Betti, Verena und Paula. So heißen Carlos Engel. Immer sind sie
in seiner Nähe, und er, Carlos, ist der Vierte im Bunde. Carlos
zerrt einen abgegriffenen "Wachturm" aus seiner Tasche.
Bunte Bildern von Frauen und Kindern, die auf einer sommerlichen
Blumenwiese spielen. Sie lachen und sind glücklich. Das gefällt
Carlos so, dass er auch lachen muss.
Es
ist Mittwochabend in der Sportallee 70 in Hamburg. Das
Winternotprogramm (WNP) der Stadt Hamburg für obdachlose
Menschen hat wie jedes Jahr vor kurzem am 1. November begonnen. Bis
31. März werden hier jede Nacht bis zu hundert Menschen ein Bett
und eine warme Mahlzeit finden können. Im Moment sind es noch
nicht mehr als fünfzig, die Temperaturen sind noch nicht unter
Null gefallen.
"Ich
bin doch schon nass", meint Carlos, lacht und zeigt auf seinen
vom Regen durchnässten Parka. Gerade wurde er an der Rezeption
daran erinnert, dass es mal wieder Zeit für eine Dusche ist.
Doch Carlos ist Einzelgänger. Er geht, wohin der Weg ihn führt
und meistens führt er ihn nicht in die Dusche.
Beim
Lachen ist der Café im Becher übergeschwappt und hat
einen brauen Fleck auf dem grauen Linoleum hinterlassen. Es ist nicht
der erste: viele braune Caféflecken weisen auf dem mit
Neonlicht erleuchteten Korridor den Weg vom Essensraum zum
Fernsehzimmer. Und dahin verschwindet nun auch Carlos.
Es
klingelt im Rezeptionszimmer. Kurzer Kontrollblick auf den Monitor.
Kerstin Haßforther, Mitarbeiterin des Trägers der
Einrichtung, erkennt die meisten ihrer Übernachter schon von
weitem. Der jetzt mit einer Plastiktüte in der Hand angewankt
kommt, ist neu. Tuberkulose-Schein, Abmeldung vom Wohnsitz,
Aufenthaltsgenehmigung - die jeweiligen Papiere werden genau geprüft.
Wer
zu betrunken ist oder randaliert, fliegt raus. Alkohol muss an der
Rezeption abgegeben werden, er darf nur vor dem Haus konsumiert
werden. " Um 19 Uhr gibt es Essen, Rauchen nur im Fernsehzimmer,
86, das ist ihre Bettnummer. Wollen sie Shampoo und ein Handtuch?
Keinen Alkohol hab ich gesagt!"
Kerstin
Haßforther nimmt erstmal die Plastiktüte des Mannes
entgegen und stellt sie zu den anderen in die Verwahrung, die
aneinander stoßenden Bierflaschen erzeugen ein klirrendes
Geräusch. Der Mann aus Polen nimmt sein Handtuch und macht sich
auf zu dem Vierbett- Zimmer, in dem er untergebracht wurde. Seine
Fahne hängt noch einen Moment in der Luft.
Auf
einem der Betten liegt ein Wecker, wie ihn Kinder haben, knallrot und
mit einem Donald Duck auf dem Ziffernblatt. Der Besitzer ist für
heute noch nicht wieder zurückgekehrt, doch hat er seinen Wecker
dagelassen, damit etwas auf ihn wartet. Diese Demonstration von
Besitz und beruhigenden Wiederholungen in einer Alltagsstruktur, in
der nichts von Dauer ist, rührt. Morgen früh um 9 Uhr
müssen
alle
das Haus verlassen haben.
Der
lange Korridor ist gut beheizt und mit Neonröhren hell
erleuchtet. Acht rote Türen auf jeder Seite führen in
einfache 4- Bett Zimmer. Ein undefinierbarer Geruch hängt in
der Luft. Öffnet man am anderen Ende des Ganges die Tür zum
Fernsehraum, wird man von Zigarettenqualm fast erschlagen. Gerade
wird diskutiert, was geschaut werden soll: Handball oder Boxen.
Einige Männer verlassen schnaubend den Raum, die Tür knallt
zu: Entscheidung Handball.
In
einer dunklen Ecke vor dem Bücherregal sitzt Matthias, 43, aus Erfurt und strickt an einem Paar Socken. Er hat seine Wohnung
verloren und auch erst einmal genug von der schwulen Szene seiner
Stadt. "Ich war Putze im Darkroom, danach hab ich dieselben
Leute bei der Aidsberatung sitzen gehabt, wo ich ehrenamtlich
gearbeitet habe. Im Handarbeitsladen hab ich auch mal gejobbt.
Ich
werde schon wieder einen Job finden."
Die
Zahl der obdachlosen Schwulen ist nicht gerade gering. Gerade in
dieser oftmals hedonistisch orientierten Bevölkerungsgruppe sind
die sozialen Strukturen weniger von Fürsorge geprägt,
Kinder als Bindeglieder zwischen den Partner fehlen und nicht selten
haben die Familien den Kontakt zu ihren Kindern abgebrochen.
All
dies sind Faktoren, die Obdachlosigkeit begünstigen. Darüber
hinaus können Arbeitslosigkeit und Schulden Gründe sein.
Kindheitstraumata, Alkohol- und Drogenkonsum oder Depressionen machen
eine schlimme Situation noch schlimmer und können den Abstieg in
die Obdachlosigkeit vorantreiben.
Es
scheint zwar bewiesen dass ca. zwei Drittel alkohol- und
drogenabhängig sind und bis zu einem Drittel unter Schizophrenie
und Depressionen leiden, doch wie man an diese Menschen herantreten
soll, ist oftmals immer noch unklar- zu rätselhaft und
einzigartig sind die Schicksale dieser Menschen. Auffallend ist heute
jedoch, dass es immer mehr Frauen und junge Menschen trifft.
Etwas
später kommt Klaus von einem Besuch bei seiner Oma zurück.
Er trägt einen gestreiften Kapuzenpulli und kurze Haare. Zwölf
Jahre war er toxikoman, was heißt, dass er hat alle Drogen
konsumiert hat, die er bekommen konnte, hauptsächlich jedoch
Heroin. Würden ihm nicht einige Zähne fehlen, man sähe
es ihm nicht an. Klaus verteilt großzügig den Kuchen,
den die Oma ihm mitgegeben hat im Wohnzimmer. Die Boxfraktion hat
mittlerweile den Bildschirm zurückerobert und Regina Halmich
kämpft unter Schweiß, Blut und den Anfeuerungen der Männer
ihren letzten Kampf. Stefan aka DJ Bruno streckt seinen Kopf zur Türe
rein: " NEE, wat! Boxen, geil," berlinert er und setzt sich
zu den anderen.
So
werden noch einige Stunden in dem mit Holztischen und Stühlen
bestückten Raum vergehen. Danach geht es wieder in die Kälte:
"Platte machen", "Sitzung schieben", zu den
Ämter gehen, manche gar zur Arbeit oder Uni. Morgen Abend
werden wieder alle um den Fernseher versammelt sein.
Ein
Ort zu sein, aber kein Zuhause.
Text und Bilder sind Anne Ackermanns Abschlussarbeit der Danish
School of Journalism in Aarhus,
Dänemark
Fotos: ©Anne Ackermann / www.anneackermann.com
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