantischen Genre des Liebesromans vermischt und das Ganze auf einem amerikanischen Campus platziert.

Spiel im Spiel

Dort nämlich erleben in Cosgroves Roman Baader und Meinhof mittels einer aberwitzigen Mischung aus Pulp, Fakten und Fiktion eine gewagte wie wundersame Wiederauferstehung. Schauplatz des Romans ist die Elite-Universität “Norden“ an der amerikanischen Ostküste, wo Mara alias Meinhof ihr Studium aufnimmt, um sich der Analyse von Serienkillern zu widmen. Schon am ersten Tag trifft sie auf dem Campus auf Holden alias Baader und erliegt seinem Charme aus Macho und Sanftnatur. Holden selbst ist in seiner schwerreichen Familie das schwarze Schaf – denn seit seiner Jugend kämpft er gegen das Establishment und für eine bessere Welt.

Kein Wunder also, dass er als führender Kopf zu einer Gruppe am Germanistischen Seminar von Norden gehört, die sich mit der Geschichte der RAF in Theorie - und Praxis - auseinandersetzt: Denn einmal pro Jahr spielt die Gruppe die wichtigsten Ereignisse der RAF live in einer Art Open-air-Passionsspiel nach – “für den Fall, dass noch einmal eine Gruppe wie die RAF aus der Herrschaftslinie hervorgehen sollte, um als Speerspitze zu fungieren”, wie es im Roman heißt. Mara wird – wider Holdens Willen – die Rolle von Meinhof übernehmen. Für sie, die frisch Verliebte, ist das jedoch ein Spiel im Spiel, um Holden zu beweisen, dass sie als Frau ebenso ernst genommen werden muss wie ihre Gegenspielerin Regan Thresh, die Ex-Freundin von Holden, die nicht umsonst die Rolle von Ensslin übernimmt.

Kleine Bomben

Ob Mara am Ende das Herz von Holden erobert, das sei hier nicht verraten. Doch unter der kunstvoll naiv und bewusst kitschig inszenierten Liebesgeschichte lauern kleine Bomben. Cosgrove ist nämlich eine trickreiche Erzählerin: und dazu zählen vor allem so gelehrte wie satirische Exkurse zur Geschichte – und zur Wahrnehmung der RAF. “Cool”, sagt Mara etwa, als sie zum ersten Mal das alte Fahndungsplakat sieht, und hält es für die Werbung einer Modemarke. Etwas heikler wird es da schon, wenn Maras Professor Horst Mahler heißt – und sich wie sein echtes Alter Ego als hasserfüllter Extremist erweist. Diese kleine Fußnote aber liefert eine heiße Spur: Denn Cosgrove attackiert die RAF an ihrem wunden Punkt: dass sie sich, wie einst ihre Väter, mit Vorliebe als Opfer der Geschichte inszenierte.

Ein Spiel namens Kunst

Letztlich aber halten sich kritische Distanz und ein kokettes Spiel mit der Faszination bei der Autorin die Waage. Was heißt: Einer eindeutigen Position entzieht sie sich ebenso wie ihr Roman. Doch Cosgrove geht es nicht um die RAF, ihr geht es um ein Spiel namens Kunst. Wo ihr Altersgenosse, der deutsche Autor Leander Scholz, einst in “Rosenfest” Fakten und Fiktion gefährlich verwischte, im Bemühen, den Mythos als Mythos zu entlarven, sind bei Cosgrove Fakten Fakten, und Fiktion ist Fiktion. Gerade das aber erlaubt wundersam schräge Blicke inmitten historischer Deutungshoheiten, die dieses so deutsche Thema umlagern.

Erin Cosgrove: Die Baader-Meinhof-Affäre. Ein romantisches Manifest (Blumenbar Verlag 2005, 18 €)




Claudia Kramatschek lebt als Literaturkritikerin in Berlin.



www.erincosgrove.com
Die Homepage von Erin Cosgrove (englisch)

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