Die Jugend, so verkündete Papst Benedikt XVI. gleich in seiner ersten Predigt, sei "Zukunft und Hoffnung der Kirche". Das leuchtet sofort ein. Irgendwie ist sie ja Hoffnung und Zukunft von allem, die Jugend. Interessanter ist doch: Wie steht es umgekehrt? Ist die Kirche ihrerseits Zukunft und Hoffnung der Jugend?
Einer aktuellen Umfrage zufolge finden über 70 Prozent der 14- bis 19-Jährigen hierzulande Rückhalt und Hoffnung im Glauben. Als regelmäßige Kirchgänger bezeichnen sich aber nur 11 Prozent. Christliche Gottesdienste, katholische wie evangelische, werden in weiten Teilen Europas zunehmend zu Seniorenveranstaltungen. Auch an jenem Sonntag, als Benedikt XVI. in sein Amt eingeführt wurde, beteten in deutschen Kirchen keine jüngeren Gläubigen.
Wochenlanger Ausnahmezustand
Dagegen quoll in Rom zur selben Zeit der Petersplatz über vor lauter Sturm und Drang. Viele Schüler/innen und Student/innen waren angereist, auch aus Deutschland, allen Strapazen zum Trotz. Wovon zeugen diese begeisterten Massen, die auch bei Weltjugendtagen oder Papstbesuchen regelmäßig die größten Stadien füllen? Von mehr als Begeisterungsfähigkeit und der Lust am Massenspektakel? Über den Popstar-Status von Johannes Paul II. ist viel geschrieben worden, über die Feierlaune der Jugendlichen auch, und wie sehr die katholische Kirche zu feiern versteht, wurde in den letzten Wochen wieder richtig deutlich.
Tatsächlich aber wissen die Leute auf dem Petersplatz an der katholischen Kirche mehr zu schätzen als den pompösen Ritus. Selbst die, die mit Kirche sonst nichts am Hut haben, haben den Papst in den vergangenen Jahren als mächtigen Verbündeten kennen gelernt. Wenn es um die Forderung nach weltweiter sozialer Gerechtigkeit, die Missbilligung ungehemmter Globalisierung oder den Protest gegen Kriege und Menschenrechtsverletzungen ging, wusste die Mehrheit der Jugend Johannes Paul II. an ihrer Seite. Alles deutet darauf hin, dass sie diesen Verbündeten auch in Benedikt XVI. finden wird.
Gegessen wird, was auf den Tisch kommt
Auf ihrem ureigensten Gebiet, der Sorge um das menschliche Seelenheil, bietet die katholische Kirche ebenfalls Verlockendes. Besonders für den Alltag der westlichen Welt. Vor allem die Vorstellung von göttlicher Wahrheit besitzt wieder Anziehungskraft. In Zeiten, in denen nicht mal unser Ausbildungsplatz sicher ist, werden Trost und Gewissheit versprochen. Wer auf der Suche nach Zielen jenseits der nächsten Urlaubsreise ist, wird auf Unumstößliches verwiesen. Und statt nervenaufreibendem Trendscouting gibt es jahrtausendalte Geschichten.
Doch dieses Angebot hat eine Kehrseite. Bestimmtheit statt Beliebigkeit, Verbindlichkeit statt Verhandelbarkeit - das bedeutet nämlich auch: Die christliche Religion ist kein Kuchen, aus dem man sich nur die Rosinen picken kann. Für dieses religiöse Prinzip hat sich gerade Benedikt XVI. zuvor als Präfekt der Glaubenskongregation wie kein Zweiter eingesetzt. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, und das Kuchenrezept steht, zumindest im Grundsatz, nicht zur Debatte. Selbst wenn es nicht nach dem Geschmack der Zeit ist. Die kirchliche Lehre, so brachte es Johannes Paul II. einmal auf den Punkt, müsse sich nicht dem Leben anpassen, sondern das Leben der kirchlichen Lehre.
Der Graben zwischen Lehre und Wirklichkeit
Diese Verbindlichkeit der Lehre zu akzeptieren, kann schwierig sein. Schwieriger noch wird es, wenn die Lehre Positionen enthält, die fragwürdig scheinen. Und solche Positionen dürften auch unter Benedikt XVI. nicht weniger werden. Vor allem in Fragen der katholischen Sexualmoral ist mit grundlegenden Veränderungen nicht zu rechnen. Das aber hieße: Künstliche Empfängnisverhütung wird weiterhin abgelehnt, Abtreibung und ihre Unterstützung geächtet und Homosexualität als "Verstoß gegen das natürliche Sittengesetz" gebrandmarkt.
Viele junge Katholiken in Deutschland sehen das alles nicht so eng. Sie engagieren sich für ein modernes Abtreibungsrecht, benutzen Kondome selbst vor der Ehe, gehen nicht einmal regelmäßig zur Kirche und können damit leben. Gut sogar. Die Frage ist, ob und wie die katholische Kirche damit leben kann. Und so wird sie auch unter Benedikt XVI. vor einer Gratwanderung stehen. Lässt sie zu wenig zu, droht ihr zumindest in Teilen der westlichen Welt das Schicksal einer eigenwilligen, aber bedeutungslosen Sekte. Gibt sie dagegen zu viel preis, droht der Abstieg in ein Dasein als erfolgreicher, aber x-beliebiger Partyveranstalter.
Dominik Fehrmann schreibt für Zeitungen und Magazine. Er lebt in Berlin.
www.bdkj.de
Bund der deutschen katholischen Jugend
www.weltjugendtag.de
Alles über den 20. Weltjugendtag in Köln vom 16.–21. August 2005
www.omniquest.de
Meinungsforschungsinstitut mit einer aktuellen Umfrage zum religiösen Glauben in Deutschland
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