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Winterschläfer

Ein Ort zu sein, aber kein Zuhause

22.1.2008 | Anne Ackermann | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Betti, Verena und Paula. So heißen Carlos Engel. Immer sind sie in seiner Nähe, und er, Carlos, ist der Vierte im Bunde. Carlos zerrt einen abgegriffenen "Wachturm" aus seiner Tasche. Bunte Bildern von Frauen und Kindern, die auf einer sommerlichen Blumenwiese spielen. Sie lachen und sind glücklich. Das gefällt Carlos so, dass er auch lachen muss.

Es ist Mittwochabend in der Sportallee 70 in Hamburg. Das Winternotprogramm (WNP) der Stadt Hamburg für obdachlose Menschen hat wie jedes Jahr vor kurzem am 1. November begonnen. Bis 31. März werden hier jede Nacht bis zu hundert Menschen ein Bett und eine warme Mahlzeit finden können. Im Moment sind es noch nicht mehr als fünfzig, die Temperaturen sind noch nicht unter Null gefallen.

"Ich bin doch schon nass", meint Carlos, lacht und zeigt auf seinen vom Regen durchnässten Parka. Gerade wurde er an der Rezeption daran erinnert, dass es mal wieder Zeit für eine Dusche ist. Doch Carlos ist Einzelgänger. Er geht, wohin der Weg ihn führt und meistens führt er ihn nicht in die Dusche.

Beim Lachen ist der Café im Becher übergeschwappt und hat einen brauen Fleck auf dem grauen Linoleum hinterlassen. Es ist nicht der erste: viele braune Caféflecken weisen auf dem mit Neonlicht erleuchteten Korridor den Weg vom Essensraum zum Fernsehzimmer. Und dahin verschwindet nun auch Carlos.

Es klingelt im Rezeptionszimmer. Kurzer Kontrollblick auf den Monitor. Kerstin Haßforther, Mitarbeiterin des Trägers der Einrichtung, erkennt die meisten ihrer Übernachter schon von weitem. Der jetzt mit einer Plastiktüte in der Hand angewankt kommt, ist neu. Tuberkulose-Schein, Abmeldung vom Wohnsitz, Aufenthaltsgenehmigung - die jeweiligen Papiere werden genau geprüft. Wer zu betrunken ist oder randaliert, fliegt raus. Alkohol muss an der Rezeption abgegeben werden, er darf nur vor dem Haus konsumiert werden. " Um 19 Uhr gibt es Essen, Rauchen nur im Fernsehzimmer, 86, das ist ihre Bettnummer. Wollen sie Shampoo und ein Handtuch? Keinen Alkohol hab ich gesagt!"

Kerstin Haßforther nimmt erstmal die Plastiktüte des Mannes entgegen und stellt sie zu den anderen in die Verwahrung, die aneinander stoßenden Bierflaschen erzeugen ein klirrendes Geräusch. Der Mann aus Polen nimmt sein Handtuch und macht sich auf zu dem Vierbett- Zimmer, in dem er untergebracht wurde. Seine Fahne hängt noch einen Moment in der Luft.

Auf einem der Betten liegt ein Wecker, wie ihn Kinder haben, knallrot und mit einem Donald Duck auf dem Ziffernblatt. Der Besitzer ist für heute noch nicht wieder zurückgekehrt, doch hat er seinen Wecker dagelassen, damit etwas auf ihn wartet. Diese Demonstration von Besitz und beruhigenden Wiederholungen in einer Alltagsstruktur, in der nichts von Dauer ist, rührt. Morgen früh um 9 Uhr müssen alle das Haus verlassen haben.
Der lange Korridor ist gut beheizt und mit Neonröhren hell erleuchtet. Acht rote Türen auf jeder Seite führen in einfache 4- Bett Zimmer. Ein undefinierbarer Geruch hängt in der Luft. Öffnet man am anderen Ende des Ganges die Tür zum Fernsehraum, wird man von Zigarettenqualm fast erschlagen. Gerade wird diskutiert, was geschaut werden soll: Handball oder Boxen. Einige Männer verlassen schnaubend den Raum, die Tür knallt zu: Entscheidung Handball.

In einer dunklen Ecke vor dem Bücherregal sitzt Matthias, 43, aus Erfurt und strickt an einem Paar Socken. Er hat seine Wohnung verloren und auch erst einmal genug von der schwulen Szene seiner Stadt. "Ich war Putze im Darkroom, danach hab ich dieselben Leute bei der Aidsberatung sitzen gehabt, wo ich ehrenamtlich gearbeitet habe. Im Handarbeitsladen hab ich auch mal gejobbt. Ich werde schon wieder einen Job finden."

Die Zahl der obdachlosen Schwulen ist nicht gerade gering. Gerade in dieser oftmals hedonistisch orientierten Bevölkerungsgruppe sind die sozialen Strukturen weniger von Fürsorge geprägt, Kinder als Bindeglieder zwischen den Partner fehlen und nicht selten haben die Familien den Kontakt zu ihren Kindern abgebrochen.

All dies sind Faktoren, die Obdachlosigkeit begünstigen. Darüber hinaus können Arbeitslosigkeit und Schulden Gründe sein. Kindheitstraumata, Alkohol- und Drogenkonsum oder Depressionen machen eine schlimme Situation noch schlimmer und können den Abstieg in die Obdachlosigkeit vorantreiben.

Es scheint zwar bewiesen dass ca. zwei Drittel alkohol- und drogenabhängig sind und bis zu einem Drittel unter Schizophrenie und Depressionen leiden, doch wie man an diese Menschen herantreten soll, ist oftmals immer noch unklar- zu rätselhaft und einzigartig sind die Schicksale dieser Menschen. Auffallend ist heute jedoch, dass es immer mehr Frauen und junge Menschen trifft.

Etwas später kommt Klaus von einem Besuch bei seiner Oma zurück. Er trägt einen gestreiften Kapuzenpulli und kurze Haare. Zwölf Jahre war er toxikoman, was heißt, dass er hat alle Drogen konsumiert hat, die er bekommen konnte, hauptsächlich jedoch Heroin. Würden ihm nicht einige Zähne fehlen, man sähe es ihm nicht an. Klaus verteilt großzügig den Kuchen, den die Oma ihm mitgegeben hat im Wohnzimmer. Die Boxfraktion hat mittlerweile den Bildschirm zurückerobert und Regina Halmich kämpft unter Schweiß, Blut und den Anfeuerungen der Männer ihren letzten Kampf. Stefan aka DJ Bruno streckt seinen Kopf zur Türe rein: " NEE, wat! Boxen, geil," berlinert er und setzt sich zu den anderen.

So werden noch einige Stunden in dem mit Holztischen und Stühlen bestückten Raum vergehen. Danach geht es wieder in die Kälte: "Platte machen", "Sitzung schieben", zu den Ämter gehen, manche gar zur Arbeit oder Uni. Morgen Abend werden wieder alle um den Fernseher versammelt sein.

Ein Ort zu sein, aber kein Zuhause.

Text und Bilder sind Anne Ackermanns Abschlussarbeit der Danish School of Journalism in Aarhus, Dänemark

Fotos: ©Anne Ackermann / www.anneackermann.com






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